Im Zweifel für die Demokratie und gegen die Religionsfreiheit

Die Religionsfreiheit ist den Schweizerinnen und Schweizern ein grosses Anliegen, aber sie muss zurückstehen, wenn es etwa um Schule oder Gleichberechtigung geht. Das ist eines der Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage, die im Auftrag der Monatszeitschrift «reformiert» durchgeführt wurde.

Ein braunes Kruzifix hängt an der Wand, unscharf im Hintergrund ein Schüler, der auf eine Tafel schreibt.

Bildlegende: Eine Umfrage zeigt, die Mehrheit in der Schweiz will keine religiösen Symbole in der Schule. Reuters

Die Schule soll eine religionsneutrale Zone sein. Das Tragen eines Kopftuchs oder einer jüdischen Kippa lehnen die Schweizerinnen und Schweizer genauso ab wie ein Kreuz im Klassenzimmer. Eine klare Aussage.

Die Schule soll sein. Auch das eine klare Aussage, denn die Befragten wollen keine schulischen Sonderwege aus religiösen Gründen dulden.

Keine Toleranz für Frauendiskriminierung

Auch die Verfassung soll gelten. Artikel 15, der die Religionsfreiheit in der Schweiz regelt, ist für 70 Prozent der Bürgerinnen und Bürger absolut zeitgemäss. Wenn sich aber die freie Ausübung von Religion mit demokratischen Grundrechten überschneidet, dann heisst es für die Befragten: Im Zweifel für Demokratie und Menschenrechte.

Den Grundsatz der Gleichberechtigung von Mann und Frau etwa gewichten sie höher als die Religionsfreiheit. Wer also unter Berufung auf seine Religion die Unterdrückung der Frau propagiert oder praktiziert, darf in der Schweiz nicht mit religiöser Toleranz rechnen. Obligatorischer Schulunterricht und gleiche Rechte für Mann und Frau – das sind also Grundbedingungen zum Beispiel für eine gelingende Integration.

Gegen die Kirchen bei Einwanderungsfragen

Apropos Integration. Die Schweizer Kirchen werden bei Migrationsfragen als glaubwürdige Anwälte bezeichnet; zugleich zählen sie aber bei Asylabstimmungen in aller Regel zu den Verlierern.

Das wird wohl auch am 9. Februar 2014 so sein, wenn über die Einwanderungsinitiative der SVP abgestimmt wird. 52 Prozent der im Auftrag von «reformiert» befragten 1203 Personen würden sie annehmen, nur knapp 40 Prozent lehnen sie ab.

Positive Auswirkungen von Einwanderung, etwa die Linderung des Personalnotstands im Alters- und Pflegebereich durch ausländische Arbeitskräfte, wiegen für die Befragten geringer als Ängste um das Sozialsystem oder vor Kriminalität.

Mehrheit bekennt sich zur Kirche

Hier haben die Schweizer Kirchen also noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Gesellschaftlichen Rückhalt haben sie ja – immerhin 70 Prozent im Lande gehören der reformierten oder der römisch-katholischen Kirche an. 20 Prozent sind konfessionslos und nur 4,5 Prozent sind Muslime.

Das sind Zahlen, die sich deutlich unterscheiden von städtischen Erhebungen, wie sie vergangene Woche der Kanton Basel-Stadt veröffentlicht hat. Dort machen die Muslime 9,3 Prozent der Bevölkerung aus, die klassischen Kirchen verzeichnen nurmehr einen Anteil von 32 Prozent.

Dank Zuwanderung wird die Schweiz katholischer

Zuwanderung, Integration, Religionsfreiheit und Konfessionszugehörigkeit – die Repräsentativumfrage von «reformiert» fördert viele interessante Strömungen zutage. Besonders diese: die mit Abstand grösste Gruppe der Ausländer bilden die – nein, nicht die Muslime, die Katholiken sind‘s mit 41 Prozent.

Die zweitgrösste sind die Konfessionslosen und erst dann kommen die Muslime. Nur 6 Prozent der Ausländer hierzulande sind reformiert. Es scheint also, als würde Zuwanderung die Schweiz vor allem katholischer machen.