Männer reden über Gefühle – nur lieber nicht im Beratungszimmer

Für die kirchliche Seelsorge sind Männer oft schwer zu erreichen – nicht aber, wenn die Angebote speziell auf sie zugeschnitten sind. Die Erfahrung von Theologen zeigt: Auf einer Kanufahrt oder beim Bier nach dem Unihockey reden Männer durchaus über Gefühle und Glauben.

Zwei Männer sitzen am Ufer eines blauen Sees, am Horizont Berge und Wolken.

Bildlegende: Seelsorge kann an einem beliebigen Ort stattfinden. Am See lässt es sich vielleicht einfacher über Gefühle sprechen. Keystone

Männer, soweit das Auge reicht: In der evangelisch-reformierten Kirche der Schweiz sind zwei Drittel der Pfarrpersonen Männer. In der katholischen Kirche sind bekanntlich nur Männer als Priester zugelassen. Wozu braucht es da eine eigene Seelsorge für Männer?

«Die Männer sind bei kirchlichen Anlässen nur Gäste, Figuren am Rand», sagt David Kuratle, reformierter Pfarrer sowie Paar- und Familientherapeut in Bern. Dezidiert fügt er hinzu: «Es gibt in der Kirche Angebote für Kinder, für Familien, für Frauen. Warum sollten Männer mit ihren Bedürfnissen nicht auch wahrgenommen werden?»

Gespräche in der Beiz oder am Lagerfeuer

«Männer ticken anders als Frauen», stellt Matthias Bertschi fest. Der evangelisch-reformierte Sozialdiakon in Rapperswil-Jona hat vor Jahren ein Wochenende für Kinder organisiert: in einem Iglu. Er sah die glänzenden Augen der Väter – die wollten auch mit. Darum bot er im daraffolgenden Jahr ein Vater-Kind-Wochenende an. Ein Hit.

Eine 30-köpfige Gruppe steht auf einer Wiese, alle tragen eine orange Schwimmweste und heben mit den Händen Ruder in die Höhe.

Bildlegende: Vater-Kind-Wochenende mit Sozialdiakon Matthias Bertschi auf der Insel Lützelau im Zürichsee. ZVG

Matthias Bertschi organisierte auch Kanu-Wochenenden: auf der Insel, mit Übernachten im Zelt. Daraus ergaben sich weitere Aktivitäten: das Unihockeyspielen für Väter und ihre Kinder sowie Sport nur für Männer unter der Woche. Am Lagerfeuer oder in der Beiz ergeben sich Gespräche über Gott und das Leben. Hier kommen die Männer aus sich heraus. Für Männer-Seelsorger ist die Kirche auch bunt und weit.

Trauern, ohne dass eine Träne fliesst

René Setz arbeitet als Sozialarbeiter in der katholischen Pfarrei Dreifaltigkeit in Bern. Er weiss: Bei Kerzenlicht fühlen sich Männer unwohl, sie verabscheuen Flüstergruppen. Er bietet einen «Feierabendtreff Männer 60 plus» an. Anfangs wollten die Männer Checklisten und Informationen. «Wie soll ich mit Checklisten über Persönliches sprechen?», fragte sich Setz. Dennoch hörte er auf die Männer und passte die Methode an. Inzwischen wird offen über Sex, Partnerschaft oder den Tod diskutiert.

Männer trauern beispielsweise anders als Frauen, angeblich konkreter, handfester. Sie stürzen sich schneller wieder in den Alltag, in die Arbeit. Dies kann zu Konflikten mit den Frauen führen. Das erfährt David Kuratle immer wieder. Er ermutigt die Männer, ihre eigenen Formen der Trauer zu finden.

Trauern ohne eine Träne

Ein Team von Bauarbeitern etwa hat den Chef verloren. Auf dem Friedhof errichten die Männer liebevoll eine Mauer aus Backsteinen. Darauf stellen sie die Urne. «Die Männer haben getrauert ohne dass eine einzige Träne geflossen ist», erinnert sich David Kuratle.

Seelsorge für Männer will neue Angebote speziell für Männer entwickeln. Sie sollen in der Kirche mit ihrem Leben, mit ihren Erfahrungen vorkommen. Dabei werden herkömmliche männliche Ideale auch hinterfragt. Die Männer sollen sich bewegen.

Die feministische Theologie hat den Anfang gemacht und Räume für Frauen geschaffen. Die Männerseelsorge zieht nach.

Buchhinweis

David Kuratle, Christoph Morgenthaler: «Männerseelsorge. Impulse für eine gendersensible Beratungspraxis», Verlag W. Kohlhammer, 2015.

Beiträge zum Thema

Aus der Sommerserie «Seelsorge spezial!»:

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