Mali wieder aufbauen - mit Hilfe der Diaspora

Dass Frankreich mit einer Militärintervention den Islamisten in Mali Einhalt bot, ist vor allem den Malierinnen und Malier in Europa zu verdanken. Sie setzen sich mit aller Kraft für ihr Land ein, organisieren Hilfskonvois, bauen Schulen und sammeln Geld.

Menschen auf der Strasse

Bildlegende: Menschen aus Nord-Mali demonstrieren in Bamako gegen die Besetzung durch Tuareg und Islamisische Rebellen (April 2012). Reuters

Sie sitzen um einen Tisch herum, in einem Café an der Porte d'Orléans in Paris: drei Männer, eine Frau. Sie stammen aus Mali und vertreten hier einen ganzen Strauss von Organisationen, die sich in Paris, in Frankreich und in ganz Europa für die Interessen der Malierinnen und Malier einsetzen. Und sie sind die Repräsentanten ihres Landes in Paris.

Von der Mineningenieurin bis zum Informatiker

Da ist Aminata Nielé Coulibaly, von Beruf Mineningenieurin, sie ist Mitglied des Verbands der malischen Stipendiaten in Frankreich. Sie hat, seid ihr Land vor einem Jahr so jäh in die Krise stürzte, an vorderster Front für eine politische Lösung gekämpft.

Weiter Niandou Touré, der aus Timbuktu stammt und an seinem Doktorat in Soziologie arbeitet. Er vertritt die Organisation «Open Mal», eine Nichtregierungsorganisation, die sich für die Verständigung aller Volksgruppen in seiner Heimat einsetzt.

Am Tisch sitzt auch Tapa Konté, Vorstandsmitglied des «Collectif des Maliens de France», das ist die Dachorganisation aller Malierinnen und Malier in Frankreich. Er war unter anderem Mitglied jener Delegation, die von Staatspräsident François Hollande am Tag nach der französischen Intervention in Mali empfangen wurde.

Schliesslich Abdrahamane Idrissa, er ist Informatiker und hat die Websites auf die Beine gestellt für all die Hilfsaktionen, welche die malische Diaspora unternommen hat. Dazu gehört auch die Aktion «Cri du coeur»; sie hat dafür gesorgt, dass Medikamente und auch Lebensmittel in die Städte und Dörfer, die von den islamistischen Terrorgruppen besetzt waren, geliefert wurden.

Bewaffnete, sitzende Männer

Bildlegende: Soldaten der islamistischen Gruppierung «Ansar Dine». Reuters

Der Schrecken in Mali

Bereits seit Oktober 2011 ist der Gruppe aufgefallen, dass die Rebellenorganisation MNLA, die «Mouvement pour la Libération de l'Azawad», auf ihrer Website Propaganda zu machen begann für einen unabhängigen Staat im Norden Malis. «Wir hier haben ein neues Wort gelernt, das Wort ‹Azawad›, und wir haben erfahren, dass damit ein unabhängiges Gebiet im Norden Malis gemeint war», erzählt Aminata Nielé Coulibaly. Dann kam es zu den ersten Angriffen auf Städte im Norden, und es wurde klar, dass da Rebellen am Werk sind, gut ausgerüstet, in libyschen Eliteverbänden ausgebildet. «Wir mussten uns auf das Schlimmste einstellen.»

Und Tapa Konté ergänzt, sie hätten nicht ganz verstanden, warum die malische Armee zurückwich, bei jedem Angriff. «Man hat uns gesagt, es handle sich um strategische Rückzüge, bis dann die malische Armee den wichtigen, den symbolisch wichtigen Stützpunkt in Tessalit aufgab.» Tessalit liegt irgendwo weit im Norden in der Wüste, ist aber eine richtige Bastion, ein von der Nato gebautes Fort.

