Ist das Neue Testament antisemitisch? 5 Behauptungen überprüft

Bei einem Buch mit hunderten von dicht bedruckten Seiten wundert es kaum, dass es nicht jeder ganz gelesen hat. Kein Wunder auch, dass im Gespräch über die Bibel oft Halbwahrheiten zu hören sind: 5 Antworten zu 5 Behauptungen über die Bibel.

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Die Bibel: Stoff von gestern, Diskussionsstoff für heute

29 min, aus Sternstunde Religion vom 21.6.2015

Behauptung 1: Die Bibel definiert den Menschen als Krone der Schöpfung. Das hat desaströse Folgen für Natur und Tiere.

Der Schriftsteller Carl Amery und der Wissenschaftshistoriker Lynn White vertraten anfangs der 1970er-Jahre die Auffassung: Der Herrschaftsbefehl Gottes an die Menschen im ersten Kapitel der Bibel habe den Grundstein zur Ausbeutung der Natur gelegt, wie wir sie heute beobachten. Die gegenwärtige ökologische Krise lässt sich aber nicht auf eine bestimmte Aussage der Bibel zurückführen. Schliesslich hat sie vielfältige Ursachen und betrifft auch nichtchristliche Weltgegenden.

Auch wenn die Bibel den Menschen tatsächlich als Krone der Schöpfung definiert, sind die Gründe der menschlichen Dominanz über andere Wesen nicht dort zu finden. Vielmehr liegen diese in seiner Evolution: Auch ohne Bibel hätte sich der Mensch zu dem entwickelt, was er heute ist.

Behauptung 2: Das Neue Testament ist antisemitisch.

Das kann man so nicht sagen, zumal auch das Alte Testament scharfe Aussagen gegen Israel und Juda beinhaltet. Es gibt einige judenfeindliche Stellen im Neuen Testament. Besonders bekannt ist Johannes 8,44: «Ihr seid von dem Vater, dem Teufel». Aber solche Aussagen spiegeln weder die Position Jesu noch diejenige der ersten Generation von Christen wieder. Vielmehr sind sie auf die um das Jahr 100 n. Chr. beginnenden Auseinandersetzungen zwischen Kirche und Synagoge zurückzuführen. Die noch unbedeutende christliche Gemeinde verwendete eine überzogene Polemik gegen das Judentum, von dem sie sich absetzen wollte.

Behauptung 3: Jesus ist nicht am Kreuz gestorben.

Diese Hypothese vertraten Autoren der Aufklärungstheologie im frühen 19. Jahrhundert. Später findet sich diese Behauptung auch bei einigen Buchautoren des 20. Jahrhunderts. Sie wollten damit eine natürliche Erklärung für die Auferstehung Jesu konstruieren: Er sei am Kreuz nur scheintot gewesen und danach nochmals ins Leben zurückgekehrt.

Historisch gilt heute als gesichert, dass Jesus eine geschichtliche Figur war, die in Nazareth geboren wurde, als Wanderprediger in Galiläa und Judäa wirkte und um 30 n. Chr. in Jerusalem gekreuzigt wurde. Die Auferstehung aber ist historisch nicht erklärbar. Wohl aber sind die Zeugnisse der Personen aus dem Umfeld Jesu nachweisbar, die Visionen des Auferstandenen gehabt hatten.

Behauptung 4: Jesus ist nicht der Sohn Gottes.

Jesus ist nicht in einem biologischen Sinne der Sohn Gottes, sondern in einem theologischen. «Sohn Gottes» ist eine bekannte Metapher, die im Alten Orient und im Alten Testament für den König steht (siehe Psalm 2,7). Da der König Stellvertreter Gottes auf Erden ist, kann er als dessen «Sohn» gelten. Wenn das Urchristentum Jesus als den «Sohn Gottes» bezeichnet, dann hat dies dieselbe Intention, wie wenn er als «Messias» oder «Christus» bezeichnet wird. Jesus wird als königliche Heilsbringergestalt gedeutet, die man so nahe an Gott heranrückte, dass man ihn im Gottesdienst mit «Herr» ansprach – ein Titel, der in diesem Kontext sonst nur Gott selbst vorbehalten ist. Daraus entstand im 4. Jahrhundert n. Chr. die Lehre der Dreieinigkeit Gottes.

Behauptung 5: Jesus wollte keine Kirche.

Der französische Kirchenhistoriker Alfred Loisy (1857-1940) hat den Satz geprägt: «Jesus hat das Reich Gottes verkündigt – und gekommen ist die Kirche.» Diese Aussage zeigt die Kluft auf zwischen dem, was Jesus erwartet hat, und der sozialen Organisation der frühen Christenheit. Jesus hatte keine Gründung einer Kirche im Sinn, obwohl das Matthäus-Evangelium dies im historischen Rückblick so darstellt (Matthäus 16,18). Da der Gemeinschaftsaspekt in Jesu Wirken aber eine zentrale Rolle spielt, kann die Herausbildung der Kirche nach dessen Tod als ein folgerichtiger Schritt in der Entwicklung des Christentums angesehen werden.

Konrad Schmid

Konrad Schmid ist seit 2002 Professor für alttestamentliche Wissenschaft und frühjüdische Religionsgeschichte an der Theologischen Fakultät der Universität Zürich. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist die Literaturgeschichte des Alten Testaments.

Behauptungen zur Bibel, Teil 1

«Die Bibel ist voller Geschichten über Mord, Krieg und Vergewaltigung», «Die Bibel diskriminiert Frauen», «Die Bibel ist ein Buch voll Märchen und Mythen»: Was Theologe Konrad Schmid auf diese und weitere Behauptungen antwortet, können Sie hier lesen.

Behauptungen zum Islam

Behauptungen zum Islam

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