Mehrheitlich gemütlich: der 1. Mai in der Schweiz

Was für so vieles gilt in der Schweiz, ist beim 1. Mai nicht anders. Ob ein offizieller Feiertag oder nicht, ist von Kanton zu Kanton verschieden. Und auch gefeiert wird unterschiedlich, wie ein Blick nach Basel, Arbon, in die Innerschweiz und ins Tessin zeigt.

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Tag der Arbeit

4:27 min, aus Tagesschau am Mittag vom 1.5.2013

Die Bilder und Nachrichten wiederholen sich: Jedes Jahr geraten in Zürich am 1. Mai nach der offiziellen Kundgebung junge Leute und die Polizei aneinander. Das ist aber nur eine Seite des Tags der Arbeit. Landesweit finden Feiern statt: an manchen Orten traditionell, andernorts mit Veranstaltungen, die über gewerkschaftliche Kernanliegen hinausgehen.

Unterschiedlich ist auch die Feiertags-Regelung: In der Schweiz ist der 1. Mai kein nationaler Feiertag. In den Kantonen Basel und Zürich ist der Tag ein offizieller Feiertag definiert, andere Kantone wie Solothurn oder Freiburg sehen einen halben Feiertag vor. Und nochmals anders sieht es in Appenzell oder der Innerschweiz aus: Hier wird am Tag der Arbeit schlicht und einfach gearbeitet.

Basel: «Mampftag» statt Kampftag

Gemütlich und familiär – so beschreibt sich der 1. Mai in Basel wohl am besten. Dies war nicht immer so. Der 1. Mai hat in Basel eine lange Tradition als Kampftag: Bereits im Jahr 1890 – dem Gründungsjahr des «Arbeitertags» – fand in Basel die Maifeier statt. 1905 wurde der Basler Markplatz als Kundgebungsort erobert. Und bereits 1923 wird der 1. Mai in Basel zum gesetzlichen Feiertag.

Einen Höhepunkt verzeichnet der 1. Mai in den 1970er Jahren: Die Neue Linke und zahlreiche Ausländerorganisationen erklären den Tag zu ihrem Hauptfeiertag und ziehen jeweils bis zu 10'000 Menschen an. Heute ist man in Basel davon weit entfernt. Auf dem Marktplatz steht jeweils noch ein kleines Grüppchen – das Erbe einer grossen Tradition. Die Neue Linke ist alt geworden, die Kundgebungen beschaulich. Der einstige «Kampftag» ist heute eher ein «Mampftag».

Arbon: die Linke ist Geschichte

Alte Fabrikhalle

Bildlegende: «Saurer»-Fabrik: einst Haupt-Arbeitgeber von Arbon, heute verlassen. Keystone

Ein ähnliches Bild zeigt sich am 1. Mai im thurgauischen Arbon, einst eine Hochburg der nationalen Arbeiterbewegung. Vor rund 100 Jahren war Arbon eine industrielle Boom-Stadt: Die Hälfte der Einwohner waren Arbeiter in der heimischen Industrie, die meisten angestellt in den Fabriken des Lastwagen-Herstellers «Saurer». Schon früh organisierten sich die Arbeiter gewerkschaftlich – mitsamt den dazugehörigen Demonstrationen und Streiks.

«Arbon war früher einer der Orte in der Schweiz, in dem am meisten gestreikt wurde», sagt Historiker Stefan Keller. Für die vielen schlecht bezahlten Arbeiter der Stadt war deshalb der 1. Mai ein Pflichttermin. Während den Demonstrationen durch die Stadt wurde sogar kontrolliert, ob nicht jemand den Tag für Gartenarbeit nutzte.

Mit dem Niedergang der Industrie in den 1980er Jahren verschwand auch die Arbeiterbewegung zusehends. Das ehemalige «rote Arbon» ist heute fast Geschichte – wäre da nicht das grosszügig angelegte Seeufer, das einst für die einfachen Arbeiter als Freizeitsort angelegt wurde.

Innerschweiz: ein Tag wie jeder andere

In der Innerschweiz wird am 1. Mai gearbeitet. Zwar organisieren die Gewerkschaften kleine Feiern in den Städten, man bleibt aber mehrheitlich unter sich. Der Grund liegt in der katholischen Tradition der Region: Hier hat die politische Linke nie das Gewicht erreicht, das sie in den Städten wie Zürich oder Basel hat. Ausserdem ist die Region eher landwirtschaftlich geprägt und hinkte in Sachen Industrialisierung der restlichen Schweiz lange hinterher.

Statt sozialistisch ausgerichteten Gewerkschaften war es vor allem die katholische Arbeiterbewegung aus St. Gallen, die in der Vergangenheit stark Fuss fasste. Zwar verlor die christlich-soziale Politik über die Jahre an Einfluss; in der Stadt Luzern etwa ist die SP heute stärker. Deren Wähler aber stammen eher aus dem Mittelstand als aus dem klassischen Arbeitermilieu.

So ist der 1. Mai in der Innerschweiz ein Tag wie jeder Andere – ohne grosse Demonstrationen und Menschenmengen auf den Strassen

Tessin: harte Gewerkschaftsthemen

Demonstraten auf der Strasse, die ein grosses Transparent vor sich hertragen.

Bildlegende: Bunter 1. Mai in Lugano (2007). Keystone

Fahnen, Flugblätter, Händeschütteln – das ist der 1. Mai im Tessin. Die Hauptkundgebung findet in Lugano statt. Von den zehn grössten Städten der Schweiz ist hier die höchste Jugendarbeitslosigkeit zu verzeichnen. Ausserdem verdient hier jeder fünfte Arbeitnehmer weniger als 4000 Franken im Monat – in der restlichen Schweiz sind es halb so viele. Auch der markante Anstieg von Grenzgängern in den letzten Jahren drückt das Lohnniveau des Südkantons.

Es erstaunt daher wenig, dass der Tag der Arbeit im Tessin eine grosse Bedeutung hat. «Arbeitsplätze verteidigen» heisst es – davon zeugen auch die jüngsten Streiks in den SBB-Werkstätten in Bellinzona. Die gewerkschaftliche Agenda ist gefüllt mit Protestaktionen gegen unwürdige Verhältnisse auf Baustellen und gegen Dumpinglohn-Skandale. Anders als in manchen Deutschschweizer Städten lautet jenseits des Gotthards der Tenor: Mit harten Gewerkschaftsthemen auf die Strasse.

Geschichte des 1. Mai

Geschichte des 1. Mai

Ausschreitungen in Chicago. Wikimedia

400'000 Amerikaner folgten am 1. Mai 1886 dem Aufruf der Gewerkschaften, für den 8-Std-Tag zu kämpfen – und streikten. Überschattet wurde der Streik von blutigen Ausschreitungen in Chicago. In Gedenken an die Opfer rief 1889 die 2. Internationale den 1. Mai zum «Kampftag der Arbeiterbewegung» aus. Ein Jahr später folgten weltweite Demonstrationen.