Wie es mit Spaniens verlorener Jugend weitergeht

Ein Verdienst unter 1000 Euro und vier Wände bei den Eltern: Gut ausgebildete junge Spanierinnen sprachen Ende 2012 in der Sendung «Kulturplatz extra» über ihre Perspektivlosigkeit. Wie sieht es jetzt bei ihnen aus und was soll die Zukunft bringen?

Zwei junge Spanierinnen auf dem Weg auf das Arbeitsamt.

Bildlegende: In Spanien trifft die Arbeitslosigkeit vor allem auch viele junge Menschen. Keystone

Nuria (Übersetzerin)

SRF Kultur: Hat sich dein Leben im letzten Jahr positiv oder negativ verändert? Warum?

Nuria: Im letzten Jahr hat sich mein Leben sehr positiv verändert. Ich hatte die Möglichkeit als Deutschlehrerin für Anfänger in einer Sprachschule zu arbeiten und habe diese natürlich genutzt. Ich habe also «dank» der Krise neue Berufserfahrung gesammelt und der Job macht mir wirklich grossen Spass.

Porträt von Nuria

Bildlegende: Nuria hofft bald soviel zu verdienen, dass sie für die Wohnungsmiete gleich viel wie ihr Freund beisteuern kann. zvg

Ausserdem hatte ich einen Zweitjob, den ich zwar nicht mochte, aber ich brauchte das Geld. Ich hatte den dann gekündigt, bevor ich einen neuen gefunden habe. Und siehe da, ich habe sofort einen Übersetzungs-Auftrag bekommen. Ich soll nun ein ganzes Buch übersetzen. Damit bin ich bis Januar 2014 beschäftigt, dann schaue ich weiter. Und auch privat hat sich einiges verändert: Ich wohne jetzt mit meinem Freund Pau zusammen. Für mich fängt ein neues Leben an, beruflich und privat.

Vor einem Jahr war die große Frage: weggehen oder dableiben? Lebst du noch in Spanien?

Ja. Wie ich schon damals gesagt habe: Hätte ich nicht meinen Freund hier in Barcelona, würde ich nach Köln ziehen. Aber die Beziehung war und ist mir sehr wichtig und ich will sie nicht aufs Spiel setzten. Mein Freund Pau hat mir sogar angeboten, dass er mit mir nach Deutschland kommen würde, obwohl er hier in Spanien einen guten Job hat. Wir machen jetzt sogar Witze darüber, dass wir eigentlich auch gleich nach Dubai ziehen könnten, weil wir beide arabisch sprechen. Wir haben uns damals im Arabisch-Unterricht kennengelernt.

Was machst du jetzt? Womit verdienst du dein Geld?

Ich arbeite im Moment eben an diesem grossen Auftrag, an der Übersetzung eines Buches. Daneben habe ich einige kleinere Aufträge. Und vielleicht arbeite ich wieder als Lehrerin in der Sprachschule, mal sehen.

Wovon lebst du?

Leider ist es nicht viel, was ich pro Monat verdiene und als freiberufliche Übersetzerin muss ich jeden Monat auch noch eine Steuer von 250 Euro zahlen. Seit ich bei meinem Freund, und nicht mehr bei meinen Eltern wohne, muss ich Miete zahlen. Im Moment bezahlt Pau mehr, da sonst das Geld sonst von vorn bis hinten nicht reichen würde.

Was hat sich in Spanien verändert?

Leider nicht allzu viel. Ich habe viele Freunde und Bekannte, die noch immer keinen Job haben. Andere können zwar arbeiten, verdienen aber ganz schlecht. Viele bekommen für einen Vollzeitjob weniger als 900 Euro im Monat. Ausserdem wurden die Sozialleistung weiter gekürzt – es ist halt immer noch die gleiche Regierung an der Macht.

Spanien soll den Weg aus der Krise geschafft haben. Wie beurteilst du die Lage? Spürt man (positive) Veränderungen im Alltag?

Im Sommer ist die Arbeitslosigkeit gesunken und die Politiker haben das gross gefeiert. Aber eigentlich jobben im Sommer immer viel mehr Leute als sonst, das ist also kein wirklicher Erfolg. Sonst ist alles beim Alten: Die Politiker sagen, die Situation in Spanien sei besser geworden – dabei haben sie einfach nur bei den Sozialleistungen gespart, was auf Dauer ja noch schlechter ist.

Hast du wieder mehr Vertrauen in die Politik?

