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Journalismus während der Corona-Krise
Aus Kultur-Aktualität vom 20.05.2020.
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Medien und Corona-Skepsis «Der Journalismus hat sich viel zu wenig erklärt»

Mehrere hundert Menschen versammelten sich am letzten Wochenende, um gegen die Corona-Massnahmen zu protestieren. Die Demonstranten misstrauen nicht nur der Regierung – sondern auch der Berichterstattung in den Medien.

Sie informieren sich oft bei sogenannten alternativen Medien oder in den sozialen Medien, wo auch Verschwörungstheorien gehandelt werden.

Was können die traditionellen Medien angesichts des Misstrauens tun? Sie sollten Unsicherheiten offenlegen, empfiehlt Medienwissenschaftler Vinzenz Wyss.

Vinzenz Wyss

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Vinzenz Wyss ist Medienwissenschaftsprofessor und leitet den Bereich Journalistik an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW.

SRF: Stimmt es, was die Demonstranten behaupten: Gibt es in den Medien nur ein geduldetes Corona-Narrativ?

Vinzenz Wyss: Tatsächlich dominierte in der ersten Phase, bis in die ersten Aprilwochen hinein, ein Meta-Narrativ: Ein schreckliches Virus aus einer fremden Welt bedroht uns alle. Die Virologen sollen uns sagen, wie wir uns verhalten müssen. Und sie sollen die Politik beraten, damit die richtigen Entscheidungen gefällt werden.

Widerspruch wurde in der Anfangsphase kaum geduldet.

Das war das vorherrschende Narrativ. Widerspruch wurde kaum geduldet.

Wie kann man diesen Konsens der Berichterstattung erklären?

Wir wissen aus anderen Krisen: Wenn die Ungewissheit hoch ist, ist das Bedürfnis nach glaubwürdiger Information sehr gross. Man hofft, diese Informationen aus vertrauenswürdigen Quellen zu gewinnen.

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Welche Rolle übernehmen dabei die Medien?

Medien müssen in solchen Situationen Verantwortung übernehmen. Man spricht von Verantwortungsethik: Sie müssen auch die Folgen ihrer Berichterstattung berücksichtigen. Wenn Journalisten zu schnell kritische Fragen stellen, könnte das stark irritieren, vielleicht sogar Panik schüren, oder auch verharmlosen.

Wenn Journalisten zu schnell kritische Fragen stellen, könnte das stark irritieren.

Demgegenüber steht die Pflichtethik: Man erwartet, dass Journalismus seine Pflicht erfüllt. Also kritisch recherchiert, Dinge infrage stellt, dass er vielfältig Stimmen zulässt, die vielleicht auch unangenehm sind. Das ist ein Dilemma, in dem sich der Journalismus nach wie vor befindet.

Die Medien haben sich in der ersten Phase der Krise für die Verantwortung entschieden und versucht, keine Irritationen zu vermitteln.

Sie beziehen sich auf die Anfangsphase der Berichterstattung. Wie hat sich das verändert?

Meines Erachtens hat diese Anfangsphase zu lange gedauert. Es war früh abzusehen, dass es ein Notrecht braucht. Man hätte früher die Fragen stellen können: Was bedeutet das? Wer entscheidet darüber?

Auch andere Stimmen waren erst sehr spät zu hören: etwa Soziologinnen, Psychologen. Warum nicht auch kulturelle Fragen viel stärker betonen, die vielleicht im Widerspruch zu denen der Virologen gestanden hätten?

Glücklicherweise haben wir noch einen funktionierenden Regionaljournalismus, der das zum Teil wieder wettmachen konnte. Der zum Beispiel beobachtete, dass Spitalbetten leer stehen. Das trug zu einer gewissen Vielfalt bei, die am Anfang fehlte.

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Viele Menschen werfen den traditionellen Medien vor, sie seien zu unkritisch oder einseitig. Müssten diese sich noch mehr auf die Kritiker zubewegen?

Andere Stimmen, alternative Stimmen wurden etwas vernachlässigt. Das lässt sich auch begründen. Journalistinnen und Journalisten haben Angst, ins Fahrwasser von Verschwörungstheorien zu geraten.

Auch hier besteht ein Dilemma: Journalistinnen und Journalisten sollten Gewissheit schaffen, aber in solchen Zeiten gibt es kaum Gewissheit. Und da lassen sie die Finger von sogenannten Verschwörungstheorien.

Es wäre gut, wenn man auch anderen Stimmen Gehör verschafft.

Das birgt das Risiko, dass Menschen, die jetzt empfänglich werden für solche Verschwörungstheorien, den Eindruck gewinnen, man wolle ihnen etwas verschweigen.

Es wäre daher gut, wenn man auch diesen Stimmen Gehör verschafft. Das heisst nicht, dass man ihnen einfach das Mikrofon hinhält. Es sind vielleicht ganz neue Formate gefragt, die es zulassen, die Themen aufzugreifen, ohne den Verschwörungstheorien zu viel Raum einzuräumen.

Für die Medien ist die Coronakrise eine grosse Herausforderung. Was können sie daraus lernen?

Ich denke, dass der Journalismus sich viel zu wenig erklärt hat. Er sollte gerade in solchen Zeiten stärker aufzeigen, warum er etwas tut oder nicht tut. Und er sollte auch seine Grenzen aufzeigen: Dass man aktuell eben vieles nicht wissen kann, dass das Unwissen dominiert.

Das Gespräch führte Sarah Herwig.

Radio SRF 2 Kultur, Kultur Aktualität, 20.5.2020, 7:20 Uhr;

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