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Gesellschaft & Religion Konsumstädte und Konsumgesellschaften

Wenn Venedig stirbt, dann stirbt die alte Idee der menschengemässen Stadt - dies ist die These des renommierten italienischen Archäologen Salvatore Settis. In seinem Gastbeitrag in der «Süddeutschen Zeitung» erläutert er, warum Venedig an seinen eigenen Bewohnern zu Grunde gehen könnte.

Am Horizont Venedig in Abendstimmung, davor viel Wasser.
Legende: Seine Bewohner beschwören Venedigs Untergang herauf, ist der italienische Archäologe Salvatore Settis überzeugt. keystone

Städte sterben laut Salvatore Settis, dem unermüdlichen Kämpfer für das italienische Kulturerbe, auf dreierlei Weise: Sie werden von einem Feind zerstört, von Fremden besetzt, oder aber sie sterben, weil die Bewohner ihr Gedächtnis verlieren und zu Feinden ihrer selbst werden. Als historisches Beispiel für den letzten Fall nennt der emeritierte Archäologie-Professor das alte Athen, das die Selbstvergessenheit der Athener zugrunde gerichtet habe. Venedig, so warnt Settis, drohe eines Tages dasselbe Schicksal.

Venedig ist nicht geeignet für die Moderne

Denn das historische Venedig werde täglich gedemütigt: Von monströsen Kreuzfahrtschiffen, die den Wasserdruck auf das fragile Ufer Venedigs erhöhten. Oder von kühnen Wolkenkratzer-Projekten, die als «Chance für Venedig» verkauft würden. Dabei sei die Stadt ungeeignet für die Moderne. Für Salvatore Settis ist Venedig das Symbol schlechthin für die Stadt des Menschen.

Das genaue Gegenteil sieht er in der chinesischen Millionenstadt Chongqing. Eine Stadt, die für die Produktion und den Konsum von Waren entstanden ist. Eine Stadt, die nicht mehr Prägestätte des Denkens sei, sondern blosse Verpackung naturwüchsiger Siedlungen.

Wollen Sie eine umoralische Marktgesellschaft?

Der Harvard-Philosoph Michael J. Sandel geht in seinem neuen Buch von folgender Diagnose aus: Die Vorzüge des Kapitalismus und das Ende des Gegenentwurfs, Planwirtschaft haben aus der Marktwirtschaft eine Marktgesellschaft gemacht - eine Gesellschaftsphilosophie, die besagt: Alles ist käuflich.

Wer bezahlt, muss nicht auf einen Arzttermin warten, darf eine bedrohte Tierart schiessen oder kann eine Frau damit beauftragen, als Leihmutter ein Kind auszutragen. Der Harvard-Philosoph, so fasst der «Tagesanzeiger»-Chefredaktor Res Strehle zusammen, sieht in dieser Entwicklung zwei grundsätzliche Probleme: Weil nicht alle gleich viel Geld haben, ist diese Marktgesellschaft zutiefst ungleich. Ausserdem nimmt zwangsläufig die Korruption zu, weil auch öffentliche Leistungen - etwa von Polizisten oder Lehrern - erwerbbar werden. Immerhin, meint Chefredaktor Strehle, habe der Exzess der Marktwirtschaft nun dazu geführt, dass sich die Philosophie des Themas annehme und die wichtige Frage stelle: Wollen wir wirklich eine unmoralische Marktgesellschaft?

Der Harvard-Professor Sandel stellt diese Frage seinen Studierenden offenbar regelmässig, weil er davon ausgeht, dass moralische Fragen in dieser Lebensphase besonders Gehör finden. Spätestens mit dem Karrieresprung und der eigenen Behauptung am Markt drohe die Moral in Vergessenheit zu geraten.