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Macht der Sprache Mit Sprache ein Haus anzünden

«Klimawandel»? Ein schwaches Wort. Sagen Sie «Klimakatastrophe», wenn Sie etwas bewirken wollen.

Umriss von Donald Trump, der in ein Mikrofon spricht.
Legende: Trump verwendet Sprache auf dem Niveau eines Viertklässlers – und erreicht damit die Leute. Reuters

Das Wichtigste in Kürze

  • Worte beeinflussen unser Denken und Handeln – im positiven wie im negativen Sinne.
  • Wähler werden stärker von Worten beeinflusst als von Fakten.
  • Wer seine Wahrnehmung für vermeintlich harmlose Wörter schärft, der nutzt die Macht der Sprache zu seinem eigenen Vorteil.

Sprache ist mächtig. Wie mächtig – das vergessen wir im Alltag oft.

Die Linguistin und Kognitionsforscherin Elisabeth Wehling erforscht, wie Worte unser Denken und Handeln beeinflussen – und zwar im positiven wie im negativen Sinne: «Wenn Sprache wie ein Feuerzeug wäre, nutzen Sie das Feuerzeug, um eine Kerze anzuzünden, Licht ins Dunkle zu bringen, oder nutzen Sie es, um ein Haus anzuzünden?»

Lieber «leben» als «sterben»

Sprache kann aufklären, informieren – sie kann aber auch manipulieren.

Elisabeth Wehling verweist auf ein Experiment aus der Verhaltenspsychologie. Die Teilnehmer sollten entscheiden, ob schwer kranke Patienten operiert werden oder nicht.

Der ersten Gruppe sagten die Wissenschaftler, die Patienten hätten eine 90-prozentige Überlebenschance. Bei der zweiten Gruppe formulierten die Forscher denselben Sachverhalt anders: Die Patienten hätten ein zehnprozentiges Sterberisiko.

Wenn Sprache wie ein Feuerzeug wäre, zünden Sie damit ein Haus an?
Autor: Elisabeth WehlingSprachwissenschaftlerin

Das Ergebnis: Die erste Gruppe sei Feuer und Flamme gewesen für diesen Eingriff. Die zweite Gruppe hingegen hätte sich gegen die OP ausgesprochen. «Selbst bei einfachster Faktenlage wie 90 versus 10 Prozent denkt der Mensch nicht rational, wägt er Fakten nicht ohne interpretative Muster ab», so Wehling. In diesem Fall funktionierten die interpretativen Muster, die sogenannten Framings, über die Wörter «Überlebenschance» und «Sterberisiko».

Framings sind Deutungsrahmen, also Assoziationen und Interpretationen. Denn Wörter erzeugen automatisch Bilder in unseren Köpfen – und diese Bilder sind beim Wort «Überlebenschance» deutlich positiver als beim Wort «Sterberisiko».

«Wandel» vs. «Katastrophe»

Wie wirkmächtig Sprache auch im politischen Diskurs ist – das unterschätzten viele Politiker, sagt Elisabeth Wehling. Tatsächlich würden Wähler stärker von Worten und den impliziten Assoziationen beeinflusst als von Fakten. Vielen Politikern sei zudem gar nicht klar, was sie implizit mit ihrer Wortwahl ausdrücken. Ein Beispiel: Das Wort «Klimawandel».

«Was ist ein Wandel?», fragt Wehling. Wandeln könnten wir uns zum Guten oder zum Schlechten. Zunächst mal sei einfach nur eine Veränderung des Istzustandes impliziert – nichts Negatives. Jeder, der sich für Klimaschutz aussprechen will, der tue das besser nicht mit Worten wie «Klimawandel», sondern, so Wehling: «Man müsste tatsächlich einmal Worte wie ‹Klimakatastrophe› oder zumindest ‹Klimaverschlechterung› in den Mund nehmen, um der Tatsache gerecht zu werden, um die es einem politisch geht.»

Simple Sprache gewinnt

Solche kleinen, aber feinen Unterschiede im Framing nutzten bislang vor allem Rechtspopulisten geschickt, sagt Wehling. Bestes Beispiel: der neue US-Präsident Donald Trump.

Dieser sagt: Wir bauen eine Mauer. Er verliert sich nicht in abstrakteren Dingen wie: Wir müssen die Immigration in unser Land wieder stärker regulieren. «So kommt er bei den Menschen an, weil er Dinge klar benennt. Und vor allem ist es eine Sprache, die unserer Alltagssprache gleicht.»

Macht der Sprache nutzen

Elisabeth Wehling hat Trumps Sprache im Wahlkampf analysiert. Das Resultat: Trump verwende Sprache auf dem Niveau eines Viertklässlers. Doch die Linguistin sieht das nicht als Schwäche. Im Gegenteil: Alltagssprache erreiche die Menschen am besten. Zudem habe Trump mit seiner Wortwahl genau die Bilder heraufbeschworen, die zu seiner Weltsicht passen.

