Meine halbe Stunde mit Willy Brandt

Für Willy Brandt gingen in den 60er- und 70er-Jahren die Jungen in Deutschland auf die Strasse. Auch die Intellektuellen schwärmten für den grossen Politiker. Am 18. Dezember wäre er 100 Jahre alt geworden. Redaktor Hansjörg Schultz erinnert sich an sein politisches Idol.

Porträtaufnahme

Bildlegende: Mit Willy Brandt hat Nachkriegsdeutschland den endgültigen Bruch mit der NS-Vergangenheit vollzogen. Getty Images

Es war Mitte der 80er-Jahre in der Nähe des Genfer Grenzortes Veyrier. Willy Brandt forderte mich ultimativ auf, sofort neben ihm Platz zu nehmen. «Der redet immer so viel», begründete der legendäre SPD-Vorsitzende diese Aufforderung und zeigte auf Jean Ziegler. Der Genfer Soziologe und UNO-Aktivist kam strahlend auf Brandt zu. Er hatte sich den Platz an seiner Seite erhofft.

Ich wurde wegen Brandt politisch aktiv

Es war viel sozialdemokratische Prominenz versammelt, als Willy Brandt am Rande des Hausbergs der Genfer, dem Petite Saleve, den Platz besuchte, wo 1864 der Mitbegründer der SPD gestorben war. Ferdinand Lassalle kam bei einem Duell um eine junge Adlige ums Leben. Brandt war gekommen, um einen Grabstein einzuweihen. Und ich sass also bei einem Apéro, den die SPD gab, neben dem Idol meiner frühen politischen Jahre, weil Jean Ziegler so viel redet.

Mit 16 wurde ich politisch aktiv. Wegen Willy Brandt. 1969 wurde er zum ersten Mal zum deutschen Bundeskanzler gewählt nach einem hochemotionalen Willy-Willy-Wahlkampf. Nie zuvor in der noch jungen Bundesrepublik Deutschland war ein einzelner Politiker von der Basis so euphorisch getragen worden wie Brandt. Unterstützt wurde er von den grossen Kulturschaffenden wie Günter Grass oder Walter Jens.

Brandt verkörperte den Neuanfang

Der Ausnahmepolitiker verkörperte für meine Generation ein Stück ungebrochener Freiheitstradition, wie sie in Deutschland nach der Nazizeit selten zu finden war. Er hatte als Emigrant von Norwegen aus gegen die Nationalsozialisten gekämpft. Und er hatte als Berliner Bürgermeister gegen die Mauer und den Kommunismus gekämpft.

Als der Antifaschist Brandt in der damaligen Hauptstadt Bonn an die Regierung kam, löste er mit Kurt Georg Kiesinger einen Bundeskanzler ab, der noch NSDAP-Mitglied gewesen war. Mit Brandt erst hat Nachkriegsdeutschland den endgültigen Bruch mit dem Nationalsozialismus vollzogen.

Brandt wurde als Held geliebt ...

Und Brandt war der erste, der Geist und Macht zu vereinen suchte. Bundeskanzler Ludwig Erhardt hatte Anfang der 1960er-Jahre deutsche Intellektuelle noch als dumme Kläffer bezeichnet. Für junge Filmemacher, Künstler und Schriftsteller wurde Brandt deshalb zum grossen Hoffnungsträger. Mit keinem Namen in der deutschen Nachkriegspolitik war so viel Hoffnung auf moralische Erneuerung, mehr Demokratie und soziale Gerechtigkeit verbunden wie mit dem Brandts.

Obwohl er eigentlich eine introvertierte, eine, wie seine Söhne heute schreiben, sehr schwierige Persönlichkeit war, wurde Willy Brandt doch von einem Teil der Deutschen regelrecht geliebt.

... und als Verräter gehasst

Willy Brandt kniet auf einer Treppe, neben ihm viele Presseleute

Bildlegende: Der Kniefall von Warschau: 1970 zollt Willy Brandt den Opfern des Warschauer Ghettos Respekt. Keystone

Von anderen wurde er gehasst. Als Vaterlandverräter, weil er in Polen auf die Knie gefallen war und beharrlich mit dem Ostblock verhandelte. In die Geschichte eingegangen ist er sicher als der Kanzler der Ostpolitik. Ihm gelang es, in Polen und der Sowjetunion das Feindbild vom deutschen Revanchismus abzubauen. Und nur so war ein Gorbatschow möglich, nur so konnte es zum Fall der Mauer kommen.

Brandt stürzte über einen DDR-Spion. Der Führung in Ost-Berlin war es gelungen, einen der Ihren über Jahre hinweg als persönlichen Mitarbeiter Brandts zu «platzieren». Der Kanzler ging rasch, als er davon erfuhr. Er klammerte sich nicht an seine Stuhl. Auch hier zeigte er, dass Moral ihm wichtiger war als Macht.

Vielen Dank, Jean Ziegler!

Auch danach blieb Brandt politisch aktiv. Er wurde Präsident der Sozialistischen Internationale und Vorsitzender der Nord-Süd-Kommission in Genf. Er wurde ein Weltinnenpolitiker, wie es sie kaum mehr gibt. Und dass ich mit diesem Ausnahmepolitiker einmal eine halbe Stunde lang diskutieren durfte, dafür möchte ich Jean Ziegler an dieser Stelle nochmal ausdrücklich danken.

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