Istanbul hat ein Filmfestival ohne Filme

Am Filmfestival Istanbul kam es zum Eklat: Der kurdische Dokumentarfilm «Bakur» darf nicht gezeigt werden. Gegen das türkische Kulturministerium wurden Zensurvorwürfe laut, Regisseure zogen ihre Filme zurück. Wie ist das Verbot zu deuten? Ein Gespräch mit dem Kulturjournalisten Amin Farzanefar.

Menschen schauen auf einen Anschlag am Eingang zu einem Kino

Bildlegende: Keine Vorführung: Viele Regisseure haben ihre Filme vom Filmfestival Istanbul zurückgezogen. Keystone

Worum geht es im Film «Bakur», der in Istanbul nun nicht gezeigt werden darf?

Amin Farzanefar: Der Film betrachtet, wie das Leben in drei PKK-Guerilla-Camps organisiert wird und verfolgt den Alltag der Kämpferinnen und Kämpfer. Das ist alles andere als der Propagandafilm, als der er ausgegeben wird. Es gibt auch sehr nachdenkliche und selbstkritische Töne in dem Film.

Und mit welchem Argument wurde die Vorführung abgesagt?

Man hat eine Forderung nach einer Zulassung aus der Tasche gezogen, die schon seit Jahren nicht mehr so richtig aktuell ist. Man sagt, dem Film fehle eine Zulassung, wobei sechs andere Filme des Festivals diese Zulassung auch nicht haben. Die Festivalveranstalter sagen, diese Zulassung werde auch nur nationalen Filmen abverlangt, internationale Filme frage man längst nicht mehr danach. Das alles ist das Relikt einer Zensur, die man eigentlich überwunden glaubte.

Das klingt alles nach einem Vorwand – würden Sie von Zensur sprechen?

Es wird weitflächig von Zensur gesprochen. Der Film ist aber nicht wesentlich kritischer als viele Filme der letzten Jahre, die auf dem Istanbul Filmfestival liefen. Da sind fast alle Tabus, die man klassischerweise der Türkei zuschreibt, sehr offen behandelt worden. Auch Filme, in denen die Bezeichnung «Völkermord an den Armeniern» fiel, wurden gezeigt. Das jetzt die Kurden, die schon länger zu einem Bild im Kino gefunden haben, auf einmal so sanktioniert werden, kann man nur vor dem Hintergrund der aktuellen Politik lesen.

Solche Eingriffe sind also nicht an der Tagesordnung im türkischen Kulturleben?

Nein, das war früher viel strenger. Da gab es einzelne Zensurfälle, auf die dann aber auch nicht so breit reagiert wurde, wie es das Festival jetzt macht. Als vor rund 10 Jahren der erste komplett auf Kurdisch gedrehte Film mit Zensur belegt wurde, gab es deutliche Proteste. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass es am Istanbul Filmfestival in den letzten Jahren zu so einem Fall gekommen ist.

Plakate über dem Eingang zu einem Kino

Bildlegende: Im Kino Atlas in Istanbul mussten mehrere Vorführungen abgesagt werden. Flickr/Ales.ch

Viele Künstler protestieren gegen diesen Eingriff, einige haben ihre Filme sogar ganz zurückgezogen. Geht denn das Festival noch weiter unter diesen Bedingungen?

Ja und nein. Das wichtigste und international bedeutendste türkische Festival wird ohne Wettbewerb und ohne Abschlussveranstaltung stattfinden. Sowohl die internationale als auch die nationale Jury haben ihre Tätigkeit eingestellt. Die meisten türkischen Filmemacher haben ihre Filme zurückgezogen. Und es wird auch keine grosse Abschlussgala geben, über die die Medien sonst berichtet haben.

Glauben Sie, dass dieses Zeichen ankommt bei der Regierung oder beim türkischen Kulturministerium?

Einen Skandal gibt es ja nur, wenn irgendjemand reagiert oder wenn eine Reibung entsteht. Bisher wurde nicht auf die Proteste reagiert. Es scheint, dass die Tragweite, die das auch international hat, noch gar nicht richtig bei den Ministerien in der Türkei angekommen ist.

Amin Farzanefar

Amin Farzanefar wurde 1965 in Teheran geboren. Er arbeitet als Film- und Kulturjournalist für verschiedene Medien (u.a. für taz, WDR, NZZ, Deustche Welle). Seit 2001 reist er aus Liebe zum Kino aus dem Nahen und Mittleren Osten regelmässig an Filmfestivals der Regionen und ist Kurator der Iranischen Filmtage in Köln.

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