Magazin «Sept»: mit «Slow-Journalismus» gegen die Gratiskultur

Der Fotojournalist Michael von Graffenried ist ein dezidierter Gegner der Gratis-Kultur im Internet. Zusammen mit anderen Journalisten lanciert er nun am 4. April das kostenpflichtige Online-Magazin «Sept». Er ist überzeugt: Für guten Journalismus ist auch in Zukunft noch ein Markt vorhanden.

Man sieht einen Mann, der mit einer «20 Minuten»-Zeitung wegrennt.

Bildlegende: Das Online-Magazin «Sept» will einen Gegentrend zur «Gratisinfo-Mentalität» setzen. Keystone

Michael Graffenried, was ist das Spezielle an ihrem kommenden Online-Portal?

Michael Graffenried: Im frankophonen Raum gibt es das schon oft. Das sind Journalisten, die von den Verlagshäusern die Nase voll haben, wo sie schreiben müssen, was der Chef ihnen sagt. Sie suchen dann die Freiheit. Und Freiheit bedeutet ein Online-Portal, das mit Text, Bild , Video- und Radiobeiträgen abgefüllt und dann von den Abonnenten konsultiert werden kann.

Die Vorbilder kommen also aus Frankreich. Wie setzen sie diese Idee jetzt in ihrem Magazin «Sept» um?

Das «Sept» besteht aus drei Beinen: Das erste ist Journalismus online; das zweite das «Abfallprodukt»: die fünf besten Geschichten als Printversion im Briefkasten. Und das dritte der «Sept-Club» – eine Blogosphäre im Netz, wo jeder lesen kann, was der andere publiziert hat. Er ist gratis und wie eine Art Facebook. Sie können Ihre Zeitung auf unserer Webseite machen.

Es gibt französische, deutsche und englische Artikel. Kostenpunkt: 14 Franken pro Monat. Wer soll das konsumieren?

Wahrscheinlich werden wir die ersten drei Monate einfach für uns selber schreiben und fotografieren, bis es jemand sehen will. Wie können wir auf uns aufmerksam machen? Indem wir vielleicht Geschichten haben, die sonst nirgends erscheinen. Wir versuchen auch «Slow-Journalismus» zu machen. Das heisst, dass wir keine Aktualität im Rücken haben, sondern wir versuchen, an etwas dran zu bleiben und länger zu recherchieren. Mit der Hoffnung, dass wir dann mehr herausfinden als die anderen. Und wenn wir dann Primeurs haben, dann denken vielleicht die Leute, dass sie doch mal auf das «Sept» schauen sollten. Aber am Anfang wird es wie eine Art Verein sein. Man wird Mitglied. Man kriegt einmal in der Woche ein kleines Magazin. Wir werden ein altmodisches Magazin mit schönen, grossen Fotos machen.

Der Konsument ist sich heute gewohnt, dass man gratis Informationen finden kann, dass man gratis Fotos finden kann, dass man Filme und Serien gratis anschauen kann. Wo nehmen Sie die Hoffnung her, dass jemand etwas bezahlen will?

Wir denken einfach: klein, aber fein. Und wir versuchen etwas «Autorenmässiges» zu machen. Wir versuchen, etwas zu bieten, was man sonst nirgends findet. Wir haben den Anspruch, exklusivere Sachen zu bringen. Das heisst: Wir wollen Bilder publizieren, die nicht schon überall gesehen wurden.

Wie wollen Sie mich als Kundin darauf aufmerksam machen, dass eine Qualität angeboten wird, die einzigartig ist?

Die geht zum einen einmal über die Autoren. Die Journalisten, die bei uns arbeiten, haben schon alle eine Reputation, die haben alle schon ein Publikum. Und dieses Publikum bringen sie hoffentlich mit.

In ihrem System haben nur Autoren eine Chance, die sich schon einen Namen gemacht haben. Haben junge Talente bei Ihnen auch eine Chance?

Im «Sept-Club» können die Leute ihre Bilder, ihre Filme und ihre Texte reinstellen. Und die Leute lesen sie bei uns und wir sehen sie natürlich auch. Und wenn wir jemanden entdecken, dann nehmen wir in die professionelle Sphäre auf und er wird zum Autor. Fotografen können jetzt zu mir kommen, mir Bilder zeigen und ich kann sie quasi lancieren. Sie kriegen eine Plattform, sie zeigen ihre Bilder. Am Freitag werden ihre Bilder sogar noch auf zehn Seiten im Heft gedruckt. Und dann werden sie zu Autoren.

Nochmal: Viele sind nicht bereit, etwas zu bezahlen. Wieso sollen sie es trotzdem tun, wenn es alles gratis gibt?

Gratis ist gar nicht gratis. Sie bezahlen eben auch. Sie bezahlen mit ihrer Informationen: Sie sagen, wo sie sind, wofür sie sich interessieren. Das ist viel wertvoller als die hundert Franken, die man bei uns bezahlt.

Aber die Tatsache ist: Den Leuten ist es egal. Sie geben lieber Daten preis als zu bezahlen.

Dann sind wir dann beim Faust. Was verkauft man? Verkauft man sich selber am Schluss?

Zu Michael von Graffenried

Zu Michael von Graffenried

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Michael von Graffenried hat sich mit seinen Reportagen zum Bürgerkrieg in Algerien international einen Namen gemacht. Für seine Arbeiten erhielt er zahlreiche Auszeichnungen – darunter 1989 den World Press Photo Preis und den Ritter der französischen Ehrenlegion. Er erlebte, wie seine Arbeit durch die Digitalisierung immer weniger wert wurde.

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