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Gesellschaft & Religion Kambodscha – Drehscheibe des Menschenhandels

In Kambodscha nutzen Sklavenhändler die grosse Armut der Menschen schamlos aus. Statt ihnen wie versprochen ein besseres Leben zu bieten, lassen sie die Verschleppten als Arbeitssklaven auf Plantagen arbeiten oder treiben sie in die Prostitution. Die Hoffnung auf Besserung ist gering.

  • Armut und die Perspektivlosigkeit in Kambodscha sind der perfekte Nährboden für Menschenhandel.
  • Unter den Opfern sind viele Kinder.
  • Ein staatliches Aktionskomitee gegen Menschenhandel soll nun Abhilfe schaffen.

Eine riesige Mülldeponie der kambodschanischen Stadt Poi Pet an der thailändischen Grenze. Der Gestank ist unerträglich, beissender Rauch lässt die Augen tränen, Rabenvögel krächzen. Ein altersschwacher Bulldozer türmt Abfall zu hohen Bergen. Zu deren Füssen wuchern Wellblechverschläge. Hier lebt Choen Poay mit seiner Frau und seinen sieben Kindern. Er sieht ausgemergelt und zerbrechlich aus. Die Familie sortiert Metall und Plastik aus dem Müll. «Ich war arbeitslos und wir mussten hungern», sagt der 45-jährige Vater.

Riskante Flucht

Deshalb vertraute er sich einem Nachbarn an, den er gut zu kennen glaubte. Dieser schleuste ihn ins Nachbarland Thailand auf eine Zuckerrohrplantage. «Er sagte, mach einfach deine Arbeit, Ende Monat bekommst du deinen Lohn.» Doch es kam anders. Ein Salär sah Choen Poay nie. Die Plantage wurde wie ein Gefängnis geführt. Choen Poay beschloss, zu fliehen. Er tat es voller Angst, denn er riskierte sein Leben: «Ich musste zusehen, wie sie einen Mann auf der Flucht erschossen». Heute versucht der Vater, mit dem Abfall der Stadt Poi Pet irgendwie zu überleben. Ein Schicksal von Tausenden.

In einer Analyse des kambodschanischen Ablegers der deutschen Heinrich-Böll-Stiftung heisst es: «Während sich das Land vom Pol-Pot-Trauma und von den Verletzungen noch immer erholt und versucht, die verlorene Identität zurückzugewinnen, ist in Kambodscha eine Kultur der Menschenausbeutung entstanden.» Die unausweichliche Armut und die Perspektivlosigkeit seien der Motor der Migration und machten Menschen besonders verletzlich – «der perfekte Nährboden für Menschenhandel».

Das Erbe der Roten Khmer

Zwischen 1975 und 1979 terrorisierten die Roten Khmer unter Pol Pot das Land. Der Diktator wollte einen geldfreien kommunistischen Agrarstaat errichten und liess die Bevölkerung aufs Land deportieren und fast die gesamte Elite Kambodschas ermorden – über zwei Millionen Menschen, also fast ein Viertel der damaligen Bevölkerung, starben. Das Regime der Roten Khmer hat das Land bis ins Mark geschwächt. Die Entvölkerung der Städte und die Ermordung der Elite führten dazu, dass bis heute ein Fünftel der Kambodschaner unter der Armutsgrenze lebt.

Die Kindheit zurückgeben

Zu den ärmsten des Landes gehören auch die Eltern der Kinder, die im Damnok-Toek-Rehabilitationszentrum in Poi Pet leben. Sie sind zwischen acht und fünfzehn Jahre alt und wurden im benachbarten Thailand Opfer von Menschenhändlern. Im Rehabilitationszentrum, unterstützt von Caritas Schweiz, sollen die traumatisierten Kinder ihre Kindheit zurückbekommen. Ziel ist die Rückführung in ihre Familien.

Ein Bub mit traurigem Blick sitzt am Boden.
Legende: Der 11-jährige Mao-Chun wurde mit sechs Jahren Opfer einer Menschenhändlerin und musste täglich zehn Stunden betteln. Roland Schmid

Unter den Opfern ist der 11-jährige Mao-Chun. Er wurde in Thailand zum Betteln gezwungen. «Ich musste das ganze Geld abliefern. Manchmal gaben die Leute nichts oder nicht viel und ich wurde mit einem eisernen Kleiderbügel geschlagen und musste ohne Essen zu Bett.»

