Meienberg und der Zorn seiner Zeit

Er war ein Wortgewaltiger, ein Dünnhäutiger auch – vor 20 Jahren hat sich Niklaus Meienberg das Leben genommen. Ein Rückblick auf sein Schreiben, auf sein Wirken, und ein paar Erinnerungsbrocken.

Niklaus Meienberg mit Wuschelkopf illustriert.

Bildlegende: Seine Streitlust war enorm, doch er war auch eine sensible Seele – Kritik konnte Niklaus Meienberg in Rage bringen. SRF/Cécilia Bozzoli

Wenn er auf der Redaktion auftauchte, ging ein Beben durch das alte Haus. Seine Stimme, manchmal hell, manchmal grollend, zeigte seine Stimmung an, sie wechselte jäh, je nach Weltlage, je nach persönlichem Befinden, und je nachdem, ob wieder einer es gewagt hatte, ein paar Worte in seinen Texten zu redigieren. Niklaus Meienberg auf der Redaktion der «Wochenzeitung», der «WOZ», das war stets ein existentieller Moment.

Denn da trat einer auf mit der Aura des weit Gereisten, mit der Wucht seines Wortes, mit dem Geheimnis der Recherche, an der er gerade arbeitete. Nichts von dem, was wir junge Journalisten gerade schrieben, reichte an ihn heran, wir wussten, dass er uns mehr als eine Nasenlänge voraus war mit seinen gestanzten, seinen gedrechselten Sätzen. Die ersten drei Sätze seines Porträts des Fürsten zu Liechtenstein, die ihm ein Schreibverbot eintrugen, wir kannten sie auswendig – «Der Fürst von Liechtenstein, Franz Josef II, ist siebzig Jahre alt g'word'n. Das kann jedem passieren. Manche sind in diesem Alter etwas tattrig, andere etwas flattrig».

Eine publizistische Instanz

Da war er, der Meienberg-Sound, den später ein Marco Meier euphorisch beschreiben würde als ein «Hyperrealismus», der typisch sei für die Vertreter des «New Journalism», während auf der anderen Seite ein Andreas Breitenstein in der «NZZ» denselben Sound mit perfidem Unterton als «hohles Dröhnen» abqualifizierte.

Uns, den jungen, aufstrebenden Journalistinnen und Journalisten, waren die Etikettierungen egal. Niklaus Meienberg, sein Wuschelkopf voraus, zwischen den Fingern einen abgelutschten Zigarillo, das Hemd hing ihm aus der Hose, er war eine journalistische, eine publizistische Instanz für sich. Manche erklärte er zu seinen Jüngern, schurigelte sie, wenn sie ihm nicht bedingungslos folgten; andere hielten sich auf Distanz zu ihm, zu seinem Bann, der einnehmend war und besitzergreifend zugleich.

Niklaus Meienberg in Kürze

11.5.1940 Geboren in St.Gallen, woselbst primäre und
sekundäre Beschulung
1955–60 Eingeweckt in Klosterschule Disentis
(Benediktiner)
1960–61 USA, Arbeit als Büro-Gehülfe im New Yorker Büro
der «Federation of Migros Cooperatives». Bulldozer-Fahrer in Vancouver
1961–66

Studium
der Geschichte und dergleichen in Fribourg und Zürich, dann mit einem
französischen Stipendium nach Paris (Geschichte udgl., auch etwas Teilnahme an
der Zeitgeschichte 1968). Eine Arbeit über «De Gaulle und die USA von 1940–42»,

lic. phil. mit sog.
Abschluss in Fribourg
ab 1966 Pariser Korrespondent der «Weltwoche»
ab 1971

Etliche
Produktionen für Radio DRS «Faktenordner».

