Kämpfen oder flüchten? Zwei Künstlerinnen im Südsudan

Gehen oder bleiben? Wer noch nicht aus Südsudan geflüchtet ist, stellt sich diese Frage. Auch Künstler und Intellektuelle sind zerrissen: Zwei Frauen, zwei Entscheidungen.

Staubige Strassen, Menschen tragen ihr Hab- und Gut davon.

Bildlegende: Mehr als 1,5 Millionen Menschen sind bereits vor der Gewalt im Südsudan geflohen. Reuters

Seit sechs Monaten dauert die Krise im Südsudan bereits an. Mehrere Abkommen zum Waffenstillstand wurden bereits unterzeichnet. Das Letzte stammt vom 11. Juni. Es gibt Hoffnung, dass es diesmal halten wird. Das Kämpfen hat weitgehend aufgehört.

Vieles fällt der Gewalt zum Opfer

Es ist die schwerste Krise in der Geschichte des noch jungen Landes. Erst 2011 wurde Südsudan unabhängig. Im vergangenen Dezember erhob der ehemalige Vizepräsident Riek Machar gegen Präsident Salva Kiir die Waffen. Der Präsident wollte ihm einen Staatsstreich anlasten. Seither kämpfen die grössten Volksgruppen des Landes: Dinka gegen Nuer.

Der Konflikt hat bislang rund 10'000 Menschen das Leben gekostet. Mehr als 1,5 Millionen Menschen sind vor der Gewalt geflohen. Die Flüchtlingslager in den Nachbarländern Äthiopien, Uganda und Kenia sind übervoll. Beide Seiten haben Kindersoldaten rekrutiert. Darüber hinaus kämpft Südsudan mit einem Cholera-Ausbruch. Aktuell steht dem Land eine Hungersnot bevor. Vieles, was mühevoll aufgebaut wurde, wurde durch die Gewalt zerstört. Betroffen sind auch Künstler.

Voller Elan zurückgekehrt

Fast 60 Prozent der rund 12 Millionen Einwohner Südsudans sind jünger als 24 Jahre. Viele derjenigen, die während des langen Bürgerkriegs mit ihren Familien im Exil in Amerika oder Europa lebten, genossen dort eine gute Ausbildung. Sie kehrten zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit voller Elan in ihre Heimat zurück. Viele wurden enttäuscht. Die Sängerin Mer Ayang ist eine von ihnen.

Sie wollte beim Aufbau der Landesarchive helfen. Doch man wollte ihre Hilfe nicht: «Ich war frustriert, da ich meinem Land nicht mit dem helfen konnte, mit dem, was ich gelernt hatte.» Viele begabte junge Männer und Frauen hätten die gleiche Erfahrung gemacht. «Niemand interessiert sich für dich oder für das, was du kannst. Es geht allein darum, wen du kennst und wie viel Geld du hast. Ich war naiv und verstand das am Anfang nicht», sagt Ayang Rückblickend.

Korruption und Stammestreue

Die 28-Jährige wuchs in Khartum auf, der Hauptstadt Nordsudans. Später studierte sie in Südafrika. Nachdem ihre Hilfe im Nationalarchiv nicht erwünscht war, liess sie ihren Frust in der Musik raus. 2012 bewarb sie sich bei einer ostafrikanischen Castingshow. Sie überstand einige Runden, schied dann aber aus. Freunde motivierten sie, weiter zu machen. Ihre Single «Southern Sudanese» wurde ein Hit. Ein Song über das Problem des Tribalismus im Südsudan, darüber, dass sich alle nur an ihrem eigenen Stamm orientieren.

Entwicklung braucht Zeit. «Aber manche Dinge im Südsudan werden durch Korruption und Stammesdenken verhindert. Das ist die Krankheit, an der wir Südsudanesen momentan leiden. Es sind diese zwei Probleme, wegen der wir uns buchstäblich umbringen», sagt die junge Musikerin.

Viele gehen, manche geben nicht auf

Viele Südsudanesen sind zerrissen. Sollen sie bleiben? Sollen sie gehen? Mer Ayang verlor durch den Krieg sieben Cousins und plant nun, Südsudan für einige Zeit zu verlassen. Sie will auch Abstand von der Musik nehmen und in Uganda ein Restaurant eröffnen.

Ganz anders Akuja de Garang. Sie wuchs in Grossbritannien auf und kehrte 2004 zurück. Jetzt will sie bleiben. Seit drei Jahren organisiert sie in der südsudanesischen Hauptstadt Juba eine Veranstaltung, die die Bräuche, Mode und Kunsthandwerke Südsudans verschiedener Völker fördert. Sie sagt, durch den Krieg seien einige der Künstler und Designer, mit denen sie zusammengearbeitet hat, vertrieben worden. Sie habe den Kontakt zu ihnen verloren. Das hält sie jedoch nicht davon ab, weiter zu machen. Im August soll das «Festival of Fashion and Arts for Peace» zum dritten Mal stattfinden. Dazu sagt Akuja de Garang: «Es macht mehr Sinn denn je. Es ist auch dringlicher als jemals zuvor.»