Künstler in den USA demonstrieren gegen «Fracking»

Schiefergasbohrungen, das sogenannte «Fracking», galten lange als echte Alternative für eine «saubere» Energiegewinnung. Seit einem halben Jahr laufen Künstler in den USA Sturm, die Risiken seien zu gross. Wissenschaftler halten diese jedoch für minimierbar und kontrollierbar.

Demonstrationen gegen «Fracking»

Bildlegende: Demonstrationen gegen die Schiefergasbohrungen das sogenannte «Fracking» SRF

Die Bilder der Kampagne sind verstörend. Giftig gelbe Pfützen im Grundwassergebiet, schweflig stinkende Brühe im Kaffeetopf, umgepflügte Dreckäcker in der Idylle sanfter Weidehügel.

«Artists Against Fracking» klagen an

«Da machen einige Leute den schnellen Dollar und ruinieren dabei die Zukunft des Landes mit diesem Ding namens Fracking. Stoppt Fracking jetzt», behaupten die «Artists Against Fracking», ein Zusammenschluss von Künstlern, die sich hinter Yoko Ono und Sean Lennon scharen. Deren Gefolge liest sich wie ein Who’s who der linken US-Pop- und Filmstars. Sie benutzen Bilder aus preisgekröntem Dokumentarfilm «Gasland» von Josh Fox aus dem Jahr 2010.

Explosionen im Lavabo

Wer die Szenen mit Stichflammen aus Küchen-Wasserhähnen sieht, die angeblich auf Schiefergasbohrungen in der Nachbarschaft zurückzuführen sind, misstraut wohl künftig der Energieindustrie und ihren Beteuerungen, «Fracking» sei unproblematisch. Die schockierenden Methan-Explosionen im Haushaltlavabo – so wurde nun mehrfach nachgewiesen – haben zwar mit der Schiefergasförderung nichts zu tun.

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Peter Burri über «Fracking»

1:05 min, vom 1.3.2013

Der Gas-Boom bewirkt katastrophale Fehler

Dennoch bescheren sie den Verteidigern der Technologie ein nachhaltiges Problem. Peter Burri, Präsident der Schweizer Energie-Geowissenschafter, hat mit Tiefenbohrungen und «Fracking» Erfahrung. Für ihn ist das Verfahren – strenge Umwelt- und Sicherheitsauflagen vorausgesetzt – grundsätzlich unproblematisch. Den Grund für die Umweltschäden in den USA ortet er im Gas-Boom, in dessen Taumel hunderte kleiner Firmen ohne Interesse und Mittel für Sicherheitsmassnahmen mitmischten, worauf katastrophale Fehler mit vermeidbaren Folgen begangen wurden. In den USA macht das mittels «Fracking» geförderte Schiefergas bereits die Hälfte der eigenen Gas-Produktion Schiefergas aus.

Kritik von Künstlern

Deutliches Zeichen dafür, dass das daraus entstandene Wirtschaftswunder und dessen Schattenseiten zunehmend kritisch beobachtet werden, ist Matt Damons neuer Film «Promised Land». Damon spielt in dieser Story, zu der er das Drehbuch mitverfasst hat, einen Industrieagenten, der brave Bauern mit der Geldgier ansteckt und ihnen das Land für Schiefergasbohrungen abluchst. Dennoch mag Damon nicht als Lanzenreiter gegen Windmühlen antreten. Anlässlich der Premiere von «Promised Land» an der Berlinale sagte er: «Die Frage nach dem Sinn von Fracking müssen wir gemeinsam beantworten. Nur Nein sagen genügt nicht. Denn dies bedeutet dann ein Ja zu Kohle und Öl.»

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Elmar Grosse Ruse über Chancen und Risiken

0:33 min, vom 1.3.2013

Kohle oder «Fracking» - das ist hier die Frage

Geologe Peter Burri verteidigt die Ausbeutung von Schiefergas auch im Interesse des Klimaschutzes: «Kohle trägt am stärksten zum globalen CO2-Ausstoss bei. Man muss sich bewusst sein: Jede Woche geht in China ein grosses Kohlekraftwerk ans Netz. Wenn diese Kohle durch Gas ersetzt würde, hätten wir den grösseren Beitrag zur CO2-Reduktion geleistet als mit allen anderen Massnahmen zusammen.»  

Schiefergasbohrung

Bildlegende: «Fracking» gilt als Option - die Risikien und Gefahren treten jedoch offen zu Tage. SRF

Die Wahl zwischen Pest und Cholera

Anders sieht dies Elmar Grosse Ruse, Projektleiter «Klima & Energie»  beim WWF Schweiz: «Wer sich für erneuerbare Energien und für Energiesparen einsetzt, bekommt von der «Fracking»-Industrie Knüppel in die Beine geschmissen. Denn da ist die Botschaft: Ach, fossile Energien sind doch gar nicht so schlimm, hier gibt’s ganz viel im Boden, lass es uns günstig fördern. Unsere Forderung: Wir müssen in erneuerbare Energien investieren und damit die Probleme lösen.» Die Entscheidung «Erdgas statt Kohle» – man kann sie als Wahl zwischen Pest und Cholera betrachten. Oder, wie der Geologe Peter Burri, auf Erdgas setzen als Brücke ins neue Zeitalter, in dem erneuerbare Energien tragfähig werden. Die Debatte darüber ist in Europa erst angelaufen. Während Frankreich «Fracking» verboten hat, ist die deutsche Regierung eben zum Schluss gekommen, es unter strengen Auflagen zu bewilligen.

Sagt uns die Wahrheit!

Im Website-Video von «Artists Against Fracking» zieht Yoko Ono sämtliche Register im Kampf gegen Schiefergasförderung in ihrer Nachbarschaft. «Power to the people» fehlt so wenig wie «Imagine», und sie beschwört wirkungsbewusst den Geist ihres grossen einstigen Kampfgenossen Lennon: «John sagte: Give me some truth. Genau das wollen wir jetzt. Sagt uns die Wahrheit!». Leider sind die Fragen um die Zukunft der Energieversorgung und deren Nachhaltigkeit leicht komplexer als das Absingen von Kampfparolen.

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Angst-Thema «Fracking»

5:20 min, aus Kulturplatz vom 27.2.2013

«Fracking»

«Fracking» ist ein Verfahren, mit dem Erdgasvorkommen in Schiefergesteinsschichten ausgebeutet werden. Unter Hochdruck eingepumptes Wasser, versetzt mit Sand und Chemikalien bricht den Schiefer auf, um das Gas ausströmen zu lassen. Problematisch ist der enorme Wasserbedarf und die anschliessende Entsorgung des kontaminierten Wassers.