Jugoslawien: Wie Nachbarn zu Todfeinden wurden

In den Kriegen in Jugoslawien wurden Nachbarn und Verwandte manchmal über Nacht zu erbitterten Gegnern. Der Berliner Südosteuropa-Historiker Holm Sundhaussen zeigt in seinem umfangreichen Buch «Jugoslawien und seine Nachfolgestaaten 1943-2011» auf, wie das geschehen konnte.

Zwei ältere Frauen mit einem Schild, auf dem zahlreiche Fotos getöteter Verwandter zu sehen sind.

Bildlegende: Überlebende des Massakers von Srebrenica (1995) zeigen Fotos getöteter Verwandter, Tuzla, Bosnien, 11.12.2012. Keystone / Amel Emric

Krieg ist brutal, grausam, schrecklich. Doch er ist keine Naturgewalt, Menschen machen ihn. Holm Sundhaussen, emeritierter Professor für Südosteuropäische Geschichte an der Freien Universität Berlin, geht in seiner umfangreichen und gut lesbaren Geschichte Jugoslawiens auch der Frage nach, wer denn die Täter waren, die in der zerfallenden Volksrepublik mordeten, vergewaltigten und plünderten:

«Zu den Berufs- und Zeitsoldaten in den regulären Armeen kamen Mitglieder von Spezialeinheiten, Freiwillige und Söldner aus dem In- und Ausland sowie Kriminelle, die direkt aus den Gefängnissen heraus zu den paramilitärischen Banden rekrutiert wurden.»

Der Nachbar als Mörder

Besonders erschreckend war, dass auch ganz normale, bislang unbescholtene Bürger Verbrechen begingen.

«Unter den Exekutoren der jüngsten ethnischen Säuberungen in Bosnien finden sich Nachbarn, Freunde, mitunter sogar Mitglieder ein und derselben Familie, die über Nacht zu Todfeinden wurden», schreibt Sundhaussen in einem Kapitel seines Buches, das ausschliesslich den «Vollstreckern von Massengewalt» gewidmet ist.

Wie konnte es so weit kommen? Da ist zum einen die grosse Verunsicherung und gesellschaftliche Desorientierung in grossen Bevölkerungsschichten und zum anderen die Agitation nationalistischer Kreise, die Sündenböcke sucht und benennt.

Die darauf folgende Ausgrenzung der «Schuldigen» und ihre Enthumanisierung setze die bisherigen Regelwerke ausser Kraft, schreibt Sundhaussen. Schranken fallen. Und dieser Dynamik erliegen schliesslich auch Menschen, die es besser wissen müssten.

Der Fall Herak

Der Historiker nennt als Beispiel den Fall Borislav Herak, einen Serben aus Sarajevo mit Jahrgang 1971, der wegen Mordes in 32 und Vergewaltigung in 16 Fällen 1993 in Sarajevo zum Tod verurteilt wurde. Das Urteil wurde später in Haft umgewandelt.

Der zum Zeitpunkt seiner Verurteilung 22jährige Herak verkehrte in Sarajevo in einer serbisch-muslimisch-kroatischen Clique. Nach den ersten Gewalttätigkeiten in Bosnien hörte er von einem Verwandten von angeblichen Verbrechen an anderen Serben. Er schloss sich einer Miliz an und geriet in eine Gewaltspirale, war also sowohl das Opfer von Lügen und Halbwahrheiten als auch Kapitalverbrecher. «Nachdem er die Schwelle zum Töten überwunden hat, wird das Töten für ihn zur Routine. Der ‹Spass› gehört auch dazu», stellt Holm Sundhaussen fest.

Nicht Balkan-spezifisch

Ein einheitliches Täterprofil gebe es nicht, sagt der Berliner Südosteuropa-Historiker. Es seien Menschen, die in einer völlig destabilisierten Gesellschaft nach Halt suchten. Krieg sei nicht nur Chaos, Krieg bedeute auch Ordnung, klare Fronten, deutliche Meinungen, ein scharf umrissenes Weltbild.

Dass die Gewalt, die Menschen während der postjugoslawischen Kriege in den Neunzigerjahren ausübten, balkanspezifisch sei, hält Holm Sundhaussen für falsch. Empirische Untersuchungen bis ins Jahr 1990 hätten gezeigt, dass die Einwohnerinnen und Einwohner Jugoslawiens das Zusammenleben der verschiedenen Nationen im Bundesstaat mehrheitlich als «sehr gut» oder zumindest als «befriedigend» erachteten. Einzige Ausnahme: das Verhältnis zwischen Serben und Kosovo-Albanern. Aber Serben, Muslime und Kroaten heirateten, sie hätten mehr oder weniger unproblematisch zusammengelebt.

Kein angeborener Hass

Kein tief im Menschen verankerter atavistischer Hass, der vom Staat unterdrückt gewesen und plötzlich aufgebrochen wäre, sei für die Verbrechen im einstigen Jugoslawien verantwortlich gewesen, sondern der Nationalismus: «Die Identifizierung der Schuldigen ist das Werk von Politikern, Deutungseliten und deren Multiplikatoren, von Leuten, die Autorität haben, denen Autorität zugeschrieben wird oder die sich in den Dienst einer Autorität stellen.» Mit anderen Worten: Hinter der scheinbar spontanen Gewalt steckten handfeste nationalistische Interessen.

Zu überwinden seien die Wunden in der Bevölkerung nur durch eine ständige Erinnerungskultur, durch Gedenkveranstaltungen, durch Vergangenheitsbewältigung, sagt Holm Sundhaussen. Er verweist auf das Beispiel Deutschland und – in der Zukunft – auf aktuelle Konfliktherde wie Syrien und Mali.

Nach dem Ende von Konflikten einen Schlussstrich zu ziehen, funktioniere nicht, denn Tabuisierung lässt die Menschen mit ihren Verletzungen allein. Aufarbeitung, so schmerzvoll sie auch sei, sei dringend angeraten.

Holm Sundhaussen

Holm Sundhaussen

Holm Sundhaussen, 2008. zVg

Geboren 1942, war bis zu seiner Emeritierung 2007 Professor für Südosteuropäische Geschichte am Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin. Er forscht vor allem zum 19. und 20 Jahrhundert. 2008 erschien seine «Geschichte Serbiens» (Böhlau). Zur Zeit arbeitet er an einer Geschichte Sarajevos. Er lebt in der Nähe von Berlin.

Buchhinweis

Holm Sundhaussen: «Jugoslawien und seine Nachfolgestaaten 1943-2011. Eine ungewöhnliche Geschichte des Gewöhnlichen», Böhlau, 2012, 568 Seiten.

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