«Menschen tun Böses, um dazuzugehören»

Nizza, München, Würzburg und Salez: Die Meldungen von Gewalttaten überschlagen sich. Ob es sich um Terror, Amok oder die Tat geistig Verwirrter handelt, ist immer schwerer zu unterscheiden. Laut dem Autor und Psychiater Joachim Bauer lassen sich Gewaltexzesse und ihre Folgen psychologisch erklären.

Ein Jugendlicher hinter einer Scheibe.

Bildlegende: Gewalt hat laut Joachim Bauer viel mit Ausgrenzung zu tun. Flickr/WonderWomen0731

Durch brutale Gewaltvideos hat sich der Münchner Amokschütze auf seine Tat eingestimmt. Bei jungen Terroristen ist der Trieb nach Akzeptanz so ausgeprägt, dass sie Böses tun, um irgendwo zugehörig zu sein.

Mit diesen Fakten müssen wir uns auseinandersetzen, da die Gewalttaten nicht abnehmen werden, sagt Joachim Bauer, Bestsellerautor von Sachbüchern, Psychiater und Neurowissenschaftler.

Seelische Lähmung

Zuerst kommen für den am Universitätsklinikum in Freiburg im Breisgau arbeitenden Joachim Bauer aber die Opfer: «Wer eine monströse Gewalttat überlebt hat, leidet meist an schwer heilbaren psychischen Wunden.»

Bei Eltern oder Kindern, knapp Überlebenden und direkten Zuschauern von solchen Gewalttaten bleiben seelische Narben zurück. Sie erleiden eine «totale Überwältigung». Nach der Analyse des renommierten Psychiaters erleben wir in so einem Moment eine äussere Lähmung, die auch die Seele miteinbezieht.

Nach einem grausamen Verbrechen wie jenem in Paris oder Nizza ist der Ruf nach Revanche, nach harter Hand und herber Bestrafung laut. «Es mag uns frustrieren, aber davon ist nichts zu erwarten», sagt Professor Bauer. Fanatische Attentäter, die bei ihren Taten den eigenen Tod in Kauf nehmen, wären durch die Ansage härterer Strafen nicht zu beeindrucken.

Eine junge Frau sitzt mit Kapuzze und gefalteten Händen nach dem Amoklauf in München vor Kerzen und Blumen.

Bildlegende: Es bleiben die seelischen Wunden: Szene nach dem Amoklauf in München. Getty Images

Mehr Polizei kann beruhigen

Gegengewalt ist also sinnlos, meint Bauer, spricht sich aber gleichwohl für eine klare polizeiliche Präsenz, mehr vorbeugende Aufklärung und verbesserte Strafverfolgung aus. Das aber hat für Bauer mehr mit gesellschaftlicher Psychologie zu tun: In Zeiten verstärkter Verunsicherung soll der Staat dem Einzelnen ein Gefühl von Sicherheit geben.

Sigmund Freud hatte 1920 unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges behauptet, jeder Mensch trage analog zum Sexualtrieb einen Aggressionstrieb in sich. Zwar gibt es Gewalt so lange wie es die Menschheit gibt, doch hat nach Professor Bauer die Neurowissenschaft Freud widerlegt.

Der normale Mensch sei von Empathie geleitet. Er fühlt sogar Schmerz, wenn sein Gegenüber Schmerzen hat. Für Bauer sind die Täter anormal. Nicht umsonst hatten sich die meisten in psychiatrische Behandlung begeben.

Ein Versuch, sich zu bewähren

Solche Anomalie ist oft bei Personen festzustellen, die ausgegrenzt werden. Ausgrenzung und Demütigung aber, so Bauer, gibt es nicht nur in den Banlieues von Paris, es gibt sie auch dort, wo Hunger und Armut herrscht. Hunderttausende junger Männern aus jenen Ländern, die durch Unruhen oder Krieg paralysiert sind, suchen nach Möglichkeiten, sich zu bewähren – einige schlagen dabei den falschen Weg ein.

Die moderne Hirnforschung, so Bauer, hat das Streben des Menschen nach Akzeptanz und Zugehörigkeit als den stärksten menschlichen Trieb erkannt: «Das kann bedeuten, dass Menschen bereit sind, Böses zu tun, nur um dazuzugehören.»

Joachim Bauer

Joachim Bauer

Joachim Bauer Wikimedia

Joachim Bauer ist Neurobiologe, Arzt und Psychotherapeut und lehrt an der Universität Freiburg. Daneben ist er Autor verschiedener Sachbücher, die sich mit dem menschlichen Fühlen und Zusammenleben befassen.

Buchhinweis

Joachim Bauer: «Schmerzgrenze. Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt». Heyne Verlag, 2011.

Sendung zu diesem Artikel