Life's Holiday - Pflege europäischer Demenzkranker in Thailand

100'000 Demenzkranke leben derzeit in der Schweiz. Bis 2050 soll sich ihre Zahl verdreifachen. Ist die Unterbringung pflegebedürftiger Europäer in Südostasien eine zukunftsweisende Antwort auf einen Notstand? Oder moralische Verirrung? Eine Reportage über ein Schweizer Pflegeheim in Thailand.

Eine ältere Frau blickt in die Kamera. Neben ihr steht lächelnd eine junge Thai.

Bildlegende: Elisabeth und ihre Pflegerin Laa: In Thailand bekommt die Schweizerin eine Pflege, die hierzulande zu teuer wäre. Franziska Dorau

Faham Village. Ein Vorort der 150'000-Einwohner-Stadt Chiang Mai, im Norden Thailands. Die Luft ist mild, der Himmel weisslich-blau. In der Ferne sind die Berge Doi Pui und Doi Suthep zu sehen. Eine ruhige, asphaltierte Strasse wird von Einfamilienhäusern mit rotgedeckten Dächern und schmiedeeisernen Gartentoren gesäumt. Dahinter: wuchernde, tropische Gärten, in denen bunte Windspiele mit Glöckchen hängen. Elisabeth, eine 89jährige Schweizerin, und ihre Betreuerin Gao, eine junge Thai, spazieren langsam die Strasse entlang. Sie sind auf dem Weg zum nachmittäglichen Früchteessen im Haupthaus des Pflegeheims «Baan Kamlangchay».

Ferien oder «letzter Platz»?

Ist sie hier in den Ferien? Oder ist es «ihr letzter Platz»? Ist sie wirklich schon seit zwei Jahren da, wie Gao es behauptet? Oder doch erst seit zwei Wochen, wie ihr Gefühl es ihr sagt? Um diese Fragen kreist Elisabeths Bewusstsein, seit sie von ihren Töchtern nach Chiang Mai gebracht wurde. Mit zehn weiteren Alzheimer- und Demenzkranken aus Deutschland und der Schweiz verbringt sie ihren Lebensabend in «Baan Kamlangchay». Etwa einmal jährlich wird Elisabeth von ihren Töchtern Jaqueline und Sibylle in Chiang Mai besucht. Zwischendurch melden ihre Angehörigen sich per Skype bei ihr.

Im nonverbalen Stadium der Demenz

Über den Computerbildschirm im Haupthaus mit ihren Familien und Ehepartnern zu kommunizieren, stellt für die meisten Gäste in Baan Kamlangchay keine Option mehr dar. Sie sind bereits im späten, «non-verbalen» Stadium des geistigen Abbaus angelangt. So etwa Bernard aus der französischen Schweiz. Er leidet an der «Levykörperchen Demenz», einer schnell fortschreitenden und mit Halluzinationen verbundenen Form des geistigen Abbaus. Vor seiner Erkrankung war er Sport- und Reisejournalist.

Ein Fischerboot vor der untergehenden Sonne.

Bildlegende: Der Lebensabend in der Sonne: Neue Eindrücke und Erinnerungen aus der Heimat für Demenzkranke in Thailand. Keystone

Seine Frau Christiane hat ihn vor vier Jahren nach Chiang Mai gebracht, nachdem der Versuch ihn zu Hause zu pflegen sie an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gebracht hatte. Sie bereut ihre Entscheidung nicht, obwohl sie ihren Mann nur einmal jährlich besuchen kann. In der Schweiz wären die Pflegeheime entweder nicht leistbar oder nicht zumutbar, sagt sie. Bernard habe sich - im Gegensatz zu anderen Patienten wie etwa Elisabeth - freiwillig entschieden nach Thailand zu gehen, als er dazu noch in der Lage war.

Pflegemodell Validation

Drei Betreuer kommen in «Baan Kamlangchay» auf jeden einzelnen Patienten. Sie wechseln sich im Schichtdienst ab, um eine eins-zu-eins Betreuung rund um die Uhr zu gewährleisten. Geflegt wird nach den Prinzipien der Validation – einer von der amerikanischen Gerontologin Naomi Feil entwickelten, auf Anerkennung und Wertschätzung beruhenden Betreuungsmethode.

Grundsatz ist es dabei, die Demenzkranken nicht permanent mit der sie überfordernden «Realität» zu konfrontieren, sondern sie in ihrer Welt zu begleiten und mit all ihren scheinbar irrationalen Verhaltensweisen ernst zu nehmen. Konkret sieht das etwa so aus, dass der Bewegungsdrang von Demenzkranken respektiert wird. Als ihr Ehemann Bernard in seinem ersten Jahr in Thailand immer wieder Anstalten machte, seinen Koffer zu packen und «nach Hause zu gehen», wurde er von seinen Betreuerinnen niemals zurückgehalten, erinnert sich Christiane. Sondern er wurde so lange auf seinem Weg durch die Strassen Chiang Mais begleitet, bis er müde wurde und von sich aus umkehren wollte.

Aus der Not eine Tugend

Gegründet wurde das Pflegeheim «Baan Kamlanchay» von Martin Woodtli, einem Schweizer Sozialarbeiter. Im Winter 2002 war er mit seiner alzheimerkranken Mutter Margit nach Thailand ausgewandert, nachdem sich sein Vater, aus Verzweiflung über den geistigen Verfall seiner Frau, das Leben genommen hatte.

In einem Schweizer Pflegeheim, meint Woodtli, wären die Ersparnisse seiner Mutter innerhalb von zwei Jahren aufgebraucht gewesen. Als «sehr aktive Alzheimerkranke» wäre sie in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt und wahrscheinlich medikamentös ruhiggestellt worden. Das wollte er ihr nicht zumuten. Lieber wagte er mit ihr die Reise nach Chiang Mai, stellte dort drei Betreuerinnen für sie an – und stellte fest, dass sie den kleinen, ihr verbleibenden Erinnerungskosmos in ihre neue Heimat mitnahm. Zwei Jahre später begann er, sein Betreuungsmodell auch anderen europäischen Demenzkranken anzubieten.

Überschaubare, familiäre Strukturen

Mehr als zwölf Patienten will Martin Woodtli in «Baan Kamlangchay», trotz zahlreicher Anfragen, nicht aufnehmen. Auch das Angebot, sich am Aufbau einer Demenzklinik in Nordthailand zu beteiligen, lehnte er ab. Die Stärke seines Projekts sieht in der überschaubaren, familiären Struktur – und darin, aus einer Notsituation etwas Persönliches und Authentisches entwickelt zu haben. Dass sich nun in Südostasien ein ganzer Markt für Demenzbetreuung entwickelt, sieht er mit gemischten Gefühlen.  

Heime für demenzkranke Europäer gibt es heute nicht nur in Thailand, sondern auch auf den Philippinen. Sie alle bieten eine Betreuungsintensität, die bei europäischen Lohnniveaus undenkbar wäre. Sie alle bauen auf den ausgezeichneten Ruf der Südostasiaten in der Pflege, auf ihre Fähigkeit zur «liebevollen Verständigung ohne Worte». Es sind allesamt einladende und freundliche Orte. Und doch Sinnbilder für die Hilflosigkeit unserer Gesellschaft im Umgang mit einem Problem, das wächst und wächst und wächst.

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