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Gesellschaft & Religion Krankheit und Alter - die neuen Tabus

Nach der sexuellen Revolution glaubte man, mit der Scham seien auch die Tabus verschwunden. Irrtum. «Die neuen Tabuthemen heissen Alter und Krankheit», sagt Autor Burkhard Spinnen. SRF-Redaktorin Katharina Kilchenmann nimmt dies zum Anlass für ein Plädoyer.

Eine Frau sitzt auf einem Krankenbett und bedeckt ihr Gesicht.
Legende: Wenn nur noch Leistung zählt, dann wird eine Krankheit automatisch zum Versagen. Keystone

Das Schamgefühl hat sich in den letzten 100 Jahren radikal verändert. Heute beschämt uns nicht mehr die Nacktheit, schreibt der deutsche Schriftsteller Burkhard Spinnen in einem Essay, sondern unsere Sterblichkeit. Aber die Scham beginnt bereits dort, wo unsere Leistungsfähigkeit beeinträchtigt ist - wenn wir erschöpft, krank oder alt sind.

Ein Plädoyer für die Schwäche

Hand aufs Herz: Wenn Sie erschöpft sind, einfach nicht mehr können und weit und breit keine Erholungsmöglichkeit in Sicht ist, greifen Sie dann auch mal zu einer Notlüge? Erkältung klingt nun mal besser als Erschöpfung, und ab und zu eine Mini-Auszeit schadet weder Ihnen noch dem Arbeitgeber - kein Problem.

Das Problem liegt doch vielmehr darin, dass es eigentlich nicht möglich ist, offen dazu zu stehen, dass die Batterien leer sind, dass man den Computer zum Fenster rausschmeissen möchte, und dass einem vor lauter positiv denken und munter an alles rangehen, jeglicher Spass an irgendwas abhandengekommen ist.  Ja, das behalten wir wohlweislich für uns, denn nicht mehr leistungsfähig sein, das liegt nicht drin, das ist peinlich, das beschämt uns.

Und erst recht beschämt uns die Vorstellung, durch eine schwere oder lange Krankheit nicht mehr mitmischen zu können und am Ende auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. Auf Pflegende, die uns unterstützen bei so einfachen Dingen wie einem Gang aufs Klo, bei der Körperpflege oder beim Essen.

Der Schrifsteller Burkhard Spinnen erinnert sich in diesem Zusammenhang im Gespräch an seinen kranken Vater.

Das Gebot ewiger Jugend

Nur so weit müssen wir gar nicht denken. Es beschleicht uns ja schon eine leichte Scham, wenn die Zeichen des Alters sichtbar werden. Warum sonst wird es immer normaler, den Körper durch chirurgische Eingriffe jung zu erhalten. Nicht nur dort, wo es alle sehen, selbst im Genitalbereich oder in der Stimme darf nichts auf ein Verwelken hindeuten.

Wir verbannen mit Inbrunst alle Zeichen der Vergänglichkeit aus unserem Leben, sagt der Schriftsteller Burkhard Spinnen in seinem Essay. Wir schämen uns unserer verminderten Leistungsfähigkeit und empfinden Krankheit und Tod als persönliches Versagen.

Kein Wunder also, dass wir uns permanent vital darstellen müssen, mitreden, chatten, twittern, liken und posten was das Zeug hält. Und all das nur, um zu beweisen, dass wir am Leben sind und fast auf ewig nichts mit dem Tod zu tun haben.

Hände einer Verstorbenen halten eine Rose.
Legende: Der Tod ist das letzte Tabu in einer auf Vitalität getrimmten Gesellschaft. Keystone

Verschämt sterben

Und solange wir noch gehen und stehen können, halten wir uns fit, buchen Reisen und konsumieren, um uns dann, wenn gar nichts mehr geht, schamvoll zurückzuziehen, und keinem ein Sterbenswörtchen zu sagen, wie bitter und schmerzhaft es ist, vom Leben Abschied zu nehmen. Nein, so wollen wir nicht gesehen werden: weder erschöpft, noch krank, noch sterbend. Das erscheint uns würdelos.

Und wenn die Würde verloren ist, ist nur noch Scham.