Nein. Jeden Tag erfahren wir von neuen Korruptionsfällen und das mitten in der Krise. Es ist eine Schande.

Was möchtest du in einem Jahr erreicht haben?

Ich hoffe, dass die Übersetzung des Buches mir eine Tür ins Verlagsgeschäft öffnet und ich so zu weiteren Aufträgen komme. Natürlich kann ich mir auch vorstellen, in einem anderen Berich zu arbeiten. Ich würde gerne 50 Prozent unserer Miete zahlen können, damit mein Freund Pau nicht mehr den Hauptanteil bezahlen muss. Ich denke, dass ich damit nicht zu viel verlange.

Gibt es ein Lied, ein Gedicht oder ein Zitat, dass deine momentane Situation besonders treffend beschreibt?

Ja: http://25.media.tumblr.com/tumblr_mda19uXOWm1rq00cpo1_500.jpg

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Porträt von Irene.

Bildlegende: Irene arbeitet momentan im Ausland, möchte aber demnächst wieder nach Spanien zurückkehren. zvg

Irene (Studentin und Sprachlehrerin)

SRF Kultur: Hat sich dein Leben im letzten Jahr positiv oder negativ verändert? Warum?

Irene: Wenn ich an Geld und Beschäftigung denke, dann hat sich mein Leben positiv verändert: Im Dezember habe ich ein kleines Stipendium bekommen. Ich hatte wirklich grosses Glück, weil sich da sehr viele Studenten drum beworben haben. Und ich habe von Januar bis Juni 200 Stunden an der Universität gearbeitet und dafür 1440 Euro bekommen. Damit konnte ich meine Miete bezahlen. Seid ihr mich besucht habt, hatte ich zwei Sprachschüler. (Irene bietet Sprachunterricht per Skype an, Anm. d. Red.) Da habe ich nun noch 100 Euro pro Monat bekommen, einmal sogar 200. In der Zeit habe ich mir tatsächlich weniger Sorgen gemacht.

Auch für meinen Freund hat sich das Leben positiv verändert, er hat jetzt für ein paar Monate eine Arbeit in Deutschland gefunden. Seit April 2013 wohnt er auf der Nordsee-Insel Amrum und arbeitet als Kellner in einem Restaurant. Es ist zwar nicht

sein Bereich, er ist ja eigentlich Bauingenieur, aber dank dieser Arbeitsstelle hat er sein Einkommen und seine Deutschkenntnisse verbessert. Er kann für sich selbst sorgen und der Job ist gut für sein Selbstbewusstsein.

Ich bin jetzt während der Semesterferien auch auf der Insel Amrum und arbeite in einem Kurort. Da betreue und unterrichte ich Kinder.

Vor einem Jahr war die grosse Frage: weggehen oder dableiben? Lebst du noch in Spanien?

Wir sind beide aus Spanien weggegangen und leben im Ausland. Aber wir würden gerne zurückkehren. Im Oktober ist es so weit, dann laufen unsere Arbeitsverträge aus. Wir haben Geld gespart und wollen versuchen, wieder in Spanien wieder Arbeit zu finden.

Was machst du jetzt? Womit verdienst du dein Geld?

Ich bin noch Studentin und schreibe an meiner Doktorarbeit. Im Moment verdiene ich mit meinem Sommerjob als Kinderbetreuerin auf Amrum genug Geld um leben zu können.

Wovon lebst du?

Im Moment leben mein Freund und ich von unserer Jobs.

Was hat sich in Spanien verändert?

Meiner Meinung nach hat sich in Spanien nicht viel geändert. Allerdings bin ich seit zwei Jahren nicht mehr im Land, deshalb bin ich mir nicht ganz sicher. Aber ich habe trotzdem das Gefühl, dass es nicht besser geworden ist. Freunde von mir, die in Spanien geblieben sind, schreiben mir fast täglich, dass sie noch immer einen Job suchen. Es ist offenbar immer noch extrem schwierig eine Arbeitsstelle zu finden.

Spanien soll den Weg aus der Krise geschafft haben. Wie beurteilst du die Lage?

Vielleicht ist es jetzt wirklich besser, weil es zum Glück jeden Sommer den Tourismus gibt. Ich glaube, die Krise ist noch immer da, einfach nicht mehr auf den Titelblättern der Zeitungen und Magazine. Die Menschen beschäftigen sich jetzt mit anderen Themen, Syrien zum Beispiel. Ich werde dann im Oktober sehen, wie die Lage in Spanien wirklich ist.

