«Magna Carta» – eine kleine Schafshaut mit globaler Resonanz

Grossbritannien hat keine geschriebene Verfassung. Am nächsten kommt ihr ein alter Gesetzestext: die «Magna Carta». Das Werk von 1215 beschränkte die Macht des Monarchen und legte den Grundstein für die parlamentarische Demokratie. Nun feiert die British Library das Jubiläum mit einer Ausstellung.

Vier Menschen halten je einen Bilderrahmen mit einem alten Dokument zusammen in die Mitte.

Bildlegende: Erstmals seit 800 Jahren vereint: Die vier Originalfassungen der «Magna Carta» in London. Clare Kendall/ British Library

Vier Originalfassungen der «Magna Carta» sind bis heute existent. Zwei befinden sich im Besitz der Kathedralen in Lincoln und Salisbury, die beiden anderen gehören der British Library. Nun, zum 800-jährigen Jubliläum, waren Anfang Februar die vier Versionen wieder vereint – erstmals seit 1215, und auch nur für vier Tage. Drei Tage zeigte die British Library die «Originalkopien», einen Tag lagen sie im Parlament aus.

Allerdings: Nur symbolische 1215 Schaulustige – von insgesamt knapp 45'000 Interessenten aus über 20 Ländern – bekamen das historische Quartett zu Gesicht. Die Auswahl erfolgte per Losverfahren.

Urkunde als Publikumsmagnet

Zwei Frauen betrachten ein Stück beschriebenes Papier, das hinter Glas auf einer Staffelei aufgestellt ist.

Bildlegende: Auch die Queen liess sich die Ausstellung in der British Library nicht entgehen. Keystone

Auf ihre «Magna Carta»-Exemplare ist die britische Nationalbibliothek besonders stolz. «Sie waren immer schon unser Sightseeing-Magnet Nummer eins, nicht nur im Jubiläumsjahr», betont eine Archivarin: «Auf der Wunschliste der Besucher rangieren sie vor einigen unserer grössten Schätze.»

Die aktuelle «Magna Carta»-Schau versammelt rund 200 Exponate, darunter Leihgaben aus dem In- und Ausland: illuminierte Handschriften etwa. Oder Mitra, Stab und Schuhwerk eines Erzbischofs von Canterbury aus dem 13. Jahrhunder. Dazu Gemälde, Porträts, Siegelpressen und Ritterschwerter.

Ausgestellt sind auch – hinter Glas wie Reliquien – Kleidungsreste, zwei Backenzähne und der Daumenknochen des Mannes, dem englische Adlige am 15. Juni 1215 auf einer Wiese an der Themse ihren grossen Freiheitsbrief abtrotzten: Johann Ohneland (1167-1216) alias King John.

Prosa mit Zündstoff

4000 Wörter enthält der bestens erhaltene Pergamentbogen «Magna Carta», im Format DIN-A3: ein in Latein verfasstes Abkommen als 63-Punkte-Katalog, geschrieben in fortlaufendem Text ohne Absätze und Nummerierungen, in schnörkelloser, trockener Gesetzesprosa.

Der historischen Tragweite ihrer Forderungen waren sich die Barone kaum bewusst. Ihnen ging es um Aktuelles: um den Schutz ihrer Rechte vor einem starrsinnigen, unberechenbaren Monarchen mit päpstlich sanktioniertem Machtmonopol.

Der politische Zündstoff steckte im Detail – und mitten im Text. Hier finden sich die geschichtsträchtigsten Kernsätze des Dokuments. Sie betreffen das Recht auf ein ordentliches Gerichtsverfahren und das Verbot unverhältnismässiger Bestrafung und Besteuerung.

Eckpfeiler der Rechtsgeschichte

Eine Hand putzt mit einem Lumpen ein wertvolles Stück Papier, geschützt hinter Glas.

Bildlegende: Die «Bill of Rights» (1791) inspirierte zusammen mit der «Magna Carta» Gesetzgebung im ehemaligen Empire. Clare Kendall/ British Library

Von den Vereinbarungen der «Magna Carta» profitierten zunächst nur die Edelleute. Die Untertanen im Land kamen erst später zum Zug. Und dennoch bildeten die 63 Punkte die Keimzelle der heutigen Gesetze Grossbritanniens, seiner konstitutionellen Monarchie und parlamentarischen Demokratie und einen der Eckpfeiler der internationalen Rechts- und Verfassungsgeschichte.

Zusammen mit der amerikanischen «Bill of Rights» (1791) inspirierte die «Magna Carta» die Gesetzgebung der USA und anderer ehemaliger Kolonien des Empires.

«No taxation without representation!» – Die zentrale politische Forderung des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges war ohne die «Grosse Charta» ebenso wenig denkbar wie eine andere «Reliquie» in der Schau: die Abschrift der Unabhängigkeitserklärung der USA von der Hand ihres Verfassers, Thomas Jefferson.

Schafshaut mit globaler Resonanz

Die British Library spannt den Bogen bis zur Gegenwart. Und sie zitiert viel Prominenz als Kronzeugen für die Sprengkraft eines – auf den ersten Blick – harmlos anmutenden Schriftstücks: Suffragetten, Freiheits- und Widerstandskämpfer, Bürger- und Menschenrechtler wie Gandhi, Mandela, Aung San Suu Kyi und andere.

Die Original-«Magna Carta» bildet den Schluss- und Höhepunkt der Ausstellung. Präsentiert wird sie allein für sich, weihevoll angestrahlt im abgedunkelten letzten Raum. Schade eigentlich. Man wünscht sie sich im Kontext – nicht isoliert, eher mitten im politischen Getümmel.

Ein anglikanischer Geistlicher bewundert den alten Wort-Schatz auf Pergament. Andächtig steht er an der Vitrine und ist hellauf begeistert: «Nur eine kleine Schafshaut, aber mit globaler Resonanz! Und ein grosser Schritt für die Menschheit.»

Link zum Thema

Die Ausstellung Magna Carta: Law, Liberty, Legacy ist bis am 1. September 2015 in der British Library, London, zu sehen.

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