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Klaus Theweleit und die dunkle Seite der Männlichkeit
Aus Kulturplatz vom 05.02.2020.
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Klaus Theweleit im Gespräch «Männerphantasien»: Körper, Krieg – und am Ende doch die Liebe

Mit «Männerphantasien» schrieb Klaus Theweleit in den 70ern ein Kultbuch über die Entstehung von Gewalt und Faschismus – ganz Kind seiner Zeit und doch bis heute aktuell. Kürzlich wurde es neu aufgelegt. Ein Blick ins Buch – und ein Rückblick mit seinem Autoren.

Es ist das Nachwort der Neuauflage seiner «Männerphantasien», eines hochkomplexen Textes über die Entstehung von Gewalt und Faschismus. Auf Seite 1278 schreibt Klaus Theweleit den letzten Satz: «Make Love Not War – war der ernsthafteste Schnack hinter allen Aktivitäten der 68er-Evolution.»

«Make Love Not War»: vier Worte über die Liebe. So einfach?

Nach über 1000 Seiten, Bildern und Szenen, die Grausamkeit beschreiben, die von Männerkörpern und weissem Terror erzählen, von Sexualität und Drill, vom soldatischen Mann und der Strasse des Blutes, von Angst, von der Auflösung der Körper, von verschlingenden Frauen … «Make Love Not War»?

Ja, so einfach ist es. Und so schwer zugleich. Vier Worte.

Ein Zufall zur richtigen Zeit

Ein anderer Satz im Nachwort: «Dass ‹Männerphantasien› so einschlagen konnte … ist nichts weniger als ein Zufall.» Was diesen Zufall ermöglichte, so Klaus Theweleit in seinem Nachwort, war die «Arbeit an der eigenen Lebensform.» Was meint er damit?

Es sind die 1970er-Jahre. Theweleit lebt in Freiburg im Breisgau. Zuvor hatte er an der Uni Kiel Literatur studiert und kam dort mit dem akademischen Zugang zur Literatur nicht zurecht.

Klaus Theweleit: «Das war erst einmal eine einzige Enttäuschung. Da sassen diese bürokratischen Professoren, die wollten uns nur beibringen wie man bibliografiert. Und dann die germanistischen Grössen wie Benno von Wiese. Wir fingen an, das zu lesen und dachten: ‹Was ist das für ein dröges Zeug? Und was ist das für eine Sprache? Wir wollen Literatur. Wir wollen nicht diesen Scheiss.› Und da hab' ich mich sofort abschleppen lassen zur Studentenbühne.»

Theater, Kino, endlose Diskussionen in der Kneipe – Theweleit lebt Literatur, lebt die Auseinandersetzung damit und politisiert sich.

Ein Schwarzweiss-Foto einer Band mit drei Männern.
Legende: In den 1970ern gehört Theweleit (M.) zur Freiburger Bohème – und spielt, so scheints, Saxophon. Archiv Soziale Bewegungen Freiburg

Er wechselt an die Universität Freiburg, wird Mitglied des SDS, des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes, damals der politische Olymp der 68er-Bewegung.

Klaus Theweleit: «Im SDS habe ich Marx gelernt. Freud war ich vorher schon verbunden. Das war eine Sprache, die in der Uni nicht vorkam. Damit konnten sie auch nichts anfangen. Man war den Professoren masslos überlegen auf diesen Ebenen. Die hatten weder von Jazz eine Ahnung noch von Kino, von Marx keinen Schimmer, von Freud auch nicht.»

Kino, Kommunismus, Kinderpsychiatrie

Als die 68er-Bewegung ihren revolutionären Drive verliert und sich in viele kleine Splittergruppen auflöst, sucht Klaus Theweleit einen anderen Weg. Er gründet mit anderen ein Kino.

