Islamunterricht - ein Fach wie jedes andere an deutschen Schulen

Ein deutsches Pilotprojekt macht Schule: Islamischer Religionsunterricht wird ordentliches Schulfach – zum Beispiel in Niedersachen. Selbst Muslime waren anfangs skeptisch: Eine Islamkunde-Lehrerin mit kurzem Rock und ohne Kopftuch? Geht das?

Schülerinnen mit und ohne Kopftuch im Islamunterricht

Bildlegende: Islamunterricht an deutschen Schulen: Schülerinnen mit und ohne Kopftuch Keystone

Islam-Kunde als ordentliches Unterrichtsfach gehe durchaus, meint Heidemarie Ballasch: «Denn Islamunterricht ist nicht Koran-Schule». Die Niedersächsische Ministerialrätin ist für die Umsetzung des Islamischen Religionsunterrichts in ihrem Bundesland zuständig: Nach 10-jähriger Projektphase wird das Fach ab dem Sommer regulär in den Stundenplan aufgenommen.

So auch an der Albert-Schweitzer-Grundschule in Hannover, wo Tünay Aygün unterrichtet: In kurzem Rock und ohne Kopftuch. «Die Kinder sagen mir: Du brauchst kein Kopftuch tragen.» Auch die muslimischen Eltern sehen das mittlerweile so, denn sie haben über die Jahre eine Vertrauensbasis zur Religionslehrerin aufgebaut. Für die Schule ist das eine einmalige Chance.

Heidemarie Ballasch: «Die Eltern kommen nicht zur Schule, weil sie keine Experten in Deutsch oder Mathe sind. Aber sie sind Experten im Islam. Da wollen sie wissen: «Was soll das auf dem Arbeitsblatt?!» Und wenn dieser erste Schritt gemacht ist, dann fragen sie auch nach den anderen Fächern.»

Sprachfähig, dialogfähig – Selbstbewusst!

Für die muslimischen Schülerinnen und Schüler bedeutet das: Islamkunde auf Deutsch. Dadurch unterscheidet sich das Unterrichtsfach von der Koranschule und der Religionsausübung in der eigenen Familie, wo häufig türkisch oder arabisch gesprochen wird. «Die Kinder wissen sehr viel über ihre eigene Religion, lernen die Begriffe und religiösen Werte aber in ihrer Muttersprache kennen», sagt Tünay Aygün.

Sie lässt die Kinder im Unterricht erzählen und korrigiert nicht sofort jeden Satz. Die Schülerinnen und Schüler blühen auf, denn hier hört ihnen jemand zu. Es geht nicht um Nominativ oder Akkusativ, nicht um die korrekte Satzstellung. Aber weil Fragen nach dem Glauben intensive Diskussionen mit sich bringen, wird in der Stunde dennoch genau das geschult. «Das ist ein guter Nebeneffekt von unserem Fach, dass die Kinder wirklich sprachfähig, auch dialogfähig werden und dadurch auch ein Stückchen Integration geleistet wird.»

Integration? Auch, aber nicht nur

In Deutschland bekennen sich rund vier Millionen Menschen zum Islam. Knapp die Hälfte hat die deutsche Staatsbürgerschaft. Wie kann man dieser Gruppe und ihrer Religion gerecht werden? «Das, was wir eindeutig vermeiden wollen bei der Argumentation ist, dass der Islamische Religionsunterricht für Integrationsbemühungen instrumentalisiert wird. Das ist es nicht.»

Integration sei ein Nebeneffekt, den das Fach mit sich bringe und der sehr willkommen ist, sagt Heidemarie Ballasch. Das Argument „Integration“ allein legitimiere aber keinen Islamischen Religionsunterricht an deutschen Grundschulen. «Es geht um das Recht auf religiöse Wertevermittlung im Unterricht, das alle Schülerinnen und Schüler haben, die einer Religion angehören.»

Die Situation in der Schweiz

In der Schweiz leben ca. 400'000 Menschen islamischen Glaubens. Eine Handvoll Gemeinden bietet muslimischen Schülern Islamunterricht an. Der wird zwar im Schulhaus durchgeführt, aber nicht mit öffentlichen Schulgeldern finanziert. Das Tragen des Kopftuchs ist an einigen Schulen verboten – sowohl für Schülerinnen als auch für Lehrerinnen.

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