Fact-Checking «Jeder Bürger muss Fakten-Checker werden»

Die Organisation «FactCheckNI» in Nordirland versucht die Wirkungsmacht mit Halbwahrheiten im Web zu begrenzen. Mit journalistischer Arbeit und Umerziehung.

Eine Illustration eines Mannes, der auf einem Handyscreen entlangläuft.

Bildlegende: Den Bürger zum Fakten-Checker umerziehen, das ist das Ziel der «FactCheckNI»-Organisation. Sébastien Thibault/Agoodson

  • «FactCheckNI» ist eine unabhängige Organisation in Nordirland, die sich der Wahrheitsüberprüfung verschrieben hat.
  • Manipulierte Bilder decken sie auf und falsche Aussagen von Politikern und Journalisten widerlegen sie, um deren rasante Verbreitung im Netz zu begrenzen.
  • In polarisierten Gesellschaften wie Nordirland ist die Verifizierung von Fakten wichtig, weil dort Halbwahrheiten schnell zu Ausschreitungen führen können.
  • «FactCheckNI» will nicht nur auf ihrer Website aufklären, sondern auch mündige Bürger erziehen.

Quellenkritik im digitalen Zeitalter

Stimmt das wirklich, was hier behauptet wird? Dieser Frage hat sich Enda Young verschrieben. Der ehemalige Ingenieur arbeitet heute als Ausbildner. In der Queens University von Belfast referiert er heute über Quellenkritik im digitalen Zeitalter. Young vertritt «FactCheckNI», eine von weltweit 100 Organisationen, die sich der Wahrheitsüberprüfung verschrieben haben.

Wie es dazu kam, weiss Young noch genau. «Auf Facebook, Twitter und anderen Plattformen verbreitete sich die Nachricht, dass jemand den Union Jack im Stadtzentrum von Belfast verbrannt hat.» Der Hintergrund: Im Dezember 2012 hatte die katholische Mehrheit im belfaster Stadtrat beschlossen, die britische Fahne nicht mehr täglich, sondern nur noch an ausgewählten Tagen zu hissen. Die Entscheidung löste Krawalle, Blockaden und Brandstiftung aus.

Die digitale Welt kippt in die reale

Eine brennende britische Fahne hätte Öl in dieses Feuer gegossen. Doch eine simple Internetrecherche nach dem Ursprung der Bilder ergab, dass die Aufnahmen aus dem Iran stammten. Und aus Dublin, wo republikanische Splittergruppen Jahre zuvor eine britische Flagge verbrannt hatten. «Ein eklatantes Beispiel», so Young, «wo die digitale Welt in die Realität umkippt».

Die Suche nach verifizierbaren Tatsachen hinter den News gewinnt in Nordirland an Bedeutung. «Im Internet zirkulieren Gerüchte schneller denn je. Und in polarisierten Gesellschaften wie Nordirland kann das verhängnisvoll sein», bestätigt Allan Leonard, Chef von «FactCheckNI».

Jeder Bürger soll Fakten-Checker werden

Seine Organisation hebt sich in einem Punkt von anderen, ähnlichen Projekten ab. Sie untergraben aktiv ihre eigene Daseinsberechtigung, indem sie versuchen, mündige Bürger zu erziehen. «Wir gehen direkt in die Gegenden mit den akuten Spannungen und versuchen, diese Fertigkeiten zu vermitteln», erklärt Leonard. Das Ziel sei, jeden Bürger zum Fakten-Checker zu erziehen, nur so werde ein nachhaltiger Wandel ermöglicht.

Die Organisation sei nicht Bestandteil eines traditionellen Mediums, sondern unabhängig. «FactCheckNI» grenze sich auch von Organisationen in jungen Demokratien ab, die sich von staatslastigen Medien und propagandistisch verzerrten, offiziellen Statistiken emanzipieren müssten.

Journalisten sind Fakten-Checker

Jenny Holland ist eine der Sachbearbeiterinnen von «FactCheckNI». Ihre Tätigkeit ist vom seriösen Journalismus kaum zu unterscheiden. «Ich beginne mit Google und anderen Internetquellen, rufe die Zuständigen für Bestätigungen und Hintergrund an, schreibe die Informationen auf und lade sie auf unsere Website», so Holland.

Wie läuft der Fakten-Checl ab? Jenny Holland erklärt ihr Vorgehen.

Dabei gerät sie meistens in Grauzonen. «Die meisten irreführenden Behauptungen haben einen wahren Kern. Ich suche nach diesem Kern.» Letzte Woche führte diese Suche zu einer Halbwahrheit von Ministerpräsidentin Arlene Foster.

Fragwürdige Rhetorik in der Regierung

Unter anderem löste eine Aussage von Foster den Kollaps der nordirischen Koalitionsregierung aus, der zu vorgezogenen Neuwahlen führte. Foster weigerte sich, ein Gesetz zu billigen, das der irischen Sprache mehr Anerkennung verschaffte.

«Ist das ihr Ernst?», entgegnete sie auf eine Frage zur neuen Bestimmung. «Dass ich als grosszügige Geste ein solches Gesetz einführen solle? Das wird niemals geschehen.» Foster fügte hinzu: «Selbst wenn, dann müsste es doch auch ein polnisches Sprachgesetz geben. Denn hier sprechen mehr Leute polnisch als irisch.»

Eine kühne Behauptung, der «FactCheckNI» nachging. Das Ergebnis: Ja, viermal so viele Leute geben Polnisch als ihre Hauptsprache an, aber es gibt fünf Mal mehr Leute, die irisch können, als solche, die polnisch können. Die Behauptung Fosters war also falsch.

Zwei Fakten, zwei Halbwahrheiten?

«In Nordirland gibt es parallel zwei Stränge der Wahrheit; der eine protestantisch pro-britisch, der andere katholisch-irisch», erklärt Holland. Beide enthielten Spuren der Wahrheit. Und diese werde in Belfast buchstäblich auf die Mauern gesprüht, je nach Stadtteil handle es sich um andere Wahrheiten. «In diesem Klima ist Unbefangenheit zentral, sonst ist unsere Glaubwürdigkeit gefährdet.»

Die Motivation für zweifelhafte Behauptungen stehe bei «FactCheckNI» nicht im Zentrum. «Ich schreibe keine Leitartikel und beziehe keine Stellung», sagt Leonard. Aber «FactCheckNI» versucht die Wirkungsmacht der Brandstifter zu begrenzen.

Vom Aufstieg der Faktenprüfer

Vom Aufstieg der Faktenprüfer

In den letzten Jahren entstanden immer mehr Fact-Checking-Webseiten. Medienwissenschaftler Lucas Graves erklärt wieso.

Das Projekt «FactCheckNI»

Factcheckni.org gibt es seit rund einem Jahr. Ermöglicht wurde die Gründung durch eine einmalige Subvention in der Höhe von 60’000 Pfund von der britischen Lotterie. Die Website enthält laufend datierte Artikel in Zusammenarbeit mit dem irischen Nachrichtenportal «The Journal».

So funktioniert «FactCheckNI»

In diesem Video spricht Allan Leonard, Chef von «FactCheckNI», über das Projekt. Die Organisation sammelt zurzeit Geld auf einer Crowdfounding-Plattform, um die Wahlen 2017 in Nordirland aktiv verfolgen zu können.