Mit ihrer Liebe zu anderen Frauen waren sie ihrer Zeit voraus

Wie lebten lesbische Frauen in den 1940er- bis 1960er-Jahren in der Schweiz? Davon erzählen elf Frauen, die heute über 70 Jahre alt sind, in einem neuen Buch. Rita Kappeler ist eine von ihnen.

Rita Kappeler heute

Bildlegende: Sie zog ein Leben mit Frauen der Vernunftbeziehung zu einem Mann vor: Rita Kappeler. Siggi Bucher

Auf den ersten Blick ist sie eine zurückhaltende Frau. Ihre lebhaften Augen aber zeugen von einem starken Willen und Temperament, das unter der Oberfläche brodelt.

Die 73-Jährige hat ihr ganzes Leben so gelebt, wie sie es wollte. Freiheit ist für sie bis heute das Wichtigste: «Ich war schon als Kind oft alleine, meine Mame arbeitete viel. Diese Freiheit habe ich genossen und man hat sie mir auch gelassen.»

Kein Leben am Herd

Selbstbestimmung war für eine Frau in der kleinbürgerlichen Enge der 1950er- und 1960er-Jahre alles andere als normal. Das gab Rita Kappeler auch der Mann zu spüren, den sie fast geheiratet hätte: Für ihn war sie zu selbständig. Sie verliess ihn kurz nach der Geburt ihres Sohnes und zog mit 26 Jahren zurück zu ihrer Mutter. Ein Leben am Herd war für sie unvorstellbar.

Richtig verliebt hatte sie sich bereits vor dieser Vernunftbeziehung – und zwar in eine Frau. Schon die erste Begegnung veränderte das Leben der damals 22-Jährigen. «Seit dieser Nacht war ich wie verzaubert», erinnert sie sich.

«Das Kind hat mich vor Fragen geschützt»

Rita Kappeler, 1960

Bildlegende: Rita Kappeler, 1960. Rita Kappeler

In der Beziehung zu Frauen fand sie Gleichberechtigung: Endlich konnte sie ihre Bedürfnisse äussern und das Zusammenleben mitgestalten.

Homosexualität war zu jener Zeit zwar kaum akzeptiert. Rita Kappeler empfand ihr Leben mit einer Frau und ihrem Kind aber nicht als Problem: «Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, dass das schwierig ist.»

Als Mutter musste sie in der damaligen konservativen Gesellschaft keine Stellung beziehen, meint Rita Kappeler: «Das Kind hat mich vor Fragen geschützt.»

Dass gleichgeschlechtliche Beziehungen mittlerweile viel selbstverständlicher sind, ist in ihren Augen richtig und wichtig. Ein übertriebenes Zurschaustellen der eigenen Homosexualität hält sie aber für unnötig. «Mit der Art, wie sie sich kleiden oder wie sie sich geben, fallen diese Frauen und Männer absichtlich auf. Das verstehe ich noch heute nicht.»

Eine sanfte Kämpferin

Dies mag heute konservativ klingen – früher war Rita Kappeler jedoch ihrer Zeit voraus. Bereits vor 50 Jahren lebte sie ein Leben, wie es auch heute noch nicht selbstverständlich ist. Das liegt wohl auch an der Art, wie sie ihre Bedürfnisse durchsetzte, ohne ihr Umfeld vor den Kopf zu stossen.

Rita Kappeler – sie zieht dieses Pseudonym ihrem richtigen Namen vor – ist eine sanfte Kämpferin. Eine, die mit feinem Humor und einem guten Gespür ihr Gegenüber erobert. Dabei bleibt sie sich selbst treu: Auch nach 13 Jahren Beziehung mit ihrer jetzigen Partnerin möchte sie noch nicht mit ihr zusammenziehen. Zu lieb und teuer ist ihr die eigene Freiheit.

Buchhinweis

Die Historikerin und Journalistin Corinne Rufli hat Rita Kappeler und zehn weitere Frauen porträtiert, die über 70 Jahre alt sind und Frauen lieben.

Corinne Rufli: «Seit dieser Nacht war ich wie verzaubert». Hier und Jetzt, 2015.

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