Kampf der Vorurteile auf dem Taksim-Platz

Der Komponist, Sänger, Schriftsteller, Filmregisseur und Unesco-Botschafter Zülfü Livaneli spricht im Interview über das, was gerade auf dem Taksim-Platz passiert: über Erdogan, Demokratiebestrebungen, über Vorurteile und die Bedeutung der Kunst in Zeiten der politischen Auseinandersetzung.

Eine Frau demonstriert friedlich vor einem gepanzerten Wasserwerfer.

Bildlegende: Die Auseinandersetzungen auf dem Taksim Platz widerspiegeln eine zutiefst zerrissene Gesellschaft. Keystone

Sie scheinen sehr beschäftigt zu sein im Moment. Ist das wegen der Unruhen oder ist das Ihr Normalzustand?

Es ist mehr oder weniger normal, aber die Unruhen machen es noch schlimmer.

Was haben Sie denn zu tun?

Viele Treffen. Viele Konzerte. Ich war in London und in Moskau, als eine Art Solidaritätsakt für den Taksim-Platz. Ich singe bald in Mersin am Mittelmeer. Ich habe Lesungen. Aber am wichtigsten sind die Unruhen, wegen denen ich mich mit vielen Leuten treffe, die mich um Rat fragen. Ich habe da so die Funktion eines älteren Bruders dieser Leute, weil ich schon einiges an Erfahrung habe.

Worum geht es denn da genau? Ich nehme mal an, es geht nicht bloss um die drei Bäume, die gefällt werden sollen.

Nein. Es geht nicht um die drei Bäume. Es fing als ökologische Bewegung an, weil wir hier nicht viele Grünflächen haben, und weil nun beschlossen wurde, ausgerechnet auf dieser Grünfläche ein Einkaufszentrum zu bauen.

Dass es ein Park für die Leute ist, ist ebenfalls wichtig und der Umstand, dass wir hier ein grosses Erdbeben erwarten. Und dieser Platz ist der einzige in Istanbul, wohin sich die Bevölkerung im Notfall zurückziehen und wo sie ihre Zelte aufschlagen könnte.

Zwei Männer abseits der grossen Demonstrationen, einer von ihnen verletzt

Bildlegende: Verletzte am Rand der Auseinandersetzungen mit Wasserwerfern und Tränengas. Keystone

Und als dann der Plan kam, diesen Platz zu überbauen, da sagten die Leute ‹nein›. Und an dem Punkt schaltete der Premierminister sich ein und verhielt sich sehr arrogant.

Er sagte, ‹nein, ich entscheide das, und zwar als einziger, nicht die Leute› und hetzte Polizeieinheiten auf friedliche Demonstranten los mit Tränengas und anderen chemischen Substanzen.

Gegen Kinder, Mädchen, Frauen, friedliche Leute. Es gab Tote und Verletzte. Und sechs Leute sind erblindet.

Also ist die Bewegung in erster Linie eine Bewegung gegen Erdogan?

Ja. Nicht gegen seine Partei, nicht gegen irgendjemanden sonst, sondern gegen ihn. Und zwar, weil er sich ins tägliche Leben der Menschen einmischt, weil er sich aufspielt wie ein Vater der Nation. Wissen Sie, so wie einer dieser patriarchischen Führertypen - wie ein Franco oder ein Salazar oder so.

Er glaubt, er sei der Chef aller hier und er habe daher auch das Recht, über jeden zu befehlen. Das ist kein Pluralismus. Okay, er hat die Mehrheit. Es ist dennoch eine Diktatur. Nicht die Diktatur einer Mehrheit. Sondern die Diktatur eines einzelnen Mannes, der die Mehrheit der Stimmen hinter sich hat.

Er sagt zum Beispiel, wie viele Kinder man haben soll. Er sagt, was wir essen und trinken sollen. Er sagt, wie wir uns kleiden sollen. Oder wie wir uns zu verhalten haben. Er hat seinen Lebensstil, und alle anderen Arten zu leben betrachtet er als unmoralisch. Und die Leute, die sich anders verhalten, beleidigt er auf übelste Art. Das, was die Leute jetzt sagen, ist mit einem einzigen Wort zu beschreiben. ‹Genug›. Die Leute sagen: ‹es ist genug›.

Kann man Erdogan denn loswerden?

Ich weiss nicht, was man jetzt wirklich machen kann. Die Türkei ist ein demokratisches Land. Nicht hundert Prozent demokratisch, aber mehr oder weniger schon. Wir haben Wahlen nächstes Jahr. Der einzige Weg, ihn loszuwerden, werden die Wahlen sein. Die Bewegung hat auch einen Fehler gemacht.