Mitarbeiter des
«Tages-Anzeiger-Magazins»
1976–91 15 Jahre Schreibverbot im «Tages-Anzeiger»,
gegen den Willen der Redaktion verhängt vom Verleger
1982–83 Korrespondent des «Stern» in Paris (Dezember 1982–Juni 1983)
1983 Freier Mitarbeiter der «Wochenzeitung» und der «Weltwoche»
1988 Werkpreis der Max-Frisch-Stiftung
1989 Zürcher Journalistenpreis
1990Kulturpreis der Stadt St.Gallen
1991 Engagement wider den Golfkrieg
22.9.1993  

Freitod
in Zürich

Quelle: meienberg.ch

Der Wütherich, fein ziseliert

Er war die Lokomotive, die den deutschsprachigen Journalismus in diesem Land antrieb. Seine «Reportagen aus der Schweiz» zeigten an, was schonungsloses Hinschauen und ebenso ungeschöntes Schreiben bewirken konnten: eine Ent-täuschung der Wirklichkeit, ganz im Sinne jener existenzialistischen Philosophen, die er las und liebte, Albert Camus und Jean-Paul Sartre. Seine Geschichtsbücher, allen voran «Die Welt als Wille und Wahn», rüttelten ihrerseits die Historikerinnen und Historiker aus ihren Seminarräumen; Niklaus Meienberg zeigte ihnen, wie man schreibt, wenn man die Archivschachteln wirklich aufmacht, wenn man die Verantwortlichen nicht mit den Laborhandschuhen der Schreibstubengelehrten anfasst.

Seine Streitlust war enorm, und viele erhaltene Radiosendungen zeugen davon. Niklaus Meienberg, der unhelvetisch für eine Sache, für eine Meinung, für betroffene Menschen das Wort ergriff; der selbe Meienberg, der unschweizerisch missliebige Zeitgenossen herunterkanzeln konnte («Wenn ihr einmal den Finger herausnähmet») – er war, wie viele seiner Freunde erfahren mussten, auch eine sensible Seele. Mit Kritik hatte er mehr als Mühe, selbst kritische Zwischentöne konnten ihn in Rage bringen.

Ein Pol, ein unruhiger

Aber er liess auch keinen unbeteiligt. Die rechte Presse polterte gegen ihn, vernichtend zuweilen, die Linke hielt zu ihm, blind manchmal. Niklaus Meienberg, mit seinem manichäischen Weltbild als Folie, teilte die Gesellschaft in oben und unten, in gut und schlecht, in richtig und falsch; und erst spät, vielleicht zu spät, fand er zu den Zwischentönen, die das Leben zuweilen auch ausmachen. Die «Geschichte des Liebens und des Liebäugelns», sein später Gedichtband, war ein Versuch, seine andere, seine verletzliche Flanke zu zeigen.

Allein, man wollte sie nicht sehen. Ebenso wenig wie seine Bedürftigkeit, die sich in seinem steten Wunsch nach Anerkennung zeigte. Als ihm diese endlich zuteil wurde, kam sie herablassend, mit Kulturpreisen, die ihm mit Fingerspitzen übergeben wurden; sie verstärkten seine Depression, die ihn verfolgt hatte wie ein wachsender Schatten, seit seiner Jugendjahre. Dass er sich das Leben nehmen würde, hat er angedeutet, für alle deutlich genug.

Meienberg, wiedergelesen

Heute, 20 Jahre später, liegen sie wieder vor mir, die viel gelesenen Bücher, seine Reportagenbände. Zerfleddert zum Teil, manche Sätze unterstrichen, die Seiten vergilbt.

Noch immer lese ich seine Texte mit Gewinn, weil die unglaubliche Sprachrabulistik und Sprachakribie des Niklaus Meienberg auf eine Qualität hinweisen, die dem heutigen Journalismus weitgehend abgehen: die Mühe, die er aufbringt, um zur richtigen Formulierung zu kommen, die Ausführlichkeit, manchmal das Ausschweifen in der Darstellung. Man kann seine Texte noch immer mit Lust lesen, glaube ich, man kann sich forttragen lassen vom Zorn auf die real existierenden Verhältnisse, die seine Schreibe imprägnieren. Und doch ist spürbar, wie sehr diese Texte auf ihre eigene Zeit hin geschrieben wurden, als Einwürfe, als Interventionen; heute fehlt den Texten der Hall ihrer Zeitgebundenheit, als ob der Gegenstand, als ob der Anlass zum zornigen Schreiben des Niklaus Meienberg weggefallen wäre.

Denn die heutige Zeit hat sich ziseliert, hat sich entpolarisiert, in allem, und mutiges Stellungnehmen ist nicht mehr angesagt.

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