Machen Drogen kreativ?

In der Kunst- und Kulturgeschichte finden sich unzählige Beispiele für Drogenmissbrauch. Hieronymous Bosch, Lou Reed und The Beatles sollen dank Drogen ihre kreative Höchstform erreicht haben. Doch wie gross war der Einfluss der Drogen tatsächlich?

Vier Männer sitzen auf einem Sofa und haben Teetassen vor sich.

Bildlegende: Die Beatles haben nicht nur Tee getrunken vor ihren Auftritten, sie haben auch mit Marihuana und LSD experimentiert. Keystone

Ach, wie schön wäre das: Ich schmeiss' eine Pille ein oder zieh mir eine Linie. «Krawumm» bin ich unglaublich kreativ, setze mich ans Klavier und die Melodie rinnt nur so aus meinen Fingern. Oder ich stelle mich an die Leinwand und der Pinsel überträgt meine kreativen Ideen wie selbstverständlich. Ach, wie schön wäre das.

«Den Ich-Zerfall, den süssen, tiefersehnten...»

Foto eines Artikels aus einer Zeitschrift

Bildlegende: Gary Grant: «Mit LSD habe ich mich selbst besser kennengelernt.» National Police Gazette, Dezember 1967

Dieser Mythos, dass Künstler gerne mal nachhelfen und mit diversen Substanzen ihre Pforten der Wahrnehmung öffnen, hält sich schon lange. Und in der Tat finden sich unzählige Beispiele in der Kunst- und Kulturgeschichte für leichten bis exzessiven Drogenmissbrauch.

Hieronymous Bosch soll halluzinogenen Substanzen ganz und gar nicht abgeneigt gewesen sein und pflanzte in seinem «Garten der Lüste» auch Stechapfel an, die Halluzinationen auslösen sollen. Lou Reeds «Perfect Day» soll die Beschreibung eines perfekten Trips sein, die Beatles haben mit «Lucy in the sky with diamonds» angeblich eine Hymne auf LSD geschrieben, was aber von McCartney & Co. nie offiziell bestätigt wurde. Und Gottfried Benn feierte «seine» Droge Kokain in den gleichnamigen Gedichten: «Den Ich-Zerfall, den süssen, tiefersehnten, Den gibst du mir: schon ist die Kehle rauh, schon ist der fremde Klang an unerwähnten Gebilden meines Ichs am Unterbau.» Eine Aufzählung, die sich unendlich weiterführen liesse.

Alles hängt von der Hirnchemie ab

Video «Neurologe Quednow: «Deshalb sind Künstler anfällig für Drogen»» abspielen

Neurologe Quednow: «Deshalb sind Künstler anfällig für Drogen»

0:35 min, aus Kulturplatz vom 19.2.2014

Unterhält man sich mit Neurologen und Psychologen über den Zusammenhang von Drogen und Kreativität, kommen sie schnell ins Wanken. Und sie haben recht. Denn verallgemeinern kann man gar nichts, was Drogen anbelangt. Jede Droge kann bei jedem Menschen unterschiedlich wirken, je nach individueller Hirnchemie. Auch haben die Drogen verschiedene Wirkungen.

Klar scheint jedoch: Kokain steigert das Selbstbewusstsein rapide, zumindest für einen Moment. Es stärkt aber eher die Leistungsfähigkeit als die Kreativität. Man kann sich unter Kokaineinfluss besser auf eine Sache fokussieren, aber die Flexibilität, auch andere Perspektiven in Betracht zu ziehen, leidet. Heroin hingegen ermöglicht ein intensives Belohnungserlebnis, man erfährt eine völlige Angst- und Sorgenfreiheit – solange die Substanz wirkt. Und halluzinogene Drogen, wie zum Beispiel LSD, können rauschende Farb- und Fantasiespiele auslösen.

Hyperventilieren hat denselben Effekt

Aber wird man dadurch auch kreativer? Einen Beweis dafür kann man nirgends finden. In den 50er- und 60er-Jahren machte man Tests mit Lysergsäurediethylamid – LSD. Damals ging man davon aus, dass LSD die Kreativität steigern könnte. Doch die psychedelische Kunst, die dabei herauskam, gehört nicht zu den Glanzlichtern der Kunstgeschichte. Und viele Wissenschaftler sind sich einig, dass Drogen sich negativ auf technische Fähigkeiten auswirken. Allerdings berichten sie auch von Nobelpreisträgern, die mit Hilfe von Drogen Lösungen zu komplizierten Rätseln halluzinierten.

Auf die Frage, woher aber dieser Mythos käme, können Wissenschaftler zumindest eins sagen: Durch Drogen verändert sich zeitlich beschränkt die Wahrnehmung und dadurch kann man eingefahrene Denkmuster schneller verlassen und neue Assoziationen herstellen. Als Folge davon kann durchaus Neues entstehen.

Im Übrigen lässt sich dieser Effekt auch mit anderen Mitteln, wie Meditation, Atemübungen oder Hyperventilieren herstellen. Auch emotional wichtige Erlebnisse im Leben, wie die Geburt eines Kindes oder der Tod eines nahen Menschen, können uns stark beeinflussen, so dass wir uns in alternative Denkmuster begeben. Das alles, was aus diesen neuen Situationen entsteht, grosse Kunst ist, darf aber bezweifelt werden.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Kreativer Rausch

    Aus Kulturplatz vom 19.2.2014

    Philip Seymour Hoffman, Amy Winehouse, James Dean, Nick Drake und unzählige mehr: Welche Werke hätten wir ihnen noch zu verdanken, wenn die Drogen sie nicht zugrunde gerichtet hätten? Oder anders gefragt: Was haben Kokain, Heroin, Alkohol dazu beigetragen, dass die Kunst eines William S. Burroughs, eines Jackson Pollock oder der Rolling Stones so stark war? Die Antwort ist umstritten, aber der Mythos vom kreativen Rausch ist lebendig. «Kulturplatz» stellt die alte Frage neu und will wissen, wie sie heute von Kulturschaffenden und Neurologen beantwortet wird.

    Julia Bendlin

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