Moderne Mütter und die Illusion der Gleichberechtigung

Für Autorin Sibylle Stillhart war es ein Schock: Sie erlebte die Zeit mit Beruf und zwei kleinen Kindern als unlösbare, aber gesellschaftlich etablierte Überforderung. In ihren Augen ist die angebliche Vereinbarkeit von Familie und Beruf eine grosse Machbarkeitslüge.

Ein Schattenbild einer Familie. Die Mutter hat einen Luftballon in der Hand.

Bildlegende: Die Familienidylle kann trügen: Moderne Mütter sind oft Einzelkämpferinnen. Photocase

Mit der Geburt der Kinder schlägt die Stunde der Wahrheit: Autorin Sibylle Stillhart selbst arbeitete zu dem Zeitpunkt auf einer 50-Prozent-Stelle als Kommunikationsverantwortliche, während ihr Mann mit 85 Prozent leitender Journalist war. Eine Weile, so schildert sie, konnten sie die Aufteilung der Hol- und Bringdienste in die Krippe einigermassen einhalten.

Der Haushalt aber lag bald ganz in ihrer Hand. Und zeitgleich mit der Geburt des zweiten Kindes wurde ihr Mann befördert und musste in eine andere Stadt pendeln. Ab diesem Zeitpunkt war es an ihr allein, das Familienschiff zu steuern: ein Hetzen zwischen den Anforderungen von Kindern, Haushalt, und Arbeit, das sie mit permanenter Erschöpfung und schlechtem Gewissen bezahlte.

Kein Bewusstsein in der Gesellschaft

Problematisch sei einerseits das Fehlen von unterstützenden Strukturen und andererseits eine Gesellschaft, die sich dieser Problematik gar nicht bewusst ist. Stillhart beschreibt, wie die Sekretärin an ihrer Arbeitsstelle gegen sie stichelte – und wie Freunde und auch moderne Väter ihren Fragen mit der Haltung begegneten, dass die Männer natürlich mit anpacken und die Frauen also deutlich entlasten würden.

Diese Entlastungen aber sind meist nur punktuell. Dass Frauen oft allein den Überblick über das ganze Familiengeschehen haben und die Gesamtverantwortung stemmen, erklärt sich darin, dass sich für Frauen nach der Geburt der Kinder meist die Prioritäten ändern – während sie für Männer klassischerweise bei Arbeit und Karriere liegen.

In einem historischen Exkurs weist Stillhart nach, dass im Bürgertum des 19. Jahrhunderts und verstärkt im 20. Jahrhundert die Ernährerrolle des Mannes zu einer festen Grösse wurde.

Persönlich zieht sie irgendwann die Konsequenz und kündigt ihre Stelle. Als freie Journalistin und Autorin ist sie nun in einer Arbeitssituation, die es ihr erlaubt, mit dem unvorhersehbaren Familienalltag mit kleinen Kindern flexibel umzugehen, statt wie anhin «den Beruf an den Kindern vorbeizujonglieren».

Gleichberechtigung nur für kinderlose Frauen

Da Stillhart ihre Situation aber nicht als individuelle, sondern eher als typische betrachtet, geht sie diesem Phänomen mit Recherchen in der Schweiz nach. Sie befragt eine Burnout-Expertin, eine Familienforscherin, den Direktor des Arbeitgeber-Verbandes und den Kinderpsychologen Remo Largo.

Stillhart kommt zu ernüchternden Ergebnissen: Echte Gleichberechtigung könnten Frauen nur erleben, wenn sie kinderlos blieben, sagt die Familienforscherin. Dass Gesellschaften so enorm auf der unbezahlten Familienarbeit basieren, ist ein mächtiger Wirtschaftsfaktor, so dass dagegen kaum anzukommen sei, bestätigt auch Remo Largo. Frauen müssten kämpfen, am besten eine Familienpartei gründen.

Stillharts Fazit ist, dass die Anforderung an die moderne Frau, beruflich voll leistungsfähig zu sein, sich einfach dem hinzuaddiert, was sie immer schon stemmte. Das aber sei keine Emanzipation. Das sei «eher das Leben einer Sklavin, die es allen recht machen muss.»

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