Spürt man (positive) Veränderungen im Alltag?

Wenn ich mit den Leuten in Spanien spreche, dann sagen alle, dass die Lage immer noch schlecht ist.

Hast du wieder mehr Vertrauen in die Politik?

Das ist sehr schwer zu beantworten. Ich habe gestern bei dieser Frage aufgehört zu schreiben und auch jetzt, am nächsten Tag, fällt mir keine Antwort ein. Was ich sagen kann: Ich habe immer noch Angst vor der Politik, vor all den neuen Gesetzen die eingeführt werden. Bei der Bildung, im Sozialen und bei der Kultur wird gekürzt. Aber die Hoffnung gebe ich noch immer nicht auf. Vielleicht ändert sich doch noch etwas. Vertrauen in die Politik? Nein, im Gegenteil. Die Politiker verfolgen vor allem ihre eigenen Interessen – das wird mir immer klarer.

Ein Beispiel: Bei den Stipendien sparen die Politiker. Neu bekommen in meinem Studienfach nur noch 25 Studierende ein Stipendium, vor der Krise waren es 29. Ich bin jetzt auf Platz 26. Hätte ich ein Stipendium, könnte ich in aller Ruhe an meiner Doktorarbeit schreiben. Seit Juni warte ich auf eine neue Bewerbungsaufforderung, aber es verzögert sich schon seit drei Monaten. Ich bin ziemlich enttäuscht und misstrauisch.

Was möchtest du in einem Jahr erreicht haben?

Ich möchte heiraten, ein Kind oder mehrere haben, ein Haus bauen, einen oder mehrere Bäume pflanzen – nein, im Ernst: Ich würde gerne mit meiner Doktorarbeit weiterkommen, vom Staat finanzielle Unterstützung erhalten und ich wäre gerne möglichst nahe bei meiner Familie. Wenn das alles nicht klappt, dann hätte ich gerne irgendwo eine Arbeitsstelle, die mir ermöglicht meine Verwandten häufig zu besuchen.

Gibt es ein Lied, ein Gedicht oder ein Zitat, dass deine momentane Situation besonders treffend beschreibt?

Ich denke oft an das Lied «Let it be» von der Beatles, aber auch an «All Good Things (Come To An End)» von Nelly Furtado.

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Porträt von Ruth

Bildlegende: Die Fotografin Ruth hat im Bereich Webdesign eine Stelle gefunden und ist nun mit ihrer Situation zufrieden. zvg

Ruth (Fotografin)

SRF Kultur: Hat sich dein Leben im letzten Jahr positiv oder negativ verändert? Warum?

Ruth: Im letzten Jahr ist in meinem Leben vieles besser gelaufen. Ich glaube, das hat damit zu tun, dass ich jetzt versuche, meine Zeit bestmöglich zu nutzen und Dinge zu tun, die ich mag.

Vor einem Jahr war die grosse Frage: weggehen oder dableiben? Lebst du noch in Spanien?

Ja, ich lebe immer noch in Madrid. In einer Zeit zu leben, in der man nicht genau weiss, wo du in ein paar Monaten sein wirst, bedeutet viel Unsicherheit und Adrenalin. Ich liebe es zu reisen und an anderen Orten zu leben. Aber ich möchte gerne selbst entscheiden, wann ich ins Ausland gehe und nicht dazu gezwungen sein. Ich habe deswegen sehr hart gearbeitet, denn ich möchte hier bleiben in Madrid oder zumindest in Spanien.

Was machst du jetzt? Womit verdienst du dein Geld?

Im letzten Jahr habe ich Arbeitslosengeld bezogen und parallel dazu kleinere Jobs gehabt, um irgendwie durchzukommen. Drei Monate lang hab ich für eine Studie Neugeborene fotografiert. Ausserdem habe ich als Übersetzerin (Englisch - Spanisch) in einer deutschen Firma gearbeitet, das konnte ich von zuhause aus machen. Ich brauchte diese Jobs, aber wirkliche Stabilität konnten sie mir nicht geben. Ich habe eher von Tag zu Tag gelebt.

