Mit Poesie zu einer menschlicheren Medizin

Von Antibiotika bis zur Computertomografie: Die Fortschritte in der Medizin können sich sehen lassen. Das Menschliche kommt dabei oft zu kurz. Ein Arzt in Boston stemmt sich dagegen – mit Poesie.

Rafael Campo im Porträt.

Bildlegende: Rafael Campo ist überzeugt, dass Poesie hilft, die Patienten zu verstehen. Rafael Campo

So mancher angehender Mediziner rollt die Augen, wenn er Rafael Campo auf seiner Visite begleitet. «Der Blick sagt alles», sagt der Internist. «Er wird doch nicht jetzt hier am Krankenbett ein Gedicht rezitieren? Wenn wir noch zwölf Patienten vor uns haben!»

Doch Rafael Campo lässt sich davon nie beirren. Wenn es ihm angebracht erscheint, trägt er ein Gedicht vor. «Oft entstehen daraus Gespräche auf menschlicher Ebene – zwischen uns, den Ärzten und dem Patienten.» Dazu gebe es im vom chronischen Zeitdruck geprägten, klinischen Alltag wahrlich nicht genug Gelegenheit.

Literatur schult Empathie

Verschiedene Wörter auf weissen Schildchen liegen auf einer Oberfläche.

Bildlegende: Ob Dichtkunst in der Medizin hilft, ist nicht erwiesen. flickr/[Olivia]

Rafael Campo ist ein ungewöhnlicher Arzt. Der am Beth Israel Deaconess Center in Boston praktizierende Internist ist nämlich mehrfach ausgezeichneter Dichter. Gerade hat er seinen sechsten Band «Alternative Medicine» veröffentlicht. An der medizinischen Fakultät der Harvard University führte er ausserdem einen «Reflective Writing Workshop» ein.

Reflexives Schreiben – seien es nun Gedichte oder Prosastücke – schule die Studenten nämlich in mehrfacher Hinsicht. «Es hilft mir, aus dem medizinischen Jargon auszusteigen», sagt beispielweise die Studentin Shara Yurkiewicz. Eine wichtige Fähigkeit, denn die wenigsten Patienten sind ausgebildete Mediziner.

Rafael Campo glaubt, dass Texte zu schreiben, sie im Workshop vorzutragen und den Gedichten oder Prosastücken anderer zuzuhören das Ohr für die menschliche Erfahrung anderer schult. «Man hört einer Geschichte zu und dann fällt einem ein: Ja, ganz genauso habe ich mich gefühlt, als meine Mutter gestorben ist. Man identifiziert sich mit den Gefühlen eines anderen Menschen.»

Master in narrativer Medizin

Kritik an einer mechanistischen Medizin, in der ob der vielen technologischen Möglichkeiten das Menschliche auf der Strecke bleibt, gibt es schon lange. «Wir sind so so sehr darauf konzentriert, was die Computertomografie über die Lymphknoten aussagt, dass wir darüber ganz vergessen, dass wir es hier mit einem Menschen zu tun haben», meint Rafael Campo. «Literatur hilft, diese Kluft zu überbrücken.»

An etwa der Hälfte der medizinischen Fakultäten in den USA sind mittlerweile Lehrveranstaltungen, die mit Schreiben oder Literatur zu tun haben, verpflichtend vorgeschrieben. Zu den Pionieren gehört die Internistin und Literaturwissenschaftlerin Rita Charon an der New Yorker Columbia University. Dort gibt es mittlerweile sogar einen eigenen Lehrgang mit einem Master-Abschluss in narrativer Medizin für Ärzte und Menschen in Pflegeberufen. Und was ist darunter eigentlich zu verstehen? «Es geht um das Schulen grundlegender, menschlicher Fähigkeiten: zu erkennen, wenn jemand eine Geschichte erzählt, diese dann zu interpretieren und sich als Arzt davon berühren zu lassen.»

Poesie lässt sich nicht vermessen

Die Skeptiker des Trends, Geisteswissenschaften in die Ausbildung zum Arzt zu integrieren, werden zwar leiser. Aber es würde nicht schaden, wenn man den Nutzen hieb- und stichfest nachweisen könnte. «Dem Dichter in mir stellt es dabei die Haare auf, Wirkung und Nutzen von Literatur statistisch zu beziffen», meint Rafael Campo. «Aber die Medizin basiert nun einmal auf Daten und Fakten.»

Vergleiche zwischen Studenten, die Literatur-Kurse absolvieren, und solchen, die es nicht tun, gibt es nicht. Zumindest noch nicht. In einer jüngsten Befragung bewerteten 130 Medizinstudenten im zweiten Semester an der Columbia University ihre Erfahrungen als klar positiv. Der Kurs habe kritisches Denken, Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und Reflexion geschult.

Diese Fähigkeiten, so Rafael Campo, erleichtern gewiss auch die Diagnose. «Denn empathische Ärzte lassen den Patienten reden. Sie hören besser zu, unterbrechen weniger. Und meiner Erfahrung nach erfährt man auf diese Weise sehr viel mehr, was dem Patienten fehlt.»