Das Unfassbare passiert

Wer Tessalit überrennt, kann bis in die Hauptstadt Bamako marschieren. Das war der Eindruck, den die malische Diaspora erhielt. Fassungslos erfuhren die Malierinnen und Malier in Paris und anderswo, wie die Rebellen an Terrain gewannen. Bald tauchten, neben dem MNLA andere Gruppen auf, allen voran die radikalislamistische Terrorgruppe AQMI, ein Ableger der Al Kaida sowie die ebenso radikale Ansar Dine.

Dann geschah das unfassbare: der Staatsstreich vom 21. März 2012, als ein junger Leutnant namens Amadou Sanogo an der Spitze einer revoltierenden Gruppe von Armeeangehörigen den verfassungsmässigen Präsidenten Amadou Toumani Touré absetzte.

Die Armee brach zusammen, nach Gao wurde auch Timbukutu überrannt, die radikalislamistischen Gruppierungen von Ansar Dine und AQMI vertrieben die laizistischen Rebellen des MNLA.

Scharia, Folter, Steinigungen

Sie verhängten über den Städten und Dörfern die Scharia. Männern, die rauchten, wurde die Hand abgehackt, Frauen wurden wegen einer unehelichen Geburt zu Tode gesteinigt. In Bamako, der Hauptstadt, zerfiel die Staatsmacht. Der Putschist Amadou Sanogo verhinderte mit wirren und unqualifizierten Äusserungen jede Regierungsbildung und sabotierte jede Vermittlung westafrikanischer Regierungen und auch die von Frankreich.

Verhüllte Frauen

Bildlegende: «Ansar Dine» verhängten über den Städten und Dörfern in Mali die Scharia, Frauen mussten sich wieder verhüllen (April... Keystone

Es gab nur zögerlichen, manchmal auch nur disparaten Widerstand gegen die Putschisten in Bamako. Und in den Dörfern und Städten draussen, in den Weiten des Sahel und der Sahara, herrschte der Terror.

Die Grosse Mobilisierung

Bereits im vergangenen April wurden in Paris grosse Demonstrationen von Malierinnen und Maliern durchgeführt, «Friede für Mali» stand auf den Transparenten. Die Pariser Agglomeration Montreuil, wo sehr viele Malierinnen und Malier leben, wurde zum Brennpunkt aller Debatten und Diskussionen.

«Notwendige Diskussionen, dringende Diskussionen», sagt Tapa Konté, Vorstandsmitglied des «Collectif des Maliens de France». «Wir haben festgestellt, dass die Rebellion der MNLA in der europäischen Öffentlichkeit und auch innerhalb des Europäischen Parlaments eine weitgehende Sympathie genoss.» Ein korsischer Abgeordneter, François Alfonsi, hat im Mai letzten Jahres am Sitz des Europäischen Parlaments versucht, Parlamentarierinnen und Parlamentarier für die Sache des MNLA und damit auch der Tuareg insgesamt zu gewinnen. «Da sind wir nach Strassburg gereist und haben protestiert.»

Mit Erfolg, denn die Stimme der malischen Diaspora wurde gehört, die von François Alfonsi angestrebte Resolution kam nicht zustande. Und doch: Für die Malierinnen und Malier in Europa wurde mit einem Mal klar, wie gross die Unterstützung in Europa ist für die mystischen Männer in ihren blauen Kostümen.

Die Diskussion um die Tuareg

Aminata Nielé Coulibaly spricht aus, was alle denken, am Tisch im Café an der Porte d'Orléans: «Wir fühlen uns alle als Malierinnen und Malier, und das verbindet uns, auch in all unseren Vereinigungen, hier in Paris.» Und Niandou Touré, der aus Timbuktu stammt, ergänzt: «Man spricht in den Medien einfach zu wenig darüber, dass die Bevölkerungen in Norden Malis keineswegs Tuareg sind, sondern die meisten sind schwarze Songhais, es gibt Araber, es gibt viele Peulhs.» Nur gerade zwei Prozent machen die Tuareg aus. Wie also könne man sagen, dass es da einen Tuareg-Staat geben soll, einen Staat namens Azawad.

