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Gesellschaft & Religion Moderne Sklaverei: Das Elend der Indonesierinnen in Hongkong

Sie kommen nach Hongkong, um Geld zu verdienen: Die indonesischen Gastarbeiterinnen. Doch in der Megametropole werden sie wie Sklavinnen behandelt und sind oft noch ärmer als zuhause. Nach einem Fall, der die Öffentlichkeit schockiert hat, formiert sich nun immer mehr Widerstand.

Zwei Frauen zeigen Transparente mit der Aufschrift "No to Human Trafficking!" und "No to Modern Day Slavery!"
Legende: Proteste in Hongkong: Maids zeigen schockierende Bilder der indonesischen Gastarbeiterin Erwiana. Keystone

Eine «Maid» haben, eine ausländische Hausangestellte, gehört in Hongkong zum guten Ton. Gut 400‘000 solcher Maids leben und arbeiten in Hongkong. Mehr als die Hälfte von ihnen kommt aus Indonesien. Vor totaler Willkür sind die Hausangestellten geschützt durch rudimentäre Gesetze. Vor Ort setzen sich verschiedene Organisationen dafür ein, dass diese eingehalten werden.

Man stösst schnell auf Tragödien

Darunter auch Mission 21, ein christliches Hilfswerk aus Basel. In einem Projekt, das Mission 21 zusammen mit der lokalen Organisation Christian Action unterhält, arbeitet für ein Jahr auch die Schweizer Sozialarbeiterin Stefanie Wirz. Sie berät die Frauen, wenn es darum geht, Vertragsverletzungen vor dem Arbeitsgericht einzuklagen.

Eine Frau mit Brille sitzt an einem Arbeitsplatz und lacht in die Kamera.
Legende: Die Schweizerin Stefanie Wirz arbeitet für ein Jahr als Sozialarbeiterin in Hongkong. SRF / Deborah Sutter

Auf den ersten Blick scheint alles geregelt und klar zu sein. Auf den zweiten Blick hingegen kommen schnell Ungereimtheiten, ja Tragödien zum Vorschein. Das ganze Ausmass des Elends zeigt sich bei einem Besuch im Shelter, der Notunterkunft von Mission 21 und Christian Action. Rund 15 Indonesierinnen, die gegen ihre Arbeitgeber klagen, wohnen in der Notunterkunft.

Ein Hongkonger Gesetz bestimmt, dass die Maids zwingend bei ihren Arbeitgebern leben müssen. Wenn sie vor Gericht klagen, dürfen sie nicht arbeiten. Arbeiten sie nicht, sind sie obdachlos. Einige sind schon seit Monaten im Shelter, wohnen in einem Zimmer mit zehn Kajütenbetten.

Schamlose Bereicherung der Agenturen

Über ihre Erlebnisse sprechen die Frauen nur zögerlich. «Ich habe nie den Minimallohn erhalten und musste natürlich trotzdem die Agenturgebühren zahlen. Ich kam her, um Geld zu verdienen – doch unter dem Strich hatte ich noch weniger als zuhause», erzählt eine der Frauen. Die Gebühren für die Vermittlungsagenturen, die die Indonesierinnen nach Hongkong bringen, verschlingen den Grossteil ihres Lohnes. Ähnlich wie bei Zuhältern: «Die Agenturen suchen in den Dörfern in Indonesien die gesunden, jungen Frauen aus und versprechen den Familien viel Geld», sagt Stefanie Wirz.

Ganz klar Menschenhandel

Eine andere Frau im Shelter berichtet: «Für meinen Arbeitgeber kochte ich nur abends, also musste ich mir Frühstück und Mittagessen selber kaufen. Aber mit dem wenigen Geld, das ich hatte, konnte ich mir nichts Rechtes kaufen und hatte oft Hunger.» Mit tränenerstickter Stimme fügt sie hinzu: «Ein Bett hatte ich nicht, ich musste in der Küche auf dem Boden schlafen, neben dem Abfalleimer.»

Die Frauen im Shelter sind sich einig: Das Leben hier ist nicht so, wie sie es sich vorgestellt hatten. Die Indonesierin Vivi, die Verantwortliche der Notunterkunft, sagt deutlich, was sie über die Vermittlungsagenturen denkt: «Die funktionieren wie die Mafia, kaufen die Mädchen in Indonesien und knöpfen ihnen dann willkürliche Gebühren ab. Es ist ganz klar Menschenhandel, was da getrieben wird.»

Ein Fall weckt die Öffentlichkeit

Amnesty International kommt zum gleichen Schluss, nachdem die Organisation die Situation der Indonesierinnen in Hongkong untersucht hat. Amnesty wirft den Regierungen von Hongkong und Indonesien vor, nicht genügend dagegen zu unternehmen. Die geltenden Regeln förderten vielmehr die Gefahr von Ausbeutung und Gewalt. «Ich denke nicht, dass von Seiten der Regierungen die Bereitschaft da ist, die Regeln zu ändern», sagt Stefanie Wirz. Nicht selten nämlich seien Regierungsangestellte in die Geschäfte mit den Domestic Helpers verstrickt.

Gruppenbild verschiedener Indonesierinnen und zwei Helfern, um einen Tisch herum gruppiert.
Legende: Einige der Indonesierinnen, die im Shelter unterkommen. SRF / Deborah Sutter

Doch der internationale Druck wächst: Kürzlich hatte der Fall von Erwiana weltweit für Schlagzeilen und Empörung gesorgt. Erwiana, eine indonesische Maid, wurde im Januar entkräftet am Flughafen in Indonesien aufgegriffen. Ihr abgemagerter Körper war übersät mit Verletzungen, sie konnte kaum mehr gehen. Doch anders als so viele vor ihr schwieg sie nicht. Sie sagte, wer ihr das angetan hatte: Ihre Arbeitgeberin schlug, quälte, erniedrigte sie. Die Chinesin wurde wenig später verhaftet und angeklagt.

Die Regierungen sind gefordert

Tausende protestierten in Hongkongs Strassen gegen das Unrecht, das die junge Frau erlitten hatte; sie forderten, dass die Arbeitgeberin zur Rechenschaft gezogen wird. Diese muss sich nun vor Gericht verantworten.

Die 23-jährige Erwiana Sulistyaningsih wurde damit zur Anwältin aller Domestic Helpers in Hongkong. Ende April hat das Time-Magazin Erwiana unter die 100 einflussreichsten Personen weltweit gewählt und über sie geschrieben: «It is brave women like her who speak out for the voiceless and create lasting change.» (Es sind mutige Frauen wie sie, die den Stummen eine Stimme geben und so nachhaltige Veränderung bewirken.)

Natürlich macht diese Wahl das Leid, das Erwiana erlitten hat, nicht ungeschehen. Doch es zeigt, dass das Unrecht nicht mehr länger vertuscht werden kann. Die Regierungen von Hongkong und Indonesien sind nun gefordert.

1 Kommentar

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  • Kommentar von Ulrich Bauer, 8824 Schönenberg/ZH
    Der Arbeitgeber trägt die Verantwortung für seine Angestellten Ich frage mich, was das für Menschen sind, die, anstatt für das Wohl ihrer Angestellten, die ihnen die Drecksarbeit abnehmen, zu sorgen, diese noch quälen. Die Vorstellung, dass so missbrauchte Menschen auch noch im Haushalt des Arbeitgebers wohnen, und die Bewohner diesen tagtäglich begegnen, ist kaum zu ertragen. Solches Handeln muss bekämpft werden. Ein Dankschön all denen, die dies aus Überzeugung mutig tun !
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