Trump kommt bei den Menschen an, weil er Dinge klar benennt.
Autor: Elisabeth WehlingSprachwissenschaftlerin

Auch Politiker, die inhaltlich nichts mit Trump gemein hätten, könnten sich in dieser Hinsicht ein Beispiel an ihm nehmen. Jede Partei müsse sich sprachlich selbst gerecht werden. Das sähen wir derzeit noch nicht genug, meint Wehling: «Viele Parteien und Gruppen kommunizieren ihre eigene Interpretation der Politik nicht klar. Das ist eine Sache, die man ändern kann – zum Teil relativ schnell.»

Aber nicht nur die Politik kann etwas ändern, um besser zu den Menschen durchzudringen. Auch jeder einzelne ist gefragt: Wer seine Wahrnehmung für vermeintlich harmlose Wörter schärft, der nutzt die Macht der Sprache zu seinem eigenen Vorteil.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 31.01.2017, 12:10 Uhr

Elisabeth Wehling

Elisabeth Wehing

Elisabeth Wehling ist Linguistin an der University of California in Berkeley, USA. Sie forscht mit dem Schwerpunkt politische Sprach- und Kognitionsforschung. Mit dem Thema befasst sie sich unter anderem im Buch «Politisches Framing: Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht».

Die Macht der Sprache

37 Kommentare

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  • Kommentar von Max Blatter (maxblatter)
    Es gibt noch etliche andere Beispiele, in denen für himmelschreiende Fakten ein beschönigender Begriff verwendet wird. Oft mit dem Nebeneffekt, dass ein harmloses Wort eine negative Bedeutung bekommt. - Mich ärgert zum Beispiel die Verwendung des Begriffs "pädophil": Er bedeutet wörtlich "kinderliebend" - und ich hoffe doch sehr, dass jeder Vorschullehrer, jede Unterstufenlehrerin genau das ist! Warum nicht für den Missbrauch von Kindern das zutreffende Wort "pädosexuell" verwenden?
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  • Kommentar von M. Roe (M. Roe)
    Das ist völlig daneben. Da sieht man, dass 99% der EU keine Ahnung hat, was ein Amerikaner ist. Trump verwendet die gleiche Sprache, die alle westlichen Politiker zu Hause anwenden. Das einzige was er anders macht ist, dass er sich nicht verstellt! Es ist gut, wenn uns endlich jemand zeigt, dass es auch offen +ehrlich geht. Ich glaube nicht, dass es darauf an kommt, wie Europäer Trump "verstehen" sondern es kommt darauf an, was er zustande bringt. Die "unehrliche" Elite soll endlich abwarten.
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    1. Antwort von Tom Osterhagen (TommyO)
      Dass Trump eine sehr einfache Sprache spricht, ist wohl unbestritten. Ich höre das fast nie bei anderen Politikern. Ob einfach auch gleich ehrlich ist, das wird sich zeigen. Ich zweifle da momentan sehr daran.
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    2. Antwort von Christa Wüstner (Saleve2)
      die beiden Worte ehrlich und unehrlich sind zwei Begriffe die mit aller Vorsicht angewandt werden müssen. Ich kann erst das eine oder andere behaupten, wenn die beiden Begriffe auch eindeutig mit Taten und Fakten belegt werden können. Alles andere sind eigene Vorstellungen oder Wünsche. Deshalb werden sie auch oft umschrieben, um sich nicht falsch festzulegen. Z.Bsp. Es könnte sein oder ist die Darstellung auch bewiesen.
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  • Kommentar von Christa Wüstner (Saleve2)
    Ich kann einen Begriff bei einer Meinung durch die Macht der Sprache, durch einen einen stärkeren oder schwächeren Ausdruck ersetzen, und verändere dadurch das Prinzip der Meinung nicht. Würde es nur schärfer oder schwächer ausdrücken, ohne den Sinn zu verändetn..
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    1. Antwort von Nicolas Dudle (Nicolas Dudle)
      Das mag für Leute stimmen, die sich der psychologischen Mechanismen bewusst sind und sich davon nicht in die Irre führen lassen. Die heutige Art des Politisierens bedient sich nicht zuletzt dieser Mechanismen, weil sie weiss, dass der Anteil dieser Menschen geringer ist als jener, der sich von Wort- und Bilderwahl leiten lassen. Leitung durch Wort- und Bilderwahl ist nichts anderes als gezielte Manipulation.
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    2. Antwort von Severin Heck (Selber denken und prüfen)
      Sie sollten mal die grundsätzliche absurdität erfassen: Die Legislatur dreht sich darum einen 'Gesetzestext' zu verfassen. Es spielt absolut keine Rolle wie die 'Verfasser' der Gesetzestexte aussehen oder sich Gebahren. Anstelle von Juristischer oder Fachlicher Kompetenz wird heute Schauspielerisches Können bewertet. Und genau das wird in den Medien wiedergegeben. Das ist krank. So kamen destruktivste Wölfe/Wölfinnen im Schafspelz in Machtpositionen!
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