Junge Kosovo-Schweizer kehren mit Schweizer Werten zurück

Mitglieder der kosovarischen Diaspora wollen in ihrer alten Heimat etwas bewirken – mit schweizerischen Werten. Ob Callcenter oder Käsefabrik: Diese Initiativen junger Kosovo-Schweizer zielen auf Nachhaltigkeit in einem Land, das noch auf wirtschaftliche Sicherheit wartet.

  • In den 1970er-Jahren war die Schweiz für kosovarische Gastarbeiter beliebt. Sie holten ihre Familien nach.
  • Im Kosovo liegt die Arbeitslosenquote bei 45 Prozent, bei jungen Menschen ist sie noch höher.
  • Junge Kosovo-Schweizer kehren zurück, um in ihrer Heimat Firmen zu gründen.

Die Schweiz und den Kosovo verbindet durch eine gemeinsame Geschichte vieles. Während der 1970er-Jahre kamen viele Kosovo-Albaner als Gastarbeiter in die Schweiz. Später, als in den 1990er-Jahren während des Kosovo-Konflikts die Lage im Land kritisch wurde, liessen viele ihre Familien nachkommen.

Die meisten Kosovaren blieben in der Schweiz, Hauptgrund waren die besseren Erfolgschancen. Die Schweiz wiederum beteiligte sich aktiv am Aufbau des Landes, förderte Projekte und sorgte für eine Verbesserung der Sicherheitslage.

Bauboom: In der Hauptstadt kommt alles zusammen.

Bildlegende: Bauboom: In der Hauptstadt kommt alles zusammen. SRF/Susanne Hefti

Die Zurückgekehrten

Der Kosovo hat sich seit der Unabhängigkeit 2008 rasant entwickelt. Dennoch ist die Wirtschaftslage nach wie vor desolat. Die Arbeitslosenquote liegt bei 45 Prozent, unter jungen Menschen ist sie sogar noch höher. Die schwierigen Rahmenbedingungen, die unsichere politische Lage und viele Hindernisse im Zugang zum EU-Markt erschweren es Investoren, sich im Land zu engagieren.

Dennoch: Es gibt Angehörige der zweiten Generation aus der Diaspora, die zurückkehren in den Kosovo und dort etwas aufbauen wollen. Sie gründen kleine Firmen, die wachsen und erfolgreich sind.

Callcenter mit 200 Angestellten

Was all diese Firmen gemeinsam haben: Sie wurden von engagierten Mitgliedern der Diaspora in der Schweiz gegründet, die das Heimatland ihrer Eltern vorantreiben wollen. Alle fangen klein an, denn Geld aufzutreiben für Grossinvestitionen im Kosovo ist faktisch unmöglich. Zu gross sind die Unsicherheiten. Einige profitable Firmen haben allerdings bereits erstaunliche Grösse erreicht.

Ein Porträt von Baruti-Geschäftsleitungsmitglied Flamur Shala.

Bildlegende: Startup-Unternehmer und Baruti-Geschäftsleitungsmitglied Flamur Shala. SRF/Susanne Hefti

So etwa arbeiten für das Callcenter Baruti in Pristina bereits über 200 Mitarbeitende. Die Firma liess sich kürzlich ISO-zertifizieren, um in den deutschsprachigen Zielmärkten Deutschland und Schweiz wettbewerbsfähig gegenüber anderen Firmen zu bleiben.

Käse und Mineralwasser

Ebenfalls eine eindrückliche Erfolgsgeschichte schrieb Vllaznim Xhiha, der in der Schweiz bereits eine Elektrotechnikfirma aufgebaut hat. Er besitzt neben seinem Jugendförderungsprojekt Bonevet eine Käse- und eine Mineralwasserfabrik. Die Produkte findet man in jedem Supermarkt Kosovos.

Bei all den Firmen stösst man auf engagierte Mitarbeitende. Und immer wieder – auch bei den kleinen Firmen – wird erzählt, wie sehr man mit dem schweizerischen Qualitätsanspruch in der Heimat punkten möchte.

Die Perspektive der jungen Leute mit ihrer schweizerischen Erfahrung komme gut an. Und es gebe einen realen Willen, das Herkunftsland mitgestalten und entwickeln zu wollen, konstatiert Vjosa Gervalla. Die junge Kosovo-Schweizerin ist Mitbetreiberin der Informationsplattform albinfo.ch, die die Diaspora und interessierte Zielgruppen mit Informationen aus dem Kosovo, Albanien und der Schweiz versorgt.

Gepflegt wie die Schweiz

Die Schweiz und Kosovo sind eng verflochten, die beiden Länder verbindet eine Geschichte. Jeder kennt die Schweiz, war schon einmal dort oder hat zumindest Bekannte oder Verwandte, die dorthin ausgewandert sind und dort leben.

Die Schweizer Botschaft in Prishtina ist gut besucht.

Bildlegende: Die Schweizer Botschaft in Prishtina ist gut besucht. SRF/Susanne Hefti

Referenzen zur Schweiz sind allgegenwärtig – seien es Fahnen, Namen von Bars, und die grosse Anzahl von Leuten, die perfekt Deutsch oder Französisch spricht. Es gibt ganze Dörfer, die schweizerisch anmuten, beispielsweise Dobërçani im Westen des Landes, das durch perfekt gepflegte Wiesenanlagen besticht.

Die Eidgenossenschaft gilt hier als Vorbild und steht wie kein anderes Land für Chancen, Sicherheit, Sauberkeit und Qualität. Wenn Menschen aus der Diaspora in den Kosovo zurückkehren, dann bringen sie schweizerische Werte mit und sorgen so für einen wechselseitigen Austausch der Mentalitäten. Doch es sei wichtig, bei solchen Anschauungen nicht in einen paternalistischen Diskurs zu verfallen, betont Vjosa Gervalla.

Kosovo als Teil der Schweiz?

Bei so viel Schweiz im Kosovo und vice versa: Sollte der Kosovo gar der 27. Kanton der Schweiz werden? Nein, sagt Vjosa Gervalla und lacht. Der Kosovo solle unabhängig bleiben, sagt sie.

Gervalla pocht auf den Begriff der doppelten Zugehörigkeit. Es langweile sie, nur Albanerin oder nur Schweizerin zu sein. Zwei Herzen schlagen in ihrer Brust. So ergäben sich ständig neue Fragen der Identität und eine Suche nach dem gemeinsamen Nenner, wobei humanitäre Werte über allem stehen.

Sendung zu diesem Artikel