Aktionsplan gegen Menschenhandel

2014 verabschiedete die Regierung in Phnom Penh einen 5-Jahres-Aktionsplan gegen Menschenhandel. Die grenzüberschreitende Koordination von Massnahmen hat darin eine hohe Priorität: Durchsetzen der Gesetze, Verbesserung der Prävention, konsequente Strafverfolgung von Tätern und Schutz von Opfern sind weitere Ziele des Plans.

Ein asiatischer Mann mit gebräunter Haut sitz an einem Tisch und schaut ernst.
Legende: Suo Malai ist Leiter des Damnok-Toek-Rehabilitationszentrums. Roland Schmid

Suo Malai, der Leiter des Rehabilitationszentrums, beklagt die mangelhafte Durchsetzung bestehender Gesetze. Schuld sei einerseits schlecht ausgebildetes Personal – Polizei, Grenzbeamte, Behördenmitglieder in der Gemeinde – aber auch die weit verbreitete Korruption. Selbst hochrangige Beamte seien ins Menschenhändlergeschäft verstrickt. «Regierungsangestellte mischen mit», sagt Suo Malai. «Sie lassen sich korrumpieren und kassieren von den Menschenhändlern Geld; als Gegenleistung verzichten sie auf eine Strafverfolgung.» Ein staatliches Aktionskomitee gegen Menschenhandel soll nun Abhilfe schaffen.

Kambodscha scheint weit weg zu sein. Doch in der heutigen Wirtschaftswelt ist die moderne Sklaverei näher, als man denkt. Wer ein Smartphone kauft – es könnte Sklaverei drin stecken. Wer Textilien kauft – es könnte Sklaverei drin sein. Wer Agrarprodukte aus fernen Ländern konsumiert – es könnte Menschenhandel drin sein. Menschenhandel betrifft auch uns.

4 Kommentare

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  • Kommentar von Tina Müller, Bern
    Das ist echtes Elend. Diese Menschen hätten theoretisch Hilfe zugute. Aber sie erhalten sie nicht - weil alles viel zu kompliziert erscheint und durch Korruption und Machtmissbrauch geprägt ist. Wer in der Schweiz Asyl erbittet, hatte viel bessere Chancen - und einen Haufen Geld, mit dem er die Reise antreten konnte. Wir helfen immer den Falschen. Die wirklich Armen brauchen wir, um viel und billig shoppen zu können... Die Wirtschaftsinteressen regieren die Welt...
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    1. Antwort von Franz Huber, Zürich
      Das ist populistisch,und trifft auf Kambodscha auch nicht wirklich zu.Dort wird erst seit kurzem für den Export signifikant produziert.Zum Beispiel Kleider.Die jungen Frauen die einen Job in einer solchen Fabrik haben,sind viel besser dran als die welche Abfall sammeln,oder Betteln gehen müssen. Männer finden vermehrt Arbeit auf dem Bau.Auch im Tourismus gibt es viel mehr Stellen als noch 2005 wo ich das erste Mal da war. Da hatten viele überhaupt kein Einkommen.Vergleicht nicht mit Europa bitte
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  • Kommentar von Hans Haller, Panasawan
    Es stimmt leider, so läuft diese Branche tatsächlich. Sklavenhalterei ist geradezu die Normalität und keiner kann wirklich da einschreiten. Durch die Trockenheit in der Region hat sich dies sogar noch verstärkt. Der Mekong hat viel zu wenig Wasser. Der Wasserhaushalt funktioniert nicht mehr wie gewohnt. Derzeit hoffen wir hier auf die Regenzeit. Hoffentlich regnet es recht viel, die Böden haben es nötig.
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  • Kommentar von Franz Huber, Zürich
    Der Diktator heisst Hun Sen, und wurde 2013 Wiedergewählt. Kambodscha ist eine Demokratie. Wie stark diese Wahlen allerdings manipuliert wurden bleibt Objekt der Spekulation. Sicher regiert er mit eisernen Hand. Man darf aber auch nicht vergessen, dass in diesem Land noch immer viele Spannungsfelder gibt. Der Westen sollte einfach vorsichtig sein, dass wir nicht zu viel eingreifen, und Machtstrukturen zu schnell verändern wollen. Das könnte dann auch in einem weiteren Bürgerkrieg enden.
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