Mitra Devi mordet, malt und liebt das Morbide

Mitra Devi mordet gern – am liebsten in Zürich. Sie schreibt Krimis, dreht Dokumentarfilme und malt im Banne des Abgründigen und Unheimlichen. Ihre Kunst bietet mörderische Unterhaltung und wohliges Schauern – und hat viel mit ihren eigenen dunklen Seiten zu tun.

Mitra Devi brachte sich schon im Kindergarten selber Lesen und Schreiben bei: erst verfasste sie harmlose Tiergeschichten, dann wurden diese immer schauriger. Ihre jüngere Schwester war ihre erste Zuhörerin – nicht ganz freiwillig allerdings: «Ich konnte als Kind oft lange nicht einschlafen», erinnert sich die Autorin, «da habe ich meiner Schwester extra unheimliche Geschichten erzählt, um auch sie wachzuhalten. Und wenn sie währenddessen einschlief, war ich sauer auf mich selber und dachte: Du hast einfach zu wenig spannend erzählt.»

Minutiös geplant, pingelig recherchiert

Mittlerweile ist Mitra Devi 50 Jahre alt und eine preisgekrönte Krimiautorin: seit 2001 sind 14 Bücher erschienen, darunter einige schwarzhumorige Perlen, die auch als «Schreckmümpfeli» im Radio gesendet wurden. Ihre mörderischen Geschichten sind minutiös geplant, pingelig recherchiert und spielen meist in ihrer Heimatstadt Zürich und Umgebung. «Es ist eine ideale Krimistadt, vielseitig, Multikulti, gross und anonym, aber doch klein genug, um auf der Strasse Bekannte zu treffen, wenn man das will», sagt Devi.

Eine grosse Faszination für das Abgründige, für Schattenseiten und das Morbide hatte Mitra Devi schon immer: «Als Kind trug ich düstere Kleider», erzählt sie, «ich wollte Geheimnisse ergründen und habe allem misstraut, was zu harmonisch war oder zu schön. Ich dachte, das hat bestimmt einen Haken – und meistens hat es den ja auch.»

Der Tod als prägender Begleiter

Eine Frau mit kurzen Haaren sitzt auf die Rückenlehne gestützt auf einem Stuhl.

Bildlegende: Morbider Tausendsassa: Mitra Devi. Bea Huwiler

Ihr Leben verlief nicht immer gradlinig, sie lebte in Israel und Indien, war Marionettenbauerin und Bio-Gärtnerin und selber einige Male dem Tod nahe. Ihr Schlüsselerlebnis war 1980, Mitra Devi schildert es so: «Mit 16 Jahren war ich am Trampen in Italien. Kurz nach einem Bombenattentat war ich am Bahnhof angekommen, es gab über 80 Opfer. Überall lagen reglose Körper und ich wusste: Ich bin nur um Haaresbreite dem Tod entronnen.»

Um Leben und Tod geht es auch in vielen ihrer Bilder, mit etlichen Totenköpfen und speziellen Tieren: «Ich male oft Amphibien oder Insekten», so die Künstlerin, «mein Herz schlägt für unbeliebte Tier, überhaupt für ungeliebte Wesen.»

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Trailer des Dokumentarfilms «Gothic»

4:15 min, vom 25.7.2014

Mythische Sinnsuche in der Gothic-Szene

Über Menschen am Rande der Gesellschaft erzählen auch ihre Dokumentationen. Zurzeit schneidet sie einen Film über die düstere, morbide Gothic-Szene. Sechs Schweizer Anhänger dieser kultigen Bewegung geben darin Einblick in ihren Alltag, sprechen über Licht und Dunkelheit und über ihre mystische Sinnsuche.

Von deren Abgründen fühlt sich Mitra Devi stark angezogen, auch wenn sie die schwarze, durchgestylte Aufmachung nicht teilen mag. Mitra Devi trägt täglich Converse-Turnschuhe: jeden Tag eine andere Farbe.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Mitra Devis Faszination für die morbiden Abgründe des Lebens

    Aus Kulturplatz vom 16.7.2014

    Ihr Instinkt für unheilvolles, kriminelles Geschehen hat ihr nicht nur zur begnadeten Krimiautorin verholfen. Mitra Devis Faszination für das Bedrohliche treibt sie auch beim Malen und beim Filmen an. Zurzeit produziert die rastlose 50-jährige Zürcherin eine Dokumentation über die Schweizer «Gothic»-Szene – ein Kreis von Menschen, die mit viel Fantasie dem Morbiden huldigen. Unheimliches hat Mitra Devi mehrfach selber real erlebt. Aus diesen prägenden Erfahrungen schöpft sie die Inspiration für ihre schauerlich-schönen Geschichten, ohne dabei den Boden unter den Füssen zu verlieren.

    Sandra Steffan

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