Italien deckt die dunklen Kapitel seiner Geschichte auf

Die geschichtswissenschaftliche Aufarbeitung des italienischen Faschismus begann im Unterschied zu Deutschland relativ spät. Und sie begann schleppend. So verwundert es nicht, dass immer noch historische Realitäten aufgedeckt werden, die für Aufsehen sorgen.

Schwarzeweissfoto: Mussolini geht neben General Badoglio einer Soldatentruppe voran.

Bildlegende: Mussolini beim Truppenbesuch: Die Aufarbeitung des Faschismus kam in Italien lange Zeit nur schleppend voran. Keystone

Neue Erkenntnisse zu einem noch immer unvollständig ausfgearbeiteten Kapitel in der italienischen Geschichte veröffentlichte kürzlich die Historikerin Roberta Cairoli. Ihre Studie befasst sich mit der Rolle der Frauen in der sogenannten RSI, der faschistischen Sozialrepublik, die Benito Mussolini von 1943 bis 1945 in Norditalien errichtete.


Thomas Migge über Mussolinis Frauen

3:27 min, aus Kultur kompakt vom 14.10.2014

Cairoli fand heraus, dass während der Zeit der RSI besonders viele Frauen fanatische Faschistinnen waren und, im Vergleich zum vormaligen Regime, auch federführende Positionen im militärischen Apparat einnahmen. Cairoli stellte auch fest, dass viele dieser radikalen Mussolini-Anhängerinnen mit der deutschen SS zusammenarbeiteten, ohne die die RSI nie so lange überlebt hätte.

Eine unheilvolle Amnestie

Italiens erste demokratisch gewählte Nachkriegsregierung unter dem Christdemokraten Alcide de Gasperi wollte schnell eine innenpolitische Normalität herstellen. Aus diesem Grund unterzeichnete die Regierung 1946 eine Amnestie für jene italienischen Faschisten, die während des Regimes von 1922 bis 1943 und der Zeit der RSI 1943 bis 1945 keine Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen hatten. Eine Entscheidung, die sehr lasch interpretiert wurde.

Auf diese Weise entkamen Zehntausende von faschistischen Tätern der Justiz. Auch jene Frauen und Männer, die, wie man heute weiss, für den Tod von zahllosen Antifaschisten verantwortlich waren, und sich auch an den Massakern der Deutschen in Italien beteiligt hatten.

Das Schweigen der «guten Leute»

Hinzu kam ein stiller Konsens unter allen Parteien Italiens, die Vergangenheit auf sich beruhen zu lassen. Erst seit den 1990er-Jahren beginnen Italiens Historiker umfassend die faschistische Periode zu untersuchen und den italienischen Mythos «Italiani brava gente», auf Deutsch «Italiener, gute Leute», zu zerstören.

Eine besonders unselige Rolle spielten italienische Soldaten in den von ihnen eroberten Gebieten, den italienischen Kolonien, in Griechenland, Nordafrika und Äthiopien. Dass Italiener dort Massaker an der Bevölkerung verübten und in Äthiopien mit Giftgas unsägliches Leid anrichteten, gehört immer noch zu jenen besonders düsteren Seiten des italienischen Faschismus, die gern verschwiegen werden.

Geheimes Abkommen, um Massaker zu verschweigen

Inzwischen ist auch bekannt geworden, nicht zuletzt durch die Forschungsarbeit von Historikern am deutschen historischen Institut DHI in Rom, dass es nach Kriegsende zwischen den beiden demokratischen Regierungen in Bonn und Rom zu einer nicht nur auf die Zukunft ausgerichteten bilateralen Annäherung und Zusammenarbeit kam.

Mitarbeiter von Bundeskanzler Konrad Adenauer und Ministerpräsident Alcide de Gasperi handelten auch ein geheimes Abkommen aus, demzufolge deutsche Kriegsverbrechen in Italien wenn möglich verschwiegen werden. 2008 veröffentlichten zu diesem Thema der italienische Historiker Filippo Focardi und sein deutscher Kollege Lutz Klinkhammer vom DHI eine erste und für Aufsehen sorgende Studie mit dem Titel «Kriegsverbrecher auf freiem Fuss».

Der Giftschrank

Erst in den 1990er-Jahren wurde in den Kellern des römischen Militärgerichtshofs ein Schrank entdeckt, voll mit ausführlichen Dokumenten, in denen Hunderte von deutschen Kriegsverbrechen an der italienischen Zivilbevölkerung beschrieben werden.

Dieser Schrank ist eine Folge des Geheimabkommens zwischen Deutschland und Italien. Nur langsam werden Fälle von noch lebenden deutschen Kriegsverbrechern juristisch aufgearbeitet. Allerdings ohne grosses Interesse seitens der deutschen Justiz.