Krieg und Kampf in der Kunst aus Sarajevo

Das Attentat von Sarajevo löste vor 100 Jahren den Ersten Weltkrieg aus. Zum Jahrestag am 28. Juni schaut die Welt nach Bosnien-Herzegowina. Das Ereignis hat für die Menschen vor Ort aber wenig Bedeutung. Sie haben mit aktuellen Problemen zu kämpfen. Acht Kulturschaffende erzählen womit.

Junge Menschen auf einer Demontration halten Plakate in die Höhe.

Bildlegende: Zeiten des Umbruchs in Bosnien-Herzwgowina: Es regt sich Widerstand gegen die Probleme des Landes. Keystone

Die Menschen im heutigen Sarajevo haben mit anderen Problemen zu kämpfen, als sich mit den historischen Ereignissen des Ersten Weltkriegs zu beschäftigen. Vor allem in Beamtenkreisen gibt es nach wie vor viele Fälle von Korruption. Die Privatisierung von staatlichen Institutionen führt oft zu schlechteren Arbeitsverhältnissen oder direkt zu Entlassungen. Die Arbeitslosenrate liegt bei 45 Prozent, und der Industriesektor ist praktisch zum Erliegen gekommen.

Zwei Teilrepubliken, ein Staat

Mit dem Dayton-Abkommen 1995, das zum Ende des blutigen Krieges führte, wurde das Land in zwei autonome Gebiete aufgeteilt: in einen bosniakisch-kroatischen und einen serbischen Teil. Drei Ethnien, zwei Teilrepubliken, ein Staat. Dieses komplizierte Konstrukt führt bis heute im Staatsapparat von Bosnien-Herzegowina zu nationalistischer Polemik und in vielen Bereichen zu politischer Lähmung.

Die Bevölkerung hingegen erwacht langsam aus dem Nachkriegsschlaf. Vor allem die junge Generation lässt sich durch die nationalistische Stimmungsmache der Politiker kaum beeindrucken. Anfang Februar dieses Jahres kam es erstmals zu gewalttätigen Demonstrationen. Regierungsgebäude und Polizeiautos brannten in vielen Städten. Zum ersten Mal seit dem Krieg solidarisierten sich die Menschen beider Landesteile und machten gemeinsam lauthals auf die sozialen Probleme in ihrem Land aufmerksam.

Im Gespräch erklären acht Kulturschaffende aus Sarajevo, wie sie mit der momentanen Situation in Bosnien-Herzegowina umgehen und was die Kultur in Zeiten des Umbruchs bewirken kann.

    • «Kunst ist eine Form des Überlebens»

      Die Multimediakünstlerin Šejla Kamerić lebt heute in Sarajevo und Berlin. In ihrer Arbeit thematisiert sie Krieg, Verlust und Erinnerung. Sie hält die andauernde Spaltung der Gesellschaft für eine grosse Gefahr für neue Konflikte. Ihre Hoffnung auf Veränderung liegt auf Europa.

      4:49 min vom 26.6.2014

    • «Wir können den jungen Generationen ein Vorbild sein»

      Die Filmemacherin Aida Begić wurde für ihren letzten Film «Children of Sarajevo» in Cannes ausgezeichnet. Sie thematisiert darin die Probleme der bosnischen Gesellschaft nach dem Krieg und nach dem Friedensabkommen von Dayton. Eine Gesellschaft im Übergangsstadium mit Problemen von Korruption, Gewalt und Hoffnungslosigkeit.

      4:48 min vom 26.6.2014

    • «Wir haben nationale Institutionen, die keiner will»

      Maja Abdomerović ist Kuratorin in der Nationalgalerie von Bosnien Herzegowina. Zum Gedenkanlass an das Attentat von Sarajevo hat sie eine Ausstellung kuratiert, die Teile des sogenannten Sühnedenkmals zeigt. Die Nationalgalerie ist nur noch geöffnet, weil ihre Mitarbeiter das kulturelle Erbe ihres Landes für entscheidend halten.

