Wie ein Schweizer, den niemand mehr kennt, die USA mitformte

Der Genfer Aristokrat Albert Gallatin startete vor 235 Jahren in Amerika eine ungewöhnliche Emigrantenkarriere. Gallatin formte zusammen mit anderen Gründungsvätern wie Präsident Thomas Jefferson das politische System der USA. Dennoch ist er in Amerika und in der Schweiz praktisch vergessen.

Die Statue von Albert Gallatin.

Bildlegende: Die Statue von Gallatin, die fast niemand bemerkt. Rechts hinter den Bäumen steht das Weisse Haus. Ruth Wittwer

Albert Gallatin war einflussreich und mächtig. Finanzminister, Diplomat, Ethnologe und Bankpräsident: Die Karriere des Genfer Aristokraten war aussergewöhnlich. Und trotzdem stand der bescheidene Mensch zeitlebens im Schatten des Mächtigen des Weissen Hauses. Heute steht eine Bronze-Figur von Gallatin vor dem Finanzdepartement in Washington D.C.. Das Ministerium liegt direkt neben dem Amtssitz des US-Präsidenten. Touristen wollen aber nur das Weisse Haus sehen. Gallatin kennen sie nicht.

Ungewöhnliche Karriere

Die Geschichte des Schweizer Emigranten Abraham Alfonse Albert Gallatin ist anders als die typischen Auswanderer-Schicksale. Er war kein gestrandeter Mittelloser und nicht auf die Hilfe der USA angewiesen. Im Gegenteil: «Albert Gallatin gab Amerika alles, was er hatte», betont sein Biograf Nicholas Dungan, «ohne viel dafür zu bekommen.»

Gallatin verlor seine Eltern früh, der Waisenjunge genoss dank seiner noblen Herkunft dennoch eine erstklassige Ausbildung. Das enge Korsett der Aristokratie, die konservative Denkweise in seinen Kreisen waren dem heranwachsenden jungen Mann zuwider. Mit 19 Jahren überquerte er auf einem Schiff den Atlantik. Er wollte mithelfen, die junge Nation USA aufzubauen.

Einfluss und Macht

Nach ein paar Umwegen liess er sich in Pennsylvania nieder und machte bald in der Lokalpolitik mit. Der Mann mit den vielen Ideen und dem starken, französischen Akzent fiel auf. Bald war Gallatin nationaler Kongressabgeordneter, Senator und schliesslich der vierte Finanzminister. Von 1801 bis 1814 ordnete er unter den Präsidenten Jefferson und Madison Amerikas Finanzen. Bis heute blieb kein Finanzminister länger im Amt als er.

Der glatzköpfige Schweizer wurde zwar US-Bürger, seine Herkunft jedoch sah man in seinem Handeln. Er lehrte die Amerikaner das Sparen, zahlte die Schulden zurück und war gegen Krieg. Gallatin beschaffte das nötige Geld, um den Franzosen Louisiana abzukaufen, was das US-Territorium mehr als verdoppelte und ihn zum wichtigsten Beamten der jungen Republik machte.

Ein Foto des Weissen Hauses bei Nacht.

Bildlegende: Eine Schattengestalt für viele Touristen: Albert Gallatin wird meist übersehen. Keystone

Zurückhaltend und fleissig

1814 verhandelte Albert Gallatin den Vertrag von Gent, der den Krieg zwischen den USA und Grossbritannien beendete. «Das war meiner Meinung nach seine grösste historische Leistung», sagt Biograf Nicholas Dungan. Danach wurde Gallatin Botschafter in Frankreich und England. In New York gründete er die New York University NYU, wurde Präsident der Nationalbank von New York und eine vielbeschäftigte öffentliche Figur.

Gallatin betätigte sich auch als Ethnologe und studierte die Sprache und die Kultur der Indianer. Er erhielt immerhin eine denkwürdige Grabstätte. Albert Gallatin ruht im Hof der Trinity-Kirche in Manhattan gleich neben dem Finanzdistrikt, der berühmten Wall Street. Der «Master of Finance» ist in seinem Himmel.

Sendung: SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 14.07.2015, 17:45 Uhr.

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