Macht uns der Markt zu egozentrischen Rechenmaschinen?

Der britische Soziologe Colin Crouch beschreibt in seinem neuesten Buch, wie sich die Logik des Neoliberalismus auf die Gesellschaft auswirkt. Überbordende Finanzmärkte und ökonomische Anreize bedrohen unsere Fähigkeiten, sagt er, und unser Wissen.

Vogelperspektive: Ein Geschäftsmann sitzt auf einem Stuhl, ein Laptop auf dem Schoss. Um ihn herum gehen drei Leute vorbei.

Bildlegende: Wenn wir am Markt funktionieren wollen, müssen wir unser Selbstverständnis als Mensch ändern, beklagt Colin Crouch. Imago/Westend61

Colin Crouch hat vor zehn Jahren mit seinem Buch «Postdemokratie» international für Furore gesorgt. Mit dem Begriff «Postdemokratie» verbindet sich die Annahme, dass die Demokratie immer mehr sinnentleert werde: Wählen und Abstimmen gerieten laut Crouch zunehmend zu einer Imitation von Demokratie. Politik sei heute ein Spektakel ohne Folgen. Und die politische Kommunikation degeneriere zu reiner PR.

Korrumpiertes Wissen

Nun geht Crouch einen Schritt weiter: Er behauptet in seinem neuesten Werk «Die bezifferte Welt», dass Wissen und Kompetenzen vor allem im öffentlichen Sektor, in der Verwaltung und an Schulen gefährdet seien. Dann nämlich, wenn Beamte und Lehrer sich immer mehr nach Kennziffern statt nach fachlichen Kompetenzen ausrichten müssten. Colin Crouch versucht aufzuzeigen, wie der Neoliberalismus unser Wissen bedroht. Dabei nimmt er sich verschiedensten Phänomenen an.

Polizisten, die Leichen in andere Bezirke fahren, damit ihre Gemeinde bei der Erhebung der Kriminalität besser abschneidet. Oder Rating-Agenturen, die so eng mit ihren Auftraggebern verbandelt sind, dass sie unlautere Einschätzungen abgeben. Crouch zeigt an zahlreichen Beispielen, wie Kennziffern und ökonomisches Denken Kenntnisse und Informationen verfälschen und somit exakt zum Gegenteil ihrer Berechtigung werden.

Beschädigtes Selbstbild

Letztlich zielt Crouch auf unser Selbstbild, unser Verständnis als Menschen ab. Denn er ist der festen Überzeugung, dass der Neoliberalismus unser Bild von uns selbst zerstöre: «Um wirklich uneingeschränkt effizient am Markt agieren zu können, müssen wir uns in egozentrische und amoralische Rechenmaschinen verwandeln.»

Nicht nach einem Modell funktionieren, «Nein» sagen, eine Wahl haben – dies ist das Anliegen von Colin Crouch. An unzähligen Beispielen zeigt er, wie der Neoliberalismus genau dieses Abwägen und Auswählen gefährdet. Dabei setzt er wie alle Ökonomen bei der Informationsbeschaffung an. Konventionelle ökonomische Theorien beschäftigen sich mit der Schwierigkeit, an Informationen zu kommen. Crouch geht einen anderen Weg: Er will uns sagen, dass ein überbordendes ökonomisches Denken Informationen verfälsche und zerstöre. Vor allem gefährde eine eingeschränkte Sicht auf uns selbst Werte wie Liebe, Menschlichkeit und Integrität.

Man hätte sich gewünscht, Colin Crouch hätte diesen Aspekt heller ausgeleuchtet, tiefer gegraben. Denn der Ansatz, dass der Neoliberalismus unser Selbstbild drastisch verändere, ist fruchtbar. Aber wie vieles in der neusten Schrift «Die bezifferte Welt» bleibt diese These nur angedeutet. Die grundsätzlichen Argumentationslinien lösen sich in einem Potpourri von Einzelbeispielen auf. Die Lektüre lohnt trotzdem, da man angeregt wird, weiterzudenken und sich Informationen auf anderen Kanälen zu beschaffen. Nach Crouch natürlich Informationen, die nicht nach Clickrates generiert wurden.

Colin Crouch

Colin Crouch

Imago/IPON

Der 71-Jährige durchlief die einschlägigen britischen Institute wie die London School of Economics sowie die Oxford University und ist der Inbegriff eines britischen Intellektuellen. Bekannt wurde Crouch mit seinem Werk «Postdemokratie» (2008, Suhrkamp).

Buchhinweis

Colin Crouch: «Die bezifferte Welt. Wie die Logik der Finanzmärkte das Wissen bedroht». Suhrkamp, 2015.

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