      2:40 min vom 26.6.2014

    • «Künstlerischer Austausch kann unglaubliche Kräfte entwickeln»

      Die Theaterregisseurin Selma Spahić beschäftigt sich in ihrer künstlerischen Arbeit immer wieder mit dem Nationalismus in ihrem Land. In ihrem aktuellen Stück «Skupština» zeigt sie die Absurdität der blockierten bosnischen Regierung anhand von Parlamentsprotokollen auf.

      4:13 min vom 3.6.2014

    • «Die Kultur kann eigentlich alles»

      Der Konzeptkünstler Damir Nikšić ist im letzten Jahr durch seine YouTube-Videos zu grosser Popularität gelangt. In den Videos zeigt er auf satirische Art und Weise die Mentalität der Bevölkerung auf. Seine Kritik richtet sich an alle, nicht nur an den Staat.

      4:08 min vom 3.6.2014

    • «Uns ist die Sonne aufgegangen – das ist der bosnische Frühling»

      Die Schauspielerin Luna Zimić Mijović gilt in Bosnien als junges Talent. Zuletzt hat sie im Schweizer Film «Traumland» von Petra Volpe mitgespielt. Durch ihre internationalen Schauspielerfahrungen hat sie mit 22 Jahren bereits einen sehr differenzierten Blick auf ihr Heimatland.

      3:23 min vom 3.6.2014

    • «Kultur ist wichtig als Inspiration für Veränderungen»

      Die Dub-Band Dubioza Kolektiv ist auf dem ganzen Balkan sehr erfolgreich. Auch international geben sie mittlerweile Konzerte. Seit der Bandgründung beteiligen sie sich an Demonstrationen gegen die Missstände in ihrem Land und ihre Songtexte greifen immer wieder politische Themen auf.

      4:54 min vom 3.6.2014

    • «Kommunikation zwischen den Menschen ermöglichen»

      Nihad Kreševljaković ist Direktor am SARTR, dem sogenannten Kriegstheater in Sarajevo. Kriegstheater deshalb, weil es zu Beginn des Krieges gegründet wurde und über die ganze Dauer des Krieges offen blieb. Das Theater war für die Menschen während dem zermürbenden Krieg eine Insel der Normalität.

      3:44 min vom 3.6.2014

Sendehinweis

Sendung zu diesem Artikel

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Auf den Spuren der bosnischen Tragödie

    Aus Kulturplatz vom 26.3.2014

    In Sarajevo entzündete sich vor 100 Jahren der Erste Weltkrieg und seither hat die Zeit so manche Wunde geschlagen. Orte, Gebäude und Brücken zeugen von den historischen Erschütterungen des 20. Jahrhunderts. Wie ein Mahnmal erinnern Überreste der olympischen Sportstätten von 1984 an das katastrophale Ende des Vielvölkerstaates Jugoslawien. So manche Ruine zeugt vom Schrecken der darauf folgenden Kriege und der jahrelangen Belagerung der bosnischen Metropole. Auf einem Stadtrundgang erkundet Eva Wannenmacher die Spuren der konfliktbeladenen Vergangenheit.

    Eduard Erne

  • Wie die Kulturszene die politischen Verhärtungen überwindet

    Aus Kulturplatz vom 26.3.2014

    Sie sind die Vorreiter für das Bosnien-Herzegowina von morgen, junge Kunstschaffende mit ihren grenzüberschreitenden Projekten: die Band Dubioza Kolektiv, die Schauspielerin Luna Zimic Mijovic, die Theaterregisseurin Selma Spahic und der Bad Guy der bosnischen Kulturszene, Damir Niksic. Mit ihrem Sinn für solidarische Gemeinschaft und kreative Zusammenarbeit weist diese neue Generation Bosnien-Herzegowina den Weg in eine bessere Zukunft.

    Igor Basic