Tourismus-Misere in Venedig Ist Venedig bald gefährdetes Welterbe?

Wird Venedig zum «gefährdeten Welterbe»? Mechtild Rössler, Chefin des UNESCO-Welterbezentrums, im Interview.

Eine grosse Gruppe von Touristen mit Sonnenschirmen und Handykameras.

Bildlegende: Der exzessive Massentourismus verursacht Probleme: Venedig könnte deshalb das Label «Weltkulturerbe» verlieren. Getty Images

Lesedauer: 5 Minuten

SRF: Die UNESCO diskutiert derzeit darüber, ob Venedig als «gefährdet» eingestuft wird. Hin und wieder hört man von einer «Schwarzen Liste». Was hat es damit auf sich?

Mechtild Rössler: Wir haben keine «Schwarze Liste». Wir haben die Liste «Welterbe in Gefahr», und diese wird manchmal als «Rote Liste» bezeichnet.

Mechtild Rössler vor einem Bücherregal

Bildlegende: Mechtild Rössler ist seit 2014 Leiterin des UNESCO-Weltkulturerbezentrums. UNESCO

Aber ehrlich gesagt, wir sehen überhaupt nicht rot. Die Idee ist ja nicht, Listen zu haben, sondern Stätten von aussergewöhnlichem Wert für zukünftige Generationen zu erhalten.

Diese Liste ist dafür gedacht, die internationale Staatengemeinschaft daran zu erinnern, dass es ihre und meine Verantwortung ist, diese Stätten zu schützen und dafür Unterstützung und zusätzliche Gelder zu erhalten.

Vor einem Jahr hat die UNESCO der Stadt Venedig und dem Staat Italien ein Ultimatum gestellt und einen Massnahmenkatalog verlangt. Im Juli entscheidet nun das Welterbekomitee an seiner Jahreskonferenz in Krakau, ob es diese Massnahmen als ausreichend betrachtet. Wird Venedig auf die Liste des gefährdeten Weltkulturerbes gesetzt?

Das ist völlig offen. Die UNESCO hat 2015 in Venedig ein Monitoring durchgeführt und einen Bericht zuhanden des Komitees erstellt. Darin wurden einige problematische Punkte festgehalten: die grossen Projekte für die Transport-Infrastruktur und der exzessive Kreuzfahrttourismus mit Schiffen, die immer grösser werden.

Das betrifft nicht nur Venedig, sondern auch andere Städte im Mittelmeerraum. Die kritischen Punkte wurden im Komitee diskutiert. Italien, das die UNESCO-Konvention unterzeichnet hat, hat dazu seinerseits einen Bericht eingereicht, der jetzt in Krakau zur Debatte steht.

Nachtrag: Venedig kann aufatmen

Der Entscheid der UNESCO, ob Venedig den Status als Welterbe
behalten darf, wurde am 9. Juli um zwei Jahre auf 2019 verschoben. Das Welterbekomitee würdigt die bereits erzielten Fortschritte und gibt der Stadt mehr Zeit, angeschobene Massnahmen umzusetzen. Tourismusvertreter und Behörden sind angehalten, die Proteste der Bevölkerung ernst zu nehmen; nationale und lokale Institutionen werden aufgefordert, einen Konsens finden.

Hat die UNESCO die Folgen des Massentourismus in Venedig zu spät erkannt und beanstandet?

Wir haben seit 2012 ein Programm für nachhaltigen Tourismus, und wir haben im Mittelmeerraum sehr frühzeitig eingegriffen, etwa in Dubrovnik, als für die Einfahrt von grossen Kreuzfahrtschiffen sogar die Stadtmauern aufgebrochen werden sollten.

«  Positiv ist, dass erkannt wird, dass grosse Bauprojekte das Kulturerbe bedrohen. »

Also: Wir sehen das Phänomen seit Jahren, und wir greifen auch ein. Wir sind auch in Venedig stark verankert und betreiben vor Ort ein Büro für Südosteuropa.

