Islam-Stereotype sind unfair, aber sie wirken

IS-Extremisten terrorisieren die Bevölkerung im Irak und in Syrien. Im Westen ist schnell ein Schuldiger gefunden: der Islam. Was ist dran an den immergleichen Stereotypen, die über die Muslime kursieren? Islamwissenschaftler Reinhard Schulze nimmt sie unter die Lupe.

Niederkniende muslimische Männer beim Gebet in einer grossen Moschee.

Bildlegende: Auch wenn Muslime andere Traditionen haben, lässt sich zwischen «dem Westen» und «dem Islam» nicht einfach trennen. Keystone

Stereotyp 1: Im Gegensatz zum Christentum ruft der Islam zu Gewalt auf. Dass Ungläubige getötet werden sollen, steht schon im Koran, Sure 9 Vers 5: «Und wenn nun die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Heiden, wo immer ihr sie findet, greift sie, umzingelt sie und lauert ihnen überall auf!»

Reinhard Schulze: Dieses Stereotyp reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück. Aber für die meisten Muslime schreiben Koran und muslimische Ethik durchaus ein generelles Tötungsverbot vor. Sie lesen Koransure 9,5 nicht als Aufforderung, die Ungläubigen einen nach dem andern umzubringen. Sondern sie verorten die Aussage als spezifisch in der Zeit des frühen 7. Jahrhunderts. Heute muss die Stelle anders, im Kontext der modernen Ordnung interpretiert werden.

Stereotyp 2: Für die Muslime ist der Koran ewig gültig, sie müssen sich deswegen an alle darin enthaltenen Vorschriften halten.

Viele Nichtmuslime sehen den Koran als zeitlosen Text, der ausserhalb eines Kontextes einfach da ist, wie ein Gesetzestext. Für die Muslime und Musliminnen sind die Worte zwar als ewig gültig anzusehen, aber immer in Bezug auf einen Kontext. Sie kennen ihre Traditionen und wissen, wie solche Textstellen interpretiert werden müssen. Sie verfügen über ein Know-how im Umgang auch mit schwierigen religiösen Texten.

Stereotyp 3: Aufklärungsprozesse wie in der jüdisch-christlichen Tradition sind im Islam unbekannt oder haben zumindest kaum Wirkung entfaltet.

Auch dieser Vorwurf geht bis ins 18. Jahrhundert zurück. Das Problem ist, dass wir für die Beurteilung des Islams die Geschichte ignorieren. Die islamische Tradition hat sich aber verändert. In der frühen Neuzeit haben Prozesse stattgefunden, die vergleichbar sind mit unserer Aufklärung. Zum Beispiel war es im 18. Jahrhundert in islamischen Debatten ein wichtiges Thema, dass der Mensch als Subjekt einen Wert hat. Leider ist dieses Wissen vergessen gegangen, im Westen wie auch in der islamischen Welt.

Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass westliche Denker behauptet haben, es sei muslimischen Denkern unmöglich, die Konzepte Rousseaus oder Montesquieus zu benutzen. Das sei dem Westen vorbehalten. Islamische Fundamentalisten haben diese Denkweise dann übernommen und gesagt, es gäbe keine islamische Aufklärung. Das scheint mir aber historisch gesehen anders zu sein.

Stereotyp 4: Die islamische Welt hat eine ganz andere Kultur als der Westen, weil sie auch eine ganz andere Geschichte hat.

Das ist das merkwürdige Einverständnis zwischen «dem Westen» und «dem Islam». Beide sind sich einig darüber, dass es eine klare Trennung gibt. Schaut man aber genauer hin, entpuppt sich das als reine Fiktion. Oder wie Nietzsche es gesagt hat: Ein Kreidestrich, der zwischen Orient und Okzident dahingemalt wurde. Eine Trennung, die es in der historischen Wirklichkeit so aber nicht gibt. Muslimische Intellektuelle des 18. und 19. Jahrhunderts sind in das Gefüge der Neuzeit genauso integriert wie auch christliche Denker in Europa.

Dennoch wird an der Trennung festgehalten, denn «der Islam» hat heute für den Westen eine Funktion. Wir wollen uns vergewissern, dass wir in der westlichen Welt alles richtig machen. Dazu brauchen wir eine negative Folie, wo alles falsch läuft. Wir haben das schon einmal erlebt, in der Zeit des Kalten Krieges: Der Kommunismus wurde als grosse Antithese des Westens aufgebaut, um zu erklären, wie Freiheit und Gerechtigkeit funktionieren. Das erleben wir jetzt nochmals in Bezug auf den Islam. Und die Muslime haben dieses Denken übernommen, indem sie behaupten, eben auch ganz anders als der Westen zu sein.

Stereotyp 5: Der Koran und die Scharia erheben einen Machtanspruch über die Gläubigen und die Gesellschaft. Es ist eine totalitäre Diktatur.

Wir können nicht vom «Islam» als Abstraktum sprechen, als eine Art aussermenschlicher Ordnung, die die Menschen definiert. Es sind Menschen, die den Islam gestalten; und nicht der Islam, der die Menschen gestaltet. Sowohl der Koran als auch die Prophetentradition sagen nichts in Bezug auf die Herrschaft. In früher islamischer Zeit wurden religiöser Kult und Alltagspraxis getrennt. Erst in den 1960er-Jahren hoben Fundamentalisten diese Trennung auf und behaupteten, der Islam sei Staat und Religion. Das ist also ein sehr neues Phänomen.

Stereotyp 6: Die Muslime distanzieren sich zu wenig von islamischem Terror.

Natürlich distanzieren sich viele Muslime, auch Meinungsführer. Nicht gerade Millionen, aber sie tun es. Für viele Muslime und Musliminnen ist der islamische Terror aber sehr weit weg. Sie glauben, dass sie sich nicht damit auseinandersetzen müssen.

Dabei übersehen die Meinungsführer, dass das Problem des religiösen Terrors in den arabischen Gesellschaften entstanden ist. Damit fällt es in ihren Verantwortungsbereich. Sie müssten sich fragen: Was ist schief gelaufen, dass wir einen solchen Zusammenbruch von Nationalstaaten erleben und ein Trupp von 50‘000 Menschen eine Bevölkerung von 9 Millionen terrorisieren kann? Mit dem Islam hat das nichts mehr zu tun, das ist richtig. Es hat aber mit der sozialen Wirklichkeit zu tun, für die auch die Eliten mitverantwortlich sind.

Zur Person

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Reinhard Schulze ist Leiter des Instituts für Islamwissenschaft und Neuere Orientalische Philologie an der Universität Bern. Immer wieder äussert er sich zum Islam, zu den Muslimen und zur politischen Situation in der arabischen Welt.

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