Die malische Diaspora in Paris und in ganz Europa, das wird an dieser Diskussionsrunde schnell klar, musste gegen ganz bestimmte, romantische, ethnozentrische Afrikabilder ankämpfen. Bilder eines Afrika, das einzig aus Volksgruppen, aus Ethnien besteht, Bilder von Afrika, die meinen, Menschen in Afrika fühlten sich hauptsächlich zu ihrer Volksgruppe zugehörig, ja, zu ihrem Stamm.

Sie, die Vertreter der vielen malischen Vereinigungen in Frankreich, verfechten eine andere Vision, die Vision eines vielgestaltigen, aber einheitlichen Staates. Abdarahmane Idrissa formuliert es so: «Das, was die Tuareg als ihr Problem vorgeben, das Problem der Armut, der Unterentwicklung, das sind Probleme, die alle haben, in Mali - alle leiden sie unter denselben Problemen, sei das nun in Kayes, in Koulikoro, in Tessalit oder in Sikasso; überall gibt es Zwist, gibt es Differenzen» Aber überall habe man gelernt, mit diesen Differenzen umzugehen. «Nur die Tuareg weigern sich.»

So gesehen, fährt Adrahamane Idrissa fort, sei das sogenannte Tuareg-Problem ein falsches Problem. «Es gibt nur ein Problem, das für alle gilt, und das ist die Korruption, die Unterentwicklung, der fehlende Staat.»

Die Entwicklungen in Mali heute

Den Einmarsch der französischen Truppen am 11. Januar dieses Jahres haben fast alle Malierinnen und Malier einhellig begrüsst.  Alle waren froh, dass die französischen Truppen, unterstützt von der malischen Armee und Einheiten aus dem Tschad, aus Niger und Nigeria, die Städte im Norden, Gao, Timbuktu, Kidal, rasch befreien konnten.

Und doch gehen Kämpfe gehen weiter: in den Bergen des Adrar des Iforas, wo die islamistischen Rebellen von Aqmi, von Ansar Dine und anderen sich zurückgezogen haben, und wo die französischen Geiseln vermutet werden.

Die Städte im Norden sind befreit, aber der Frieden ist noch nicht angekommen. Dafür, sagt Mohomodou Houssouba, der Schriftsteller und Intellektuelle, der in Basel wohnt und arbeitet, braucht es jetzt entschiedene Schritte, gemeinsam mit der Bevölkerung: «Die Bevölkerungen im Norden, sie haben Vorstellungen, sie haben Geschichten, und diese handeln von einem Zusammenleben ohne Krieg.» Die Menschen leben in grosser Vielfalt zusammen, seit vielen Jahrhunderten. Und die grosse Herausforderung, nach diesem Konflikt, besteht darin, wieder auf diese Vielfalt zu bauen. «Das ist alles sehr komplex, aber ich bin da keineswegs fatalistisch, denn ich kenne die Menschen gut, im Norden, und ich weiss, wie reich an Traditionen und Fähigkeiten sie sind», so Mohomodou Houssouba.

Ein demokratischer Staat Mali

Aminata Nielé Coulibaly ist überzeugt, dass sich jetzt «alle in Mali in die Augen schauen und ehrlich die Frage beantworten müssen, wie es so weit kommen konnte». Wie es so weit kommen konnte, dass der Staat zusammengebrochen ist, dass die Armee sich dermassen blamiert hat. «Und dann müssen wir Massnahmen treffen, damit es nie wieder so weit kommt.»

Und Abderrahmane Idrissa ergänzt: «Wir müssen uns jetzt der Wahrheit stellen, wir, alle Malierinnen und Malier; und wir müssen uns an die Arbeit machen, wir alle - um einen anderen, einen starken, einen neuen Staat zu bauen, und eine andere Gesellschaft.»

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