Was ist das für eine Bewegung?

Es hat angefangen mit jungen urbanen Leuten, die ihre sozialen Medien sehr effizient ausnützten. Sie taten das sehr fantasievoll und mit viel Humor. Mit Witz, mit Songs, mit vielen guten Ideen.

Als dann die Polizei angriff, wurde alles viel schwieriger. Da tauchten dann politische Organisationen auf. Linke, bis hin zu illegalen Organisationen. Und ab da gab’s keine Definition der Bewegung mehr. Kein gemeinsames Ziel.

Selbst die antikapitalistischen Islamisten machten mit. Was besonders lustig war, weil sie ihre Freitagsgebete neben Frauen in Miniröcken machten. Also eine grosse heterogene Bewegung und eine sehr gute Stimmung. Aber jetzt ist natürlich alles sehr viel schwieriger geworden.

Inwiefern?

Die Demonstranten machten einen Fehler. Zum ersten Mal in 11 Jahren hat Erdogan ein Eingeständnis gemacht, in dem er der Bewegung angeboten hat, das Volk über das Projekt am Taksim Platz abstimmen zu lassen.

Dieses Eingeständnis war wirklich ein ‹Zurück-Krebsen›. Es war ein Sieg. Also habe ich den Besetzern geraten, den Taksim Platz jetzt zu verlassen, ein grosses Fest zu feiern, überall das Wort ‹Sieg› hinzuschreiben. Und die Weltpresse hätte gesagt: ‹Die Protestbewegung hat Erdogan besiegt›.

Portrait Zülfü Livaneli

Bildlegende: Livaneli versucht immer wieder, Brücken zu bauen, zwischen den unterschiedlichen politischen Lagern in seiner Heimat. SRF / Michael Luisier

Sie sind ein Musiker, ein Filmemacher und ein Schriftsteller. Sie sind eine ziemlich berühmte Persönlichkeit in der Türkei. Sie waren auch im Ausland. Sie mussten ins Exil. Welches ist Ihre Rolle? Wie sehen Sie die?

Ich habe viele Anhänger in der Türkei. Junge wie alte. Die Leute verstehen mich und sie mögen meine Ideen. Täglich erhalte ich E-Mails.

Ich gebe nicht mehr so viele Konzerte heute. Aber 1997 gab ich das grösste Konzert, das je in der Türkei gegeben wurde. In Ankara im Hippodrom sang ich vor 500‘000 Leuten. Und diese 500‘000 Leute haben alle meine Lieder mitgesungen.

Meine Lieder sind Symbole der Demokratie geworden. Zum Beispiel jetzt wieder auf dem Taksim Platz. Da sangen die jungen Leute meinen Song ‹Ey Özgürlük›, was ‹Freiheit› heisst und was vielleicht so was wie Bob Dylans ‹Blowing in the wind› wurde, ich wurde in Prozesse gegen Friedensaktivisten hineingezogen in der Türkei, ich vermittelte zwischen Gefangenen im Hungerstreik und der Regierung.

Ich habe eine Rolle in der Türkei: Keine mit hard power, aber mit soft power schon.

Kann ein Lied die Welt verändern?

Nein, das glaube ich nicht. Lieder können Gefühle transportieren, besonders Protestlieder, was mein Gebiet ist. Aber Lieder können zum Beispiel keine Literatur ersetzen.

Was sind Ihre weiteren Pläne?

Ich werde mich nun zurückziehen und mein nächstes Buch schreiben. Ich arbeite an einem grossen Werk über Istanbul und Konstantinopel. Von Byzanz bis heute.

Aber wissen Sie, das Leben lässt es nicht immer zu, dass ich meine Pläne umsetzen kann. Manchmal schon, aber in diesen turbulenten Zeiten werde ich gebraucht. Und darum sind meine Pläne nicht gerade realistisch im Moment, aber ich hoffe auf ruhigere Zeiten, damit ich mich um meine Kunst kümmern kann, denn ich glaube, die Kunst ist die einzige Lösung für meine persönlichen Krisen.

Nicht für die Weltkrisen. Aber für die persönlichen. Ich zum Beispiel kann nur leben mit meiner Kunst. Wenn ich meine Kreativität nicht hätte, meine Bücher und meine Musik und die anderen Dinge, ich hätte mich längst umgebracht.

Das ist wahr! (Er lacht.)

Buchhinweis:

Zülfü Livaneli: Serenade für Nadja. Aus dem Türkischen von Gerhard Meier, Klett-Cotta, 2013.

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