Klaus Theweleit: «Wir haben es ‹Kino Aspirin› genannt. Nach einer Zeile des kubanischen Lyrikers Roque Dalton, der geschrieben hatte: ‹Der Kommunismus wird sein … ein Aspirin von der Grösse der Sonne.› Und wir haben Musik gemacht. Improvisation, Andy Warhol im Kopf, der gesagt hatte: Jeder ist ein Künstler. Das war eine Fortsetzung der aus der Öffentlichkeit mehr und mehr verschwindenden Kommunikation über alles Mögliche. Über Filme, Literatur, Psychoanalyse. Und im Hintergrund immer die Frage: Was ist mit den Deutschen los?»

Klaus Theweleit
Legende: Klaus Theweleits «Männerphantasien» aus den 1970ern sind heute ein Kultbuch. «Die Geschichte – meine Geschichte – musste mit rein», sagt er im Rückblick. Keystone / Eventpress Hoensch

Theweleits Lebenssituation ändert sich massiv. Er heiratet Monika Kubale, die als Psychologin in der Freiburger Uni-Klinik arbeitet. Daraus entstehen Einblicke in die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Sie bekommen einen Sohn.

Was ist mit den Deutschen heute los?

Dann kam der Zufall: Er soll einen Artikel schreiben über Freikorpssoldaten in den 1920er-Jahren.

Klaus Theweleit: «Ich wusste am Anfang ja gar nicht, dass ein Buch draus werden wird. Es sollte erst nur ein Kapitel werden in Erhard Lucas Arbeit ‹Märzrevolution 1920›. Darüber hatte ich Einblick bekommen in den Terror der Freikorpssoldaten im Ruhrgebiet 1920.»

Freikorps – das waren paramilitärische Verbände bestehend aus Soldaten und Offizieren der geschlagenen Kaiserlichen Armee, die den 1. Weltkrieg verloren hatte. Sie waren aus dem Krieg zurückgekehrt, viele davon arbeitslos und ohne Perspektive.

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Lachende Mörder – Klaus Theweleits Psychogramm der Tötungslust
Aus Kulturplatz vom 06.05.2015.
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Sie hatten Grausames erlebt und waren zu Grausamkeit bereit, organisierten sich in Freiwilligenverbänden, die politisch weit rechts standen und vehement gegen alles vorgingen, was politisch links stand. All das ausführlich dokumentiert in Romanen, Tagebüchern, Zeitungsartikeln.

Klaus Theweleit: «Da fing ich an, das als Buch zu denken, und dann kam dazu, wenn das ein Buch wird, dann muss die Geschichte – meine Geschichte – mit rein. Insofern war das eine direkte Fortsetzung der eigenen Lebensgeschichte, unter Einbeziehung der Vergangenheit, der Deutschen, der Eltern, der 20er-Jahre, um rauszukriegen, was ist mit den Deutschen heute los, und wie viel von dieser Scheisse steckt in unserer Generation.»

Körper, die töten

Theweleit findet seinen eigenen Stil, seine eigene Sprache, den Theweleit-Ton, mit dem er Text, Zitate, Szenen verbindet. Beeinflusst von seinem Leben, von Free Jazz, Bob Dylan und Kino.

Allein die Bilder in seinem Buch bilden einen eigenen Erzählstrang. Soldatisches, Comics von Robert Crumb, Hollywood-Zitate, historisches Material – sein Buch ist mehr Kino als Theorie.

Buchhinweis

Klaus Theweleit: «Männerphantasien», Matthes & Seitz 2019.

Es ist ein neuer Ansatz, die Entstehung von Gewalt, von Faschismus zu denken. Nicht motiviert durch eine Ideologie oder Religion, nicht als Reaktion auf ökonomische Verhältnisse, sondern als Resultat von zugerichteten Körpern, die durch Drill, emotionale Kälte, durch Gewalterfahrung angstbesetzt sind. Und aus Angst zur Gewalt greifen. Es sind Körper, nicht ein bestimmtes Bewusstsein, die töten und morden.

Klaus Theweleit: «Faschismus ist keine Ideologie. Faschismus ist ein körperlicher Zwang, Faschismus ist die Arbeit bestimmter Körper, die Welt so einzurichten, wie sie es haben wollen.»

Also doch: Make Love Not War.

Sendung: SRF 1, Kulturplatz, 5.2.2020, 22:25 Uhr

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