Nun habe ich mich entschieden Web-Design zu studieren, um meine Fähigkeiten in diesem Gebiet zu vertiefen und weil es in diesem Gebiet mehr Jobmöglichkeiten gibt. Vor drei Wochen hatte ich ein Interview und habe den Job bekommen – alles ist möglich, wenn man sich anstrengt. Jetzt habe ich ein geregeltes Einkommen, das es mir erlaubt in Madrid zu bleiben. Ich stehe nun jeden Morgen auf und gehe mit Begeisterung an meine Arbeit.

Wovon lebst du?

Jetzt verdiene ich genug.

Was hat sich in Spanien verändert?

Spanien geht es schlechter. Wir haben korrupte Politiker, die viel Geld verdienen und auf der anderen Seite viele Familien, die nicht mal ihre Grundbedürfnisse bezahlen können oder die gar aus ihren Häusern geworfen werden. Es ist eine sehr traurige Situation.

Spanien soll den Weg aus der Krise geschafft haben. Wie beurteilst du die Lage?

Ich glaube nicht, dass wir die Krise hinter uns haben. Die Politiker sagen das, damit es ruhig bleibt im Land; sie glauben man würde ihnen vertrauen. Aber die Leute haben es langsam satt, dass man sie belügt. Ich glaube, die Politiker gehen nicht gut mit öffentlichen Geldern um. Ich glaube, wir brauchen eine neue Regierung.

Spürt man (positive) Veränderungen im Alltag?

Ja. In meinem Alltag sehe ich viele positive Veränderungen, weil ich jetzt einen Job habe. So kann ich viel machen, was vorher unmöglich war, weil ich kein Geld hatte.

Hast du wieder mehr Vertrauen in die Politik?

Nein. Mir geht es besser, weil ich hart dafür gearbeitet habe. Ich vertraue unseren Politikern nicht, sie bieten mir keine Möglichkeiten, damit ich einen Job finde, der meiner Ausbildung entspricht. Es gibt viele schlecht bezahlte Jobs nur zum Wohl der Firmen. Ich glaube, ich habe mir die Chance selbst erarbeitet.

Was möchtest du in einem Jahr erreicht haben?

Ich möchte meinen Job behalten und Dinge machen, die ich mag. Ich möchte an privaten Projekten arbeiten, fotografieren, illustrieren, etc., aber nicht um Geld zu verdienen, sondern für mich. Ich möchte reisen und Zeit mit meinen Freunden und meiner Familie verbringen.

Gibt es ein Lied, ein Gedicht oder ein Zitat, dass deine momentane Situation besonders treffend beschreibt?

«La felicidad es la certeza de no sentirse perdido» von Jorge Bucay (‹Glück is die Gewissheit sich nicht verloren zu fühlen›).

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Porträt von Rocio

Bildlegende: Für Rocio hat sich nichts verändert – Weggehen ist immer noch ihr Plan B. zvg

Rocio (Architektin)

SRF Kultur: Hat sich dein Leben im letzten Jahr positiv oder negativ verändert? Warum?

Rocio: Alles ist gleich geblieben.

Vor einem Jahr war die grosse Frage: weggehen oder dableiben? Lebst du noch in Spanien?

Ich lebe noch in Spanien. Weggehen ist noch immer mein Plan B.

Was machst du jetzt? Womit verdienst du dein Geld?

Ich arbeite immer noch als Architektin.

Wovon lebst du?

Ich lebe von meinem Gehalt.

Was hat sich in Spanien verändert?

Gar nichts.

Spanien soll den Weg aus der Krise geschafft haben. Wie beurteilst du die Lage?

Haben wir das? Ich dachte, wir sind noch mitten drin. Nur weil wir nicht mehr in den Schlagzeilen sind, heisst das nicht, dass die Krise vorbei ist. Die Krise ist lediglich keine Neuigkeit mehr. Wir haben uns schlicht an die Krisen-Situation gewöhnt. Also, alles ist gleich wie vor einem Jahr. Ich arbeite noch immer unter dem gleichen Chef und die allgemeine Lage ist dieselbe wie im letzten Jahr: unsicher.

Spürt man (positive) Veränderungen im Alltag?

Nein, keine.

Hast du wieder mehr Vertrauen in die Politik?

Sollte ich?

Serie «Plan B», Teil 2

In der Radio-Serie «Plan B» porträtierte SRF 2 Kultur Ende 2012 während einer Woche junge Erwachsene in Europa und beleuchtete ihre Schwierigkeiten beim Einstieg ins Berufsleben. Ein Jahr später kommen die selben Jugendlichen nochmals zu Wort und berichten, wie sich ihre Situation verändert hat.