Keine Religion ist unschuldig

Islamistische Terroristen berufen sich zur Rechtfertigung ihrer Untaten gerne auf ihre Religion. Und sogleich verwerfen die muslimischen Verbände hierzulande ihre Hände und sagen: Der Islam sei eine Religion des Friedens. Hat Religion wirklich nichts mit Gewalt zu tun? Ein Kommentar.

Blaue Schilder mit roten Herzen darauf. Darin arabische Schriftzeichen.

Bildlegende: Die Schilder von Muslimen in Kabul, die nach den Anschlägen in Paris gegen Karikaturen von Charlie Hebdo demonstrieren. Reuters

Das ewige Beschwichtigen muss endlich aufhören. Der sogenannte Islamische Staat hat soviel mit dem Islam zu tun wie die Kreuzzüge mit dem Christentum. In beiden Fällen zogen und ziehen Mörderbanden durch fremde Länder, um Andersgläubige oder Ungläubige zu unterjochen oder zu töten.

Extremisten sind auch Muslime

US-Präsident George W. Bush proklamierte beim Krieg gegen die Taliban in Afghanistan einen Kreuzzug. Und Bush und der Brite Tony Blair, beide streng gläubige Christen, führten bald nach Afghanistan im Irak eine Art Mission aus, die über 100'000 Menschen das Leben kostete.

Soll man jetzt Bush und Blair ihr Christsein absprechen, nur weil wir meinen, das Christentum sei eine Religion des Friedens? Oder soll der grausame norwegischen Attentäter Anders Breivik, für den die katholische Kirche das Schwert gegen den Islam ist, deswegen kein Katholik sein?

Religiöse und politisch-soziale Ordnung zugleich

Genauso naiv und bequem ist es, von islamistischen Extremisten zu behaupten, sie seien keine Muslime. Zu seinen Lebzeiten ist der Prophet Mohammed militärisch gegen seine Widersacher vorgegangen. Es gab Massaker gegen Juden, die als Ungläubige bezeichnet wurden. Und so wie das Alte Testament voller Mord und Totschlag ist, so gibt es im Koran zahlreiche Aufrufe zum Dschihad.

Der Islam ist mehr als eine Religion. In der Grundanlage ist er religiöse und politisch-soziale Ordnung zugleich. Und zu dieser Ordnung hat historisch auch der Dschihad gehört, der Kampf gegen die sogenannten Ungläubigen. Zur Gründungsidee des Christentums gehört die Unterscheidung zwischen Religion und Politik, also die Trennung von weltlicher und geistlicher Macht. Und dazu gehört auch die Feindesliebe. Zumindest theoretisch.

Religion als Rechtfertigung

«Alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen», liest man in den Evangelien. Es gibt die Idee des gerechten Krieges genauso, wie es eine christliche Geschichte von Folter und Hexenverbrennungen gab.

Beide Religionen, Christentum und Islam, basieren auf einer Geschichte der Gewalt. Und auch heute noch segnen christliche Kirchenführer Waffen und berufen sich zur Rechtfertigung ihres Tuns auf Gott. Genauso wie muslimische Führer zu Massendemonstrationen gegen Karikaturisten anstacheln.

Fast alle Muslime, die bei uns leben, leben einen Islam, der mit unserer Verfassungswirklichkeit kompatibel ist. Das schliesst den Verzicht auf Gewalt mit ein. Und trotzdem ist die Gewalt im Namen des Islam die wohl grösste Herausforderung an die 1,6 Milliarden Muslime weltweit. Ein Ethos des Gewaltverzichts muss im Islam gefunden werden, so wie es – theoretisch – ein Ethos des Gewaltverzichts im Christentum gibt. Nach jedem Terroranschlag nur zu beschwichtigen und zu rufen «wir sind unschuldig!», reicht nicht. Keine Religion ist unschuldig.

Zum Autor

Hansjörg Schultz ist Religions-Redaktor bei Radio SRF 2 Kultur und Moderator bei «Sternstunde Religion».

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