Macht Arbeit bald wieder glücklich?

Der Kapitalismus macht die Menschen unglücklich: Das ist die Gegenwart, die Oliver Fiechter und Philipp Löpfe in ihrem neuen Buch «Aufstieg der Digitalen Stammesgesellschaft» beschreiben. Auf die Zukunft dürfen wir uns aber freuen.

Eine junge Schwarze sitzt mit aufeklapptem Laptop in einer Blumenwiese.

Bildlegende: Sitzung auf der Blumenwiese: Zwei Schweizer Ökonomen entwerfen das Bild einer schönen, neuen Arbeitswelt. Photocase

Am Anfang war der Tausch. Das Geben und Nehmen von Dingen, Gegenständen, Dienstleistungen: Der Tausch ist so etwas wie eine anthropologische Konstante. Menschen tauschen Dinge. Sie tauschen auch Ideen.

Von dieser Grundidee gehen die Autoren des Buchs «Aufstieg der Digitalen Stammesgesellschaft» aus. Oliver Fiechter, Ökonom, Inhaber des Internetportals Moneycab und Unternehmer, und Philipp Löpfe, Wirtschaftsjournalist bei «Watson», erörtern zunächst die Frage, inwiefern der Kapitalismus diese Idee des Tauschs in ihr Gegenteil verkehrt haben.

Geiseln des Kapitalismus

Sie kommen in ihrer rigorosen Analyse zum Schluss: Der Kapitalismus ist an einem Punkt angelangt, an dem er seine eigenen Kinder frisst. Anhand von Studien und der neusten Literatur zeigen Fiechter und Löpfe: Die heutigen Gesellschaften werden vom Kapitalismus in Geiselhaft gehalten. In einer Geiselhaft, die Menschen nicht mehr glücklich, sondern immer unglücklicher macht.

Allerdings hat der Kapitalismus eine Reihe von Technologien geschaffen, die das Potential einer fundamentalen Veränderung in sich tragen. Roboter, schreiben die Autoren, werden in Zukunft einen Teil der Arbeit übernehmen, neuartige Technologien, die unsere Fähigkeiten erweitern, ermöglichen uns, nicht nur länger zu leben, sondern auch ganz anders zu denken, zu kommunizieren, zu interagieren.

Ökonomie 3.0

Für Fiechter und Löpfe stehen wir an der Schwelle einer neuen technologischen Revolution: der Ökonomie 3.0, dem Zeitalter von Robotik und Künstlicher Intelligenz. Die Ökonomie 3.0 wird uns ermöglichen, in Zukunft anders zu arbeiten: nicht mehr als Abhängige in irgendeinem Betrieb, sondern als produktive Menschen, die Anbieter und Kunde zugleich sind.

Die Vorboten dieser neuen, kreativen Stämme, finden sich heute schon – in den Kreativzonen der Städte, in der Share Economy, in den vielen Netzwerken, die sich bilden, weltweit.

Die digitale Stämme arbeiten an Dingen und Themen, die ihnen Spass machen und im Dienste der Gemeinschaft stehen; sie dienen nicht mehr dem egomanen Fortkommen. Denn die digitalen Stämme haben eingesehen, dass es im herrschenden System keine Gewinner mehr gibt.

Ein Quantensprung

«Die grosse Transformation zu einer digitalen Stammesgesellschaft, die uns vorschwebt – wenn auch nur in Umrissen – ist eine Gesellschaft, in welcher der technische Fortschritt im Dienst von inklusiven Institutionen und gesellschaftlichen Mechanismen steht, die dem Gemeinwohl dienen», schreiben Fiechter und Löpfe.

Die digitalen Stämme der Zukunft sind der Kern einer neuen Gesellschaft, in der wieder getauscht wird. Nicht gegen die neue Technologien gewandt, sondern mit ihr, damit diese Welt nicht untergeht.

Wie notwendig das ist, zeigen Oliver Fiechter und Philipp Löpfe mit klarer Sprache und mit einem grossen Fundus an Wissen. Und ja: mit Voraussicht.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 11.9.2016, 16:50 Uhr

Buchhinweis

Oliver Fiechter, Philipp Löpfe: «Aufstieg der digitalen Stammesgesellschaft. Die neue, grosse Transformation», Verlag Neue Zürcher Zeitung, 2016.