Italien öffnet endlich den «Schrank der Schande»

Aufarbeitung unerwünscht: Die Akten über deutsche Kriegsverbrechen in Italien sollte keiner sehen. Sie wurden versteckt – im «Schrank der Schande». Nun ist sind die Akten endlich öffentlich. Doch es bleibt die Frage: Wer versteckte diese Unterlagen: Italiens Militär? Oder die Regierung?

Alter Zettelkasten mit vielen Schubladen, eine ist herausgezogen.

Bildlegende: Aufklärung unerwünscht: Unzählige Akten über deutsche Kriegsverbrechen wurden einfach weggeschlossen. (Symbolbild) Colourbox

1994 entdeckte der investigative italienische Journalist Franco Giustolisi im Keller eines römischen Militärgerichts einen Schrank, den er «Schrank der Schande» nannte. Dieser wurde in einen Kellerraum gebracht, mit der Tür zur Wand gedreht und zusätzlich gesichert. Eine grosse Geste – klarer kann man nicht zeigen, dass Aufklärung unerwünscht ist.

In diesem Schrank wurden Unterlagen aufbewahrt, die von hunderten deutscher Kriegsverbrechen aus den Jahren 1943 bis 1945 berichten, als die Deutschen Mittel- und Norditalien besetzt hielten. Diese Unterlagen wurden von Ermittlern des US-Heeres zusammengestellt und nach Kriegsende den neuen demokratischen Behörden Italiens übergeben.

Doch die italienischen Behörden waren damals nicht an dieser Dokumentation deutscher Verbrechen interessiert. Und das, obwohl die Familien der Opfer forderten, die Verantwortlichen vor Gericht zu stellen.

Mann mit Schild in der Hand auf dem sein Name steht.

Bildlegende: SS-Offizier Herbert Kappler bei der Festnahme am 9. Mai 1945. Wikimedia

Zu Gerichtsverhandlungen kam es nur in wenigen Fällen. Wie beispielsweise im Fall von Herbert Kappler und Erich Priebke. Die beiden SS-Männer waren für das Massaker in den Ardeatinischen Höhlen verantwortlich, bei dem 335 willkürlich ausgewählte Römer als Vergeltung auf einen Anschlag auf deutsche Soldaten ermordet wurden.

Unter den Teppich gekehrt

Die Nachweise für diese und andere Kriegsverbrechen verschwanden in den späten 1950er Jahren in einem Schrank. Italienische Historiker wiesen vor wenigen Jahren nach, dass es in den 1950er Jahren zu einem geheimen Abkommen zwischen der Regierung Adenauer und der Regierung von Alcide de Gasperi zum Umgang mit der jüngsten Vergangenheit kam. Die Italiener beschlossen, die deutschen Verbrechen unter den Teppich zu kehren. Die neuen guten Beziehungen zu Deutschland sollten nicht belastet werden.

Zuerst versteckt, dann zurückgehalten

Und so kam es in der Nachkriegszeit nur zu wenigen Prozessen gegen einige Hauptverantwortliche, derer man habhaft werden konnte. Wer Mitschuld trug in der Verantwortungs- und Kommandohierarchie der deutschen Besatzer Italiens war unklar. So lange unklar, bis man den Inhalt des «Schranks der Schande» fand.

Doch auch nach dieser Wiederentdeckung wurde der Inhalt nicht gleich publiziert. Erst jetzt, nach der jahrelangen Arbeit einer parlamentarischen Kommission zu den wieder gefundenen Unterlagen wurden diese der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Zu spät für die Opfer

Zu spät sicherlich, um jene Mitverantwortlichen deutschen Soldaten und SS-Männer ausfindig zu machen, die tatkräftig an der Ermordung von rund 15'000 italienischen Zivilisten mitgewirkt hatten.

Zu spät auch, um solche Täter vor Gericht zu stellen, denn es ist zu viel Zeit zwischen dem Wiederauffinden des «Schranks der Schande» und der jetzigen Veröffentlichung sämtlicher Unterlagen vergangen.

Ad acta

Aufgrund der vielen Zeit, die vergangen ist, wird nicht mehr mit neuen Prozessen gerechenet. So könnte das Thema des «Schranks der Schande» ad acta gelegt werden.

Trotzdem wird die Frage unter Historikern sicherlich noch für Diskussionen sorgen, ob es richtig war, die Unterlagen zu verstecken, um die neuen Beziehungen zwischen Deutschland und Italien in der Nachkriegszeit nicht zu belasten. Denn die Verantwortlichen dafür sind längst noch nicht ausgemacht worden.