Die Probleme, die Venedig mit dem Massentourismus hat, werden schon lange benannt. Was hat sich in den letzten Jahren getan?

Ich sehe ein paar Fortschritte. Positiv ist, dass erkannt wird, dass grosse Bauprojekte das Kulturerbe bedrohen und dass wir eingreifen können, wenn wir negative Folgen befürchten.

Kritische Stimmen sagen, dass es dafür längst zu spät ist. Beim Bau des grossen Sperrwerks gegen Sturmfluten, beim Projekt MOSE, das die Stadt und ihre historische Bausubstanz vor Hochwasser schützen soll, wurden Tonnen von Beton unwiederbringlich in der Lagune versenkt. Dies habe dem Ökosystem der Lagunenstadt geschadet.

Das ist eine andere Geschichte. Venedig zählt nicht wegen der Lagune, sondern als aussergewöhnliche Kulturstätte zum Weltkulturerbe. Natürlich sieht man die Kulturstätte in ihrer Umwelt, aber der Grund dafür, dass Venedig auf der Liste des Weltkulturerbes steht, ist nicht die Ökologie.

Gelbe Blöcke erheben sich aus dem Wasser der veneziansichen Lagune

Bildlegende: «MOSE» soll Venedig vor Hochwasser schützen. Zu reden gibt es wegen Umweltschäden und einem Korruptionsskandal. Getty Images

Für die Interessen der Tourismusindustrie steht in Venedig viel auf dem Spiel. Eine mögliche Aberkennung des Labels ist nicht zuletzt eine wirtschaftspolitische Frage. Was würde es für die UNESCO bedeuten, wenn das Komitee Venedig auf die Liste der gefährdeten Weltkulturerbe-Stätten setzen würde?

Manche Städte möchten nicht auf diese Liste kommen. Sie fürchten, dass dann die Touristen ausbleiben. Für uns ist die Gesamtsituation entscheidend.

Wenn es dazu kommt, ist es wichtig, dass wir mit den Leuten vor Ort diskutieren und mit dem betreffenden Staat gemeinsam daran arbeiten, die Probleme anzugehen.

Sind solche Diskussionen mit Italien bisher gelungen?

Natürlich. Eine solche Diskussion hat schon stattgefunden. Unsere Botschaft ist in Venedig angekommen.

Das Gespräch führte Sabine Bitter vor dem UNESCO-Entscheid vom 9. Juli, Venedig eine Schonfrist bis 2019 zu gewähren.

«Gefährdetes Welterbe»

Für Stätten, die auf dieser UNESCO-Liste
geführt werden, formuliert das Welterbekommitte einen Massnahmenkatalog
und einen Zeitplan. Wird dieser erfüllt, wird die Stätte wieder von der
Liste gestrichen. Vorübergehend auf der Liste der gefährdeten Stätten
waren zum Beispiel der Kölner Dom, der Yellowstone-Nationalpark oder die
Altstadt von Dubrovnik. In der derzeit stattfindenend Konferrenz wurde bereist die Altstadt Wiens als gefährdet eingestuft.
Liste des gefährdeten Welterbes
Wien auf der Liste des gefährdeten Kulturerbes

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 10.7.2017, 9:02 Uhr.

Zur Person

Die promovierte Geowissenschaftlerin Mechtild Rössler arbeitet seit 1991 bei der UNESCO. Davor arbeitete sie für das Forschungszentrum Cité des Sciences et de l'Industrie in Paris und war Gastdozentin am Institut für Geografie an der Universität Berkeley in Kalifornien. Seit 2015 ist Rössler Direktorin des UNESCO-Welterbezentrums.

Widerstand gegen Tourismus

  • Der Film «Tourist go home!» zeigt, wie sich die Bewohner von Durbovnik, Barcelona und Venedig gegen den Massentourismus wehren.
  • Wie leben Venezianer mit dem Massentourismus? Eine Reportage aus der Lagunenstadt.

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