Über den Röstigraben: Wo bitte geht’s zum nächsten Vorurteil?

Kulturplatz-Moderatorin Nina Mavis Brunner bleiben vor Staunen die Croutons im Halse stecken, denn die spinnen, die Gourmets Helvetiens. Sie essen nicht nur mitten im Sommer Fondue, sondern tragen dabei eine seltsame Waffe aus Holz.

Nina Mavis Brunner steht mit verschränkten Armen neben einem grossen Ungetüm aus aus Holz.

Bildlegende: Die seltsame Waffe der Welschen - die überdimensional grosse Pfeffermühle. Nina Mavis Brunner

Kaum passieren wir den Röstigraben, scheint die Sonne. Genau so haben wir uns das doch vorgestellt. Der See glitzert verheissungsvoll, die kleinen Segelboote gleiten hart am Wind und ja, überall diese Weinreben - soweit das Auge reicht. Das rechte Auge von Regisseurin Julia reicht leider überhaupt nimmer weit. Erst war da dieser Mückenstich am Lid, dann kam dummerweise etwas Fenistil ins Spiel und die Kontaktlinse ist definitiv nicht mehr da, wo sie sein sollte. Eine halb erblindete Regisseurin soll also kontrollieren, ob unser Kamerabild scharf ist.

Bonjour, les Welsches!

Kulturplatz-Regisseurin Julia beim Optiker.

Bildlegende: Kulturplatz-Regisseurin Julia erreicht mit nur einer Linse die andere Seite des Röstigrabens und sucht als erstes ein... Nina Mavis Brunner

Es kommt, wie es kommen muss: Der Gang zum örtlichen Spezialisten ist angesagt. «Peut-être il faut tourner la pupille.» Wie bitte? Die Pupille drehen? Das geht doch gar nicht. Hier liegt wohl ein sprachliches Missverständnis vor. Mir wird schon vom Zuhören schlecht. Glücklicherweise erweist sich die verrutschte Linse als Phantom. Vermutlich ging das Ding bereits ennet des Röstigrabens verloren.

Der freundliche Optiker aus Vevey drückt Julia zum Trost eine frische Wochenpackung Kontaktlinsen in die Hand und verlangt, zu unser aller Erstaunen, weder für den Untersuch, noch für die Notration eine Gegenleistung. Geschenkt. Très charmant. Bonjour, les Welsches!

Das sollen Gourmets sein?

In einer Drehpause verpflegen wir uns in einem gemütlichen Restaurant. Dass hier auch im Sommer täglich Fondue gegessen wird, überrascht mich nicht. Unsere Protagonistin Camille Scherrer hat mir heute nämlich erklärt, wie sehr der geschmolzene Käse zur westschweizer Küche gehört und dass sie persönlich das Ganze am liebsten mit «Streumi» anreichert. Also bitte… Das sollen die Gourmets Helvetiens sein?

Ich zucke zusammen. Gemeinsam mit den anderen Gästen dieses kleinen Restaurants in Vevey. Aus den Musikboxen scheppert auf einen Schlag laute Marschmusik, eine der Kellnerinnen kommt mit einem Offiziershut durch den Raum geschossen und ist schwer bewaffnet. Mit der grössten Pfeffermühle, die ich je gesehen habe, würzt sie das Fondue der Geschäftsmänner am Nebentisch, welche wohl vom nahegelegenen Nestlé-Hauptsitz her gekommen sind. Mir bleiben für einen Augenblick die Croutons im Halse stecken. Dieses seltsame Militär-Défilé wiederholt sich nun alle zehn Minuten. Die spinnen, die Welschen. What else…

Mit Kunst Klischees überwinden

Der Fotograf Christian Lutz erwartet uns in seinem Genfer Atelier. Er serviert Kaffee und «Badener Stei», diese kleinen Schokoladewürfel, die übrigens zum kulinarischen Erbe der Schweiz zählen. Wir philosophieren über Vorurteile, erfundene und tatsächliche Unterschiede zwischen unseren Landesteilen. Christian Lutz ringt ein wenig, denn er fühlt sich in erster Linie nicht als Romand, sondern ganz einfach als Schweizer. Er ist in der ganzen Welt unterwegs und befindet sich als Kunstschaffender in einem Umfeld, das zwar mit schnell lesbaren Bildern arbeitet, selbst aber bedacht scheint, Klischees zu überwinden.

Zwei Hände tunken Meringues in einen Becher mit Crème.

Bildlegende: Endlich, Double Crème de la Gruyère mit Meringues an der Raststätte. Nina Mavis Brunner

Genüsslich beisse ich in den Badener Stei. Wieso bekomme ich in dieser improvisierten Atelierküche mitten im Genfer Servette-Quartier eigentlich eine deutschschweizer Spezialität angeboten? Ich freue mich doch schon die ganze Zeit auf Crème Double mit Baisers! «Was?!» empört sich Weltbürger Lutz mit breitem Schaffhauser Einschlag und ebenso breitem Grinsen. «Ich biin doch niid vo Fribourg!» Unser Drehteam kümmert sich später selber darum. Auf dem Parkplatz einer Autobahnraststätte. Double Crème de la Gruyère mit Meringues. Ganz ohne «étiquette» – aber mit grossem Genuss.

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