Krise in der Lebensmitte: «Wir altern, wie wir gelebt haben»

Mit 50 machen einem nicht nur körperliche Veränderungen zu schaffen: Man realisiert, dass es nicht mehr unendlich viele Möglichkeiten gibt – und manche Chancen bereits verpasst sind. Die Psychologin Pasqualina Perrig-Chiello weiss um die Fallstricke in der Lebensmitte und was dagegen hilft.

Ein Mann steht auf einem Steg, die Ellenbogen auf einen Pfeiler gestützt, das Gesicht in den Händen.

Bildlegende: In der Mitte des Lebens realisieren viele, dass das Leben irgendwann vorbei sein wird. Colourbox

Der 50. Geburtstag ist ein Wendepunkt – warum?

Pasqualina Perrig-Chiello: Man weiss aus der psychologischen Forschung, dass Lebensbilanzierungen zwischen 45 und 50 für die meisten unumgänglich sind. Und zwar, weil man realisiert, dass die Jahre, die zum Leben bleiben, immer weniger werden. Das führt dazu, dass man sich fragt, was man bisher erreicht hat, was nicht. Es ist zudem eine Umbruchsphase, in der man die Identität neu definieren muss. Wenn man das nicht macht, rächt sich das früher oder später. Etwa, in dem man das Gefühl bekommt, in einem Hamsterrad zu sein, gelebt zu werden.

Bei einigen kommt es zudem zur medial viel beschworenen Midlife-Crisis. Tatsächlich sind die familiären und gesellschaftlichen Anforderungen um die 50 am höchsten: Die eigenen Eltern sind alt und pflegebedürftig, langjährige Partnerschaften zerbrechen, beruflich und gesellschaftlich sind viele in verantwortungsvollen Positionen. Dadurch bleibt wenig Zeit, sich um die eigenen Bedürfnisse zu kümmern. Statistisch gesehen ist die Lebenszufriedenheit zwischen 45 und 50 am geringsten.

Bilanzieren heisst, mit 50 sollte man schonungslos ehrlich zu sich selbst sein.

Das gilt vermutlich immer, aber in diesen Jahren ist das zwingend und entscheidend. Nun muss man sich Zeit nehmen, bewusst innehalten und herausfinden, wohin die Reise geht. Aber man profitiert auch von einer neuen inneren Freiheit, denn nach der ersten Lebenshälfte, in der man viele Kompromisse machen musste, kann man nun besser zu den eigenen Bedürfnissen stehen.

Auf welche Veränderungen muss man sich vorbereiten?

Auf hormonelle Veränderungen: Bei den Männern sinkt das Testosteron, bei den Frauen das Östrogen. Das heisst, Männer werden weicher und emotionaler, während es bei den Frauen genau umgekehrt ist: Sie gewinnen zum Beispiel an Durchsetzungsvermögen. Diese Androgynisierung, wie das in der Fachsprache genannt wird, ist eine grosse Chance und nichts anderes als die Vereinbarung der beiden Geschlechterseiten, die man sowieso in sich trägt. Studien bezeugen, dass das eine der besten Voraussetzung für ein gutes Altern ist.

Was braucht es sonst noch, um gut zu altern?

Wie man altert, ist weder Zufall noch Schicksal. Man altert so, wie man gelebt hat. Gewiss, den Kontext, in dem wir leben, können wir nicht immer auswählen. Aber vieles halten wir selbst in den Händen. Wir müssen schon früh Selbstverantwortung entwickeln, uns selbst Ziele setzen und uns eine gesellschaftliche Funktion geben. Ausserdem müssen wir uns kognitiv, körperlich und sozial stimulieren. Man darf die Zügel für das eigene Schicksal nicht aus der Hand geben.

Wird man durch das Alter ein besserer Mensch?

Tatsächlich hat schon der Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung gesagt, dass der Mensch nach Vollkommenheit strebt. Denn die Seiten, die er aufgrund gesellschaftlicher Bedingungen nicht zulassen darf, will er auch ausleben können. Dass das im Alter geschieht, ist doch etwas Wunderschönes. Und man hat ja die Freiheit dazu.

Altern heisst also, mit sich ins Reine kommen.

Richtig, es heisst, mit der eigenen Biografie ins Reine kommen: Ja sagen zum Leben, das man gelebt hat – unabhängig davon, wie es war. Es gibt Menschen, die eine schwierige Biografie hatten, aber trotzdem sagen können: «Ich habe verziehen, mir selbst und den anderen» – das ist die ganz grosse letzte Aufgabe, die noch auf uns wartet im Leben.

Zur Person

Nahaufnahme mit blondem Haar und schwarzer, eckiger Brille.

Pasqualina Perrig-Chiello. SRF

Pasqualina Perrig-Chiello lehrt und forscht an der Universität Bern. Die Entwicklungs- psychologin hat in einer Langzeitstudie Gefühle und Einstellungen von 1000 Menschen mittleren Alters untersucht.

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