Leben in Auto und Motel: Die verarmte Mittelschicht der USA

Einst verkörperte die Mittelklasse den amerikanischen Traum vom sicheren Arbeitsplatz und einem eigenen Haus. Doch seit dem Bankencrash sieht die Realität ganz anders aus. Das zeigt der DOK-Film «Plötzlich arm» von Philippe Levasseur.

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Terry und seine Familie leben auf engstem Raum

1:34 min, vom 21.8.2013

Larry Dodson brät Hamburger im Badezimmer. Der 52-jährige Familienvater steht an einer kleinen Kochplatte neben dem Waschbecken und bereitet das Abendessen für sich, seine Frau und seine beiden Kinder vor. Er hievt die Plätzchen aus der Pfanne und legt sie auf die Brötchen auf der anderen Seite des Lavabos.

Was abenteuerlich klingt, ist für die Dodsons bitterer Alltag. Die Familie wohnt seit Monaten in einem Motel in Orlando, Florida. Zu viert wohnen, essen und schlafen sie in einem einzigen Zimmer. Der Raum ist voll mit den letzten Habseligkeiten, die ihnen nach der Zwangsvollstreckung geblieben sind.

Leben neben der Glitzerwelt von Disney World

Die Dodsons sind eine von rund vier Millionen Familien in den USA, die seit der Wirtschaftskrise und dem Bankencrash 2008 in die Armut gerutscht sind. Larry Dodson verlor nach einer Stellenkürzung seinen Job, später musste die Familie das Haus aufgeben. Einst Leiter eines grossen Kundenservice-Centers, arbeitet er nun als Kassier im Disney World von Florida.

Der Kontrast seines eigenen Lebens zur strahlenden Glitzerwelt um Mickey Mouse könnte nicht grösser sein. Mit dem Salär kann er die Familie knapp über Wasser halten. Abzüglich Motelmiete bleiben ihnen 70 Dollar pro Woche für den Lebensunterhalt.

Keine Sozialleistungen für Verarmte

Improvisierte Baracke in einem Wald. An einem Baum hängt eine US-amerikanische Flagge

Bildlegende: Mit der Wirtschaftskrise haben viele US-Amerikaner ihr Heim verloren. SRF

Der Dokumentarfilmer Philippe Levasseur hat die Dodsons und andere so genannte Halb-Obdachlose 2012 ein halbes Jahr lang mit der Kamera begleitet. Er zeigt, dass es längst nicht mehr nur die Ärmsten sind, die in den USA ihr Hab und Gut verloren haben: Viele aus der amerikanischen Mittelklasse sind plötzlich verarmt. Ein soziales Sicherheitsnetz, das sie in der Arbeitslosigkeit auffangen würde, fehlt.

Terry, ein einstiger Manager in der Autoindustrie, sagt: «Wir lebten einst wie im Paradebeispiel der 50er-Jahre, hatten ein Haus mit weissen Lattenzäunen. Aber diese Tage sind vorbei.»

Fehlende Freundschaften durch die vielen Schulwechsel

Unzählige wohnen schon mehrere Jahre in einem Motel. Shirley, die Verwalterin eines Billighotels in Florida, muss wöchentlich Zwangsräumungen durchführen, da selbst ihre Pension für die Gäste oft unbezahlbar wird. Nicht selten ziehen die Familien von einem Motel in ein günstigeres. Andere siedeln in einen anderen Bundesstaat um, in dem ihnen ein Mindestmass an Sozialhilfe garantiert ist.

Die Kinder müssen – sofern sie nicht von den Eltern unterrichtet werden – immer wieder die Schule wechseln. Freundschaften aufzubauen ist für sie häufig unmöglich geworden. Rund 1'800 Kinder wachsen in den Billighotels rund um Disney World Florida auf. Die Route des Schulbusses wurde extra für die «Disney Motel Kids» angepasst.

Auseinandergerissene Familien

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Amber und ihre Kinder schlafen im Auto.

1:58 min, vom 21.8.2013

Doch längst nicht alle plötzlich Verarmten der Mittelklasse haben ein richtiges Dach über dem Kopf. Einige schlafen auf der Strasse. Andere, wie Amber Carter aus San Diego in Kalifornien, besitzen ein Auto, in dem sie übernachten können. Seit vier Monaten baut die 21-Jährige jeden Abend für ihre beiden Töchter den Autorücksitz zu einem Schlafplatz um. «Das Auto ist so etwas wie mein Käfig», sagt sie.

Tagsüber versucht Amber Carter einen Job zu suchen. Ihr Mann kann als Taglöhner zwar endlich ein bisschen Geld verdienen, ist dafür aber 3'000 Kilometer von seiner Familie entfernt. «Wenn es der Wirtschaft besser gehen würde, hätte alles verhindert werden können», sagt Amber, als sich ihre Lage zuspitzt.

Die Hoffnung, den amerikanischen Traum wieder zu leben

Den Porträtierten in Levasseurs Dokumentarfilm mangelt es an Vielem: Arbeit, Essen, einem Haus mit eigener Privatsphäre. Hinzu kommt die Scham der Kinder vor ihren Klassenkameraden und die Angst, von den Eltern getrennt zu werden, weil diese nicht mehr für sie sorgen könnten. Trotzdem haben die «Neu-Armen» die Hoffnung nicht aufgegeben, dass sich ihre Situation verbessern wird und sie eines Tages wieder in ein Haus ziehen können. Larry Dodson wartet derweil auf seine Beförderung im Disney World, jenem Ort, an dem Träume angeblich wahr werden.

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