«Indien braucht zeitgemässe Gesetze»

Gewalt gegen Frauen ist in Indien Alltag. Viele Opfer erstatten nicht Anzeige, weil sie befürchten, von Polizisten erneut vergewaltigt zu werden. Die jüngsten Proteste nach der Vergewaltigung und dem Mord an einer jungen Frau in Delhi machen deutlich, wie gross die Unzufriedenheit mit dem Staat ist.

Eine junge Studentin protestiert, im Hintergrund halten Menschen brennende Kerzen.

Bildlegende: Indische Frauen beginnen, sich zu wehren: Eine Studentin bei einem Protest in Gauhati. Keystone

Sechs Männer vergewaltigten am 16. Dezember eine 23jährige Frau in einem öffentlichen Bus in Delhi. Sie verletzten sie mit einer Eisenstange schwer und warfen sie auf die Strasse.

Die Empörung, die sich darauf entlud, sei eine «urbane Empörung», sagt Shalini Randeria, Professorin für Ethnologie in Genf und Berlin, die selbst aus Indien stammt. Sie beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Rechtsfragen und ist skeptisch, ob die Gesetzesreformen, die die indische Regierung nach den Protesten vorgeschlagen hat, überhaupt realisiert werden:

« Kein einziger Vorschlag der Regierung ist neu. Die kennen wir seit Jahren – nichts davon ist bisher umgesetzt worden. »

Solange dieselben Polizisten, Anwälte, Ärzte und Richter im Amt seien, sei an eine Umsetzung der Reformen kaum zu denken. Nötig seien zeitgemässe Gesetze und eine effizientere Gerichtsbarkeit: Vergewaltigungsopfer müssten heute acht bis zehn Jahre auf ein Gerichtsverfahren warten.

Unwürdige Gesetze

Manche der gültigen Gesetze seien einfach abzuschaffen, fordert die Anthropologin Randeria. Beispielsweise der «Zweifingertest», den ein Arzt bei der Anzeige einer Vergewaltigung vornehmen muss. Er führt dazu zwei Finger in die Scheide der Frau ein, um festzustellen, «ob die Frau gewohnt ist, Geschlechtsverkehr zu haben». Wenn dem so ist, werde das im Verfahren gegen die Frau verwendet. Es zerstört ihre Glaubwürdigkeit, denn wenn sie öfters Verkehr hatte, so die Argumentation, könne sie nicht Opfer sein.

Ein patriarchaler, unmenschlicher Standpunkt. Genau wie die Ansicht rechter Politiker, die sich in der Debatte zu Wort gemeldet haben. Shalini Randeria:

« Sie sagen, Vergewaltigungen seien ein urbanes Phänomen, weil die Frauen in den Städten verwestlicht seien. Auf dem Land dagegen sei alles wunderbar. Das stimmt nicht, denn 75 Prozent der Vergewaltigungen in Indien passieren auf dem Land. »

Der Ärger ist diffus

Bezüglich der Demonstrationen in Delhi stellt die Anthropologin fest: «Die Mittelschichtskinder protestieren, interessanterweise auch Jungs und junge Männer.» Dieselben Leute hätten kürzlich auch gegen die Korruption von Politik und Polizei demonstriert. Deshalb kommt Randeria zum Schluss: «Es ist ein sehr diffuser Ärger, dem man jetzt Ausdruck gibt. Und er richtet sich gegen eine Regierung, die ihre Pflicht vernachlässigt, die korrupt ist, gegen eine Polizei, die die Leute nicht schützt.»

Der Staat lässt seine Bürger allein


Indien: Vergewaltigung als Klassen-Thema

3:52 min, aus Echo der Zeit vom 27.12.2012

Dass der indische Staat seine Bürgerinnen und Bürger im Stich lässt, bestätigt auch Karin Wenger, Korrespondentin von SRF in Delhi. Vergewaltigung und schwere Körperverletzung blieben in Indien oft ungeahndet. Diese Straflosigkeit sei der eine Grund für die Proteste. Ein anderer liege in der Struktur der indischen Gesellschaft: Die Täter gehörten der Unterklasse an, das Opfer der Mittelschicht – wie die meisten Journalisten. Karin Wenger:

« Es geht um eine Mittelschicht, die sich immer akzentuierter zu Wort meldet und immer mehr zu sagen hat, die genug hat von Korruption und Ungerechtigkeit, zumindest wenn sie selbst betroffen ist. »

Gewalt gegen Frauen ist Alltag

Die Empörung in diesem Fall verschleiere eine Ungerechtigkeit von sehr grosser Tragweite: dass nämlich häusliche Gewalt, Vergewaltigung und Gewalttätigkeit der Polizei in Indien für hunderttausende von Frauen auf dem Land und in den unteren Gesellschaftsschichten zum Alltag gehöre.

«Darüber wird kaum berichtet», sagt Wenger, «und auch nicht darüber, dass in Indien jede Stunde drei Frauen vergewaltigt werden, in der Hauptstadt Delhi alle achtzehn Stunden eine.» Viele Opfer zeigten die Tat nicht an, weil sie fürchteten, auf dem Polizeiposten ein zweites Mal vergewaltigt zu werden. Sie hätten auch Angst, dass Verwandte und Nachbarn sie stigmatisieren.

Eine Männergesellschaft

Die indische Gesellschaft bevorzuge nach wie vor die Knaben. Mitgift müssen die Eltern der Braut auch im modernen Indien bezahlen, tausende von Mädchen würden Jahr für Jahr abgetrieben, sagt Karin Wenger. Die Proteste gegen die Vergewaltigung von Delhi symbolisierten auch «eine Demokratie, die sich schwertut, demokratisch zu sein. ‹Demokratie› im Sinn von Gleichheit zwischen Mädchen und Knaben, oberen und unteren Kasten, Reichen und Armen, gleichen Rechten für alle Bürgerinnen und Bürger.»


Indien und die Gesetzesreformen

4:59 min, aus Kultur kompakt vom 09.01.2013

Das Verbrechen von Delhi hätte Anlass sein können, diese strukturellen Ungerechtigkeiten zu diskutieren. Das sei, so Karin Wenger, nicht geschehen. Sie merkt an, dass gegen mehr als 30 indische Parlamentsabgeordnete zum Teil seit Jahren wegen sexueller Gewalt ermittelt werde. Deshalb könnten viele Frauen den Reformversprechen der Politiker keinen Glauben schenken.

Shalini Randeria

Geboren in Washington, aufgewachsen in Bombay. Derzeit Professorin für Sozial-Anthropologie und Soziologie in Genf, zuvor an der Universität Zürich. Seit 2010 Gastprofessorin am sozialwissenschaftlichen Forschungszentrum (WZB) in Berlin. Zahlreiche anthropologische Publikationen über Globalisierung, Recht, Staat, soziale Bewegungen.