Immer mehr Mafiosi in Norditalien

Landvermesser, Investmentbanker, Unternehmer, Notare oder Ärzte – viele einflussreiche Berufsgruppen stehen mittlerweile auf der Gehaltsliste der Mafia. Der junge Journalist Giovanni Tizian rollt in seinem Buch «Mafia AG» auf, wie sich die organisierte Kriminalität in Norditalien festsetzt.

Zwei Polizisten stehen vor einem Polizeiauto auf der Strasse in Neapel.

Bildlegende: Die Mafia hält die Polizei in Atem: Einsatz in Neapel im September 2012. Keystone

Giovanni Tizian gehört zu den jungen, mutigen und schlecht bezahlten Journalisten, die die Hoffnung noch nicht aufgegeben haben. Die Hoffnung, dass es in Zukunft ein Italien ohne Mafia gibt. Er hat in jahrelangen Recherchen eine Fülle von Fakten zusammengetragen und diese jetzt im Buch «Mafia AG» veröffentlicht. Er stützt sich dabei auf gesicherte Quellen: auf Kronzeugenberichte, Gerichtsakten, Abschriften von Telefongesprächen und Verhören, die im Lauf von Ermittlungen durch die Staatsanwaltschaft dokumentiert sind.

Der Autor nennt enorm viele Akteure beim Namen, Täter und Opfer: Giovanni Tizian ist selbst ein Geschädigter. Vor 25 Jahren ging die Küchenmöbelfabrik seines Grossvaters in Kalabrien in den Flammen der Mafia auf. Und ein Jahr später wurde sein Vater, ein Bankangestellter, auf offener Strasse umgebracht. Der Fall bis heute nicht aufgeklärt.

Stimmungsschwankungen

Giovanni Tiziano mit dem Blick von der Kamera abgewandt sitzt vor einem Mikrophon in einem Sessel.

Bildlegende: Von der Mafia verfolgt: Journalist und Buchautor Giovanni Tiziano. David Scerrati

Der Journalist nimmt kein Blatt vor den Mund: Er dankt seiner Grossmutter für ihren Mut, ihre Familie aus Kalabrien weggebracht zu haben. Und er dankt seiner Lebenspartnerin, die seine Stimmungsschwankungen aushalte und ihn darin unterstützt habe, das Buch überhaupt zu Ende zu schreiben.

Denn die Belastungen für einen Journalisten, der in Italien im kontaminierten Untergrund der Mafia wühlt, sind gross. Er kann nur noch mit Bodyguards auf die Strasse, eine Gemeinsamkeit, die er mit Roberto Saviano teilt, der 2006 mit «Gomorrha» über Italien hinaus Furore gemacht hat.

Trotz dieser Betroffenheit kommt Giovanni Tizian ohne Larmoyanz aus. Das Buch ist sehr informativ, wirkt allerdings hier und da mit Fakten etwas überladen. Der Autor macht deutlich, dass es im Land, das wir mit Sonne, Strand und dolce far niente verbinden, unter der Oberfläche eine zweite, brutale Realität gibt, die die Touristen kaum sehen.

Pferdekopf im Bett

Giovanni Tizian beschreibt, wie die Mafia in den letzten Jahren Norditalien geradezu erobert hat. Er führt uns etwa ins Zentrum der Lombardei, nach Mailand. Dort soll in zwei Jahren die Expo 2015, eine Weltausstellung, stattfinden, an der sich viele Länder, darunter auch die Schweiz, beteiligen. Dafür werden ein Schienennetz für Hochgeschwindigkeitszüge, ein neuer Bahnhof, zusätzliche Metrolinien und Kongresszentren gebaut. Die Bauwirtschaft hat Hochbetrieb, schreibt Tizian in seinem Buch: «Auf den Baustellen Mailands, dieser Stadt, die unaufhörlich wächst und immer grössere Teile ihrer Umgebung verschlingt, wird Erde ausschliesslich von Lkws bewegt, die den Emigranten aus Africo gehören.»

Africo ist eine Gemeinde in Kalabrien, ein Herkunftsort der Mafia-Clans der 'Ndrangehta. Giovanni Tizian gräbt bei seinen Recherchen tief. Er skizziert die organisierte Kriminalität als Perpetuum Mobile: Die Mafia macht viel Geld, indem sie Fabriken Abfälle und Sondermüll abnimmt und dieses Material illegal ins Erdreich versenkt. Dann lässt sie den Skandal an die Oberfläche kommen und bietet der betroffenen Gemeinde an, das Gelände zu sanieren.

Der Journalist verdeutlicht, wie Beamte, die sich nicht korrumpieren lassen, eingeschüchtert werden: Eines Abends finden sie ein genageltes Holzkreuz vor der Haustür oder einen Pferdekopf im Bett.

Saubere Westen und schmutzige Hände

Die kalabresischen Mafiabosse, die im wirtschaftlichen Zentrum Italiens, in der Lombardei, Fuss gefasst haben, seien keine Schafhirten aus irgendeinem Provinznest, sondern moderne Geschäftsmänner, die die internationalen Absatzkanäle für Kokain kontrollieren. Sie bewegen sich unbewaffnet, ausgerüstet lediglich mit Notebook und Smartphone. Ihre Aggressivität zeigt sich dagegen im systematischen Aufkaufen von Immobilien, um die Gewinne aus ihrem Kerngeschäft, dem Kokainhandel, anzulegen und reinzuwaschen.

Ein weiter Typ Mafioso, so Giovanni Tizian, sei in Norditalien gegenwärtig besonders ausgeprägt im Gesundheitswesen anzutreffen. Die Ma fia verhilft aufstrebenden Privatkliniken zu den nötigen Krediten, vermittelt den richtigen Leuten Schönheitsoperationen zum Nulltarif und ist behilflich, wenn Prestige-Posten zu vergeben sind. Sie lässt Zahnchirurgen praktizieren, die das Zeug dazu nicht haben und ohne Rücksicht auf Verluste hantieren.

Weisse Kittel und fiktive Patienten

Manch eine Privatklinik dient als Zufluchtsort für Mafiabosse, die so krankgeschrieben sind, dass ihnen die Haft erspart wird. Statt im Gefängnis sitzen sie jahrelang in einem Sanatorium, wo sie sich auch die eine oder andere Freiheit herausnehmen können: Damenbesuche oder eine Fahrt ins Blaue. Giovanni Tizian schildert den Fall eines Mafiosi, der wegen Mord verurteilt worden ist, aber nicht im Gefängnis, sondern in einer Rehabilitationsklinik logierte: «Offiziell ist er zu hundert Prozent querschnittsgelähmt. Die entsprechenden Gutachten wurden von einem bekannten Mediziner aus Bologna unterzeichnet.»

Der fiktive Patient bekam eine Invaliden-Rente und liess sich im Rollstuhl herumkutschieren: Doch eines Tages hat ihn die Polizei beim Autofahren mit überhöhter Geschwindigkeit erwischt. Es stellte sich heraus, dass ein paar weisse Kittel ihre schützende Hand im Spiel gehabt hatten und im Gegenzug die hohle Hand für weisses Pulver, Kokain, gemacht hatten.

Buchhinweis

Giovanni Tizian: Mafia AG. Camorra, Cosa Nostra und 'Ndrangheta erobern Norditalien. Rotbuch Verlag, 2012.

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