«Kultur steht nicht auf der Agenda der Muslimbrüder»

In Ägypten setzten sich junge Menschen für ihr Land, ihre Zukunft und ihre Kultur ein. Das Resultat: eine zweite Revolution. Die Journalistin Amira El Ahl und die Autorin Jasmin El Sonbati über die junge Generation und die Hoffnungen auf eine lebhafte Kulturszene Ägyptens.

Anti-Mursi-Proteste in Alexandria.

Bildlegende: Anti-Mursi-Proteste in Alexandria. Reuters

Am 3. Juli 2013 war es soweit: Der ägyptische Präsident Mursi wurde von den Militärs abgesetzt. Mit dabei vor Ort war auch die Journalistin und Nahost-Korrespondentin Amira El Ahl. «Die Stimmung war zunächst angespannt, voller Angst, aber auch voller Hoffnung. Man wartete seit fünf Uhr nachmittags, es zog sich bis 21 Uhr hin», beschreibt sie die Situation. Als die Nachricht des Militärs über die Absetzung Mursis verkündet wurde, entlud sich diese Energie – und das sei stärker als nach dem Sturz Mubaraks gewesen.

Eine Politik von alten Männern

Auffallend sei, dass diese zweite Revolution massgeblich von den jungen Ägyptern ausgegangen ist. Die Rebellionsbewegung «Tamarod» hat mit Erfolg zum Sturz von Mohammed Mursi aufgerufen und nach eigenen Angaben zwischen 10 und 15 Millionen Unterschriften gesammelt. Ein grosser Erfolg für diese jungen Menschen, davon ist Amira El Ahl überzeugt.

Zum Vergleich: Das Durchschnittsalter in Ägypten liegt bei 24 Jahren, in der Schweiz bei cirka 40 Jahren. Dass die Regierung die Rechnung ohne die junge Generation gemacht hat, scheint töricht. «Nach der letzten Revolution sind die jungen Ägypter von der alten Männergarde verdrängt worden. Jetzt sitzen diese jungen Leute mit am Verhandlungstisch», erklärt Amira El Ahl. Das ist ein grosser Fortschritt. Denn diesmal würden sie es richtig machen wollen und sich nicht wieder von den alten Männern verdrängen lassen, hofft die Journalistin. Die Jungen würden sich aber bereits auch kritisch äussern, über die verhafteten 300 Muslimbrüder und die Schliessung von islamistischen Fernsehkanälen.

Zweite Chance für die Demokratie

Die Hoffnung der jungen Leute und aller Ägypter beschreibt Amira El Ahl folgendermassen: Das Ziel ist, Ägypten auf den Weg zu einer wahren Demokratie zu bringen. Das sei die zweite Chance und jetzt müsse man es richtig machen. Die grosse Hoffnung der Ägypter heute seien die Dinge, die ihnen schon mal versprochen wurden: Sicherheit, Arbeit, ein Dach über den Kopf, genug zu essen und die unverrückbaren Menschenrechte.

Und der Islam? Der spiele zwar in Ägypten eine grosse Rolle, die Ägypter seien ein sehr religiöses Volk, jedoch nicht im Sinne der Islamisten. In Ägypten würde ein moderater Islam gelebt und das Volk sei lebenslustig und feiere gern. Dem Volk Spass, Tanz, Musik verbieten zu wollen, sei sicher der falsche Ansatz, betont Amira El Ahl. Der politische Islam sei somit gescheitert.

Kultur nicht auf der Agenda der Muslimbrüder

Nicht nur im gesellschaftlichen, sondern auch im kulturellen Bereich wurden im letzten Jahr viele Hoffnungen enttäuscht. Jasmin El Sonbati, Lehrerin und Autorin des Buchs «Moscheen ohne Minarett» beobachtete das Eingreifen der Muslimbrüder im Kulturbereich: «Vor drei Monaten hat Mohammed Mursi einen neuen Kultusminister eingesetzt, dieser hat zunächst alle Institutionen mit Leuten aus den eigenen Reihen besetzt und beispielsweise die Opernhausdirektorin suspendiert».

Auch wollte er das Ballett abschaffen, da es nicht islamkonform sei. So erging es vielen grösseren und auch kleineren Institutionen, die von der staatlichen Subvention abhängig seien. «Kultur steht definitiv nicht auf der Agenda der Muslimbrüder. In diesem ganzen Jahr wurde nichts gemacht, um die Kultur in Ägypten zu fördern».