Kapitän Stefan Schmidt: Ein bestrafter Retter gibt nicht auf

Jedes Jahr versuchen tausende Flüchtlinge, mit kleinen Booten über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Als der deutsche Kapitän Stefan Schmidt im Jahr 2004 afrikanische Flüchtlinge aus dem Meer fischt, wird er aber nicht als Retter gefeiert. Im Gegenteil – er wird verhaftet.

Kapitän Schmitt. Er hat graue Haare und trägt eine Uniform.

Bildlegende: Er wollte nur helfen: Kapital Stefan Schmitt. Reuters

Eigentlich wollten Kapitän Stefan Schmidt und die Besatzung der «Cap Anamur» nur Hilfsgüter in den Irak liefern. Im Mittelmeer stiessen sie aber auf 37 Flüchtlinge in einem Schlauchboot, das unterzugehen drohte. Das Wetter war gut, die Schiffbrüchigen konnten ohne Probleme an Bord geholt werden. Es war keine dramatische Rettung. Eher eine Routineübung.

Illegale Schlepper?

Stefan Schmidt hatte solche Rettungsmanöver schon unzählige Male geübt, schliesslich war er Lehrer an einer Seemannsschule. «Das ist ganz normal für einen Seemann, für einen Kapitän, dass er jeden, der in Seenot ist, rettet. Einerseits aus menschlicher Sicht, und dann gibt es da mindestens drei oder vier Gesetze, die Ihnen das sagen», erklärt Stefan Schmidt.

Als nächstes wollte die Besatzung die Flüchtlinge in einen sicheren Hafen bringen. Doch das wurde zu einer Herausforderung. Elf Tage lang durfte die «Cap Anamur» in keinem Hafen einlaufen, ohne Begründung. Als sie dann anlegen konnten, wurden Stefan Schmidt und zwei weitere Besatzungsmitglieder verhaftet. Der Vorwurf: Bandenmässige Beihilfe zur illegalen Einwanderung. Kurz: Sie wurden verdächtigt, Schlepper zu sein.

Voller Einsatz für Flüchtlinge

Fünf Jahre dauerte der Prozess, er kostete das Komitee der «Cap Anamur» etwa 900'000 Euro. Stefan Schmidt und die zwei Besatzungsmitglieder wurden schliesslich von allen Vorwürfen freigesprochen. Der Prozess war damit abgeschlossen. Bei Stefan Schmidt kamen aber neue Fragen auf: «Sie können sich ja vorstellen: Sie werden eingesperrt für etwas, bei dem alle anderen Leute sagen: Mensch Klasse, was die gemacht haben. Da überlegt man sich schon mal: Was soll das Ganze?»

Mehr Menschlichkeit «verdammt nochmal»!

Stefan Schmidt wollte nun genau wissen, was an Europas Aussengrenzen vor sich ging. Er beteiligte sich an der Gründung einer Menschenrechtsorganisation, die sich für Flüchtlinge einsetzt und die Situation an den Grenzen beobachtet. Zudem wurde er zum Flüchtlingsbeauftragten des Landes Schleswig-Holstein. Dabei macht er sich für die Flüchtlinge stark, obwohl oder gerade weil die Flüchtlinge in Europa ein schlechtes Image haben.

Man bezeichnet sie als Schmarotzer oder als Wirtschaftsflüchtlinge. Stefan Schmidt wird wütend über solchen Bezeichnungen. Denn auch Wirtschaftsflüchtlinge seien Flüchtlinge, sie würden ihr Land aus einer Not verlassen. Natürlich gebe es auch mal einen Flüchtling, der nur schnelles Geld machen wolle. Aber das findet Stefan Schmidt nicht verwerflich. Schliesslich sei Europa immer noch reich genug. Er unterstreicht es mit einem beherzten «verdammt noch mal!»

Um diese Vorurteile abzubauen, versucht Stefan Schmidt, Flüchtlinge mit der Lokalbevölkerung zusammenzubringen. So könnten sie sich besser kennen- und verstehenlernen. Er selber erfuhr von den Flüchtlingsschicksalen eher durch Zufall. Doch Werte wie Menschlichkeit und Nächstenliebe waren für Stefan Schmidt schon immer zentrale Werte.

Konkrete Lösungen sind gefragt

Zwei Männer halten ein weisses beschriftetes Transparent vor einem grossen Schiff.

Bildlegende: Demonstranten zeigten 2004 Solidarität mit Kapitän Schmidt. Keystone

Noch auf der «Cap Anamur» hielt er jeweils Andachten für die Flüchtlinge. Stefan Schmidt übersetzte dort Bibeltexte wie zum Beispiel die Bergpredigt. Er sei ein Fan von Jesus, hält er fest. Denn was Jesus gesagt habe, gelte auch heute noch. Er findet, dass die christlichen Werte allgemeingültig seien. Allerdings könnten sie auch unabhängig vom Christentum definiert werden. Denn auch die Muslime auf dem Schiff hätten diese Andachten gut aufgenommen.

Stefan Schmidt will aber nicht nur von Werten sprechen. Er fordert auch konkrete Lösungen für die Flüchtlingsproblematik. Dabei nimmt er die Politik in die Verantwortung. Kurzfristig müsse mehr in die Rettung der Flüchtlinge investiert werden. Langfristig aber brauche es neue Ansätze in der Entwicklungspolitik. Denn wenn Flüchtlinge in ihren Herkunftsländern Perspektiven fänden, müssten sie gar nicht erst die lange Reise nach Europa antreten.

Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten wehren sich aber viele europäische Länder gegen eine solche Verpflichtung. Da kennt Stefan Schmidt kein Pardon: «Wenn's uns mal ein bisschen schlechter geht, werfen wir gleich unsere Menschlichkeit über Bord, oder was? Das geht ja nun auch nicht!»

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Blickpunkt Religion vom 15.6.2014, 08:08 Uhr

Zur «Cap Anamur»

Zahlreiche Afrikaner stehen an einer blauen Schiffsbrüstung.Menschen

Flüchtlinge auf der «Cap Anamur». Keystone

Die «Cap Anamur» ist ein Schiff einer deutschen Hilfsorganisation. Auf dem Weg in den Irak im Juli 2004 nahm die Besatzung 37 schiffbrüchige Flüchtlinge an Bord. Das Schiff erhielt erst keine Einlaufgenehmigung in Italien, danach wurden drei Besatzungsmitglieder wegen Schlepperei verhaftet. Sie wurden aber freigesprochen.