Zugedröhnt, aber voller Kraft: der legendäre Gig der Anita O’Day

Anita O'Day erlebte am Jazzfestival in Newport 1958 einen ganz besonderen Moment in ihrer Karriere. Lag es an der frischen Meeresluft? Oder am familiären Ambiente? Das auch! Aber für die Sängerin spielten noch ganz andere Ingredienzien eine Rolle.

Anita O'Day beim Newport Jazz Festival mit Hut und weissen Handschuhen am Mikrofon

Bildlegende: Knallvoll oder wie sie selbst sagte: «I was high as a kite, but I was really functioning.» Bert Stern

  • Anita O'Day ist beim Newport Jazzfestival 1958 vollgepumpt mit Heroin. Den Schuss hat sie sich selbst gesetzt. Normalerweise macht das ihr Schlagzeuger John Poole.
  • Dementsprechend torkelt sie die Treppe zur Bühne hoch und stolpert auf dem Weg zum Mikrofon. Aus «Tea for Two» macht sie in ihrer Verfassung «Hackfleisch», wie die «New York Times» schreibt.
  • Bert Stern ist zu der Zeit einer der bekanntesten Modefotografen. Er lichtet sie alle ab, von Marilyn Monroe bis Twiggy. Stern dreht eine Dokumentation: «Jazz On A Summer's Day» gilt heute als eine der denkwürdigsten Musikdokumentationen.

Anita O'Day singt, Bert Stern filmt

«Von den vier Autritten in Newport war der von 1958 der Wendepunkt. 1956 hatten wir nicht genug geprobt. 1969 sang ich im Regen. 1979 war es einfach schön, wieder mal da zu sein, aber an 1958 erinnere ich mich von ganzem Herzen.» Anita O'Day lässt in ihrer spektakulären Autobiografie «High Times, Hard Times» keine Zweifel aufkommen, was ihr dieser Auftritt bedeutet.

Es kommt alles zusammen an diesem 6. Juli 1958 im Küstenstädtchen Newport auf Rhode Island zwischen Boston und New York. Bei schönstem Wetter spielen die unterschiedlichsten Jazzgrössen von Louis Armstrong bis Thelonious Monk, aber auch aufkommende Stars des Rock'n'Roll wie etwa Chuck Berry.

Weisse Handschuhe und Plastikpumps

Der bekannte Modefotograf Bert Stern taucht mit dem Musikproduzenten Aram Avakian und einem Filmteam auf, und realisiert mit «Jazz On A Summer's Day» ein einzigartiges Dokument des Festivals.

Hätte Anita O'Day gewusst, dass ausgerechnet Bert Stern mit einem Kamerateam vor Ort war, hätte sie womöglich eine umfassende Modeberatung in Anspruch genommen. So sagt sie der Italienerin im Kleiderladen in Greenwich Village lediglich, sie trete zur Teatime, also um fünf Uhr nachmittags auf.

Die gibt ihr ein schwarzes Kleid und einen Wagenradhut mit weissen Federn. O’Day kombiniert kurze weisse Handschuhe dazu und Plastikpumps. Weil es kurz zuvor geregnet hat, sieht man sie vor dem Aufgang zur Bühne noch etwas Schlamm von den Schuhen wischen.

Voll verladen, aber einsatzfähig

Anita O'Day mit Hut und weissen Handschuhen am Mikrofon

Bildlegende: Teatime ist anders, der legendäre Auftritt weckt das Publikum aus seinen Liegestühlen. Bert Stern

Was man im Film von Bert Stern nicht sieht, ist die Medikation, die sich Anita O'Day vor ihrem Auftritt in der Garderobe verabreicht. Sie ist zu der Zeit stark heroinabhängig und lässt sich den Stoff jeweils von ihrem Schlagzeuger John Poole spritzen.

«I was high as a kite, but I was really functioning», beschreibt sie ihren mentalen und körperlichen Zustand in «High Times, Hard Times»: voll verladen, aber einsatzfähig.

Anita O'Day hat den frühabendlichen Auftritt nicht ungern. Sie will ihr Publikum sehen, vor allem wie es auf sie und ihre Musik reagiert. In den Zwischenschnitten auf die in Liegestühlen hängenden Jazzfans zeigt Bert Stern aufs Schönste, dass da tatsächlich eine Reaktion erfolgt. Immer mehr erwachen aus dem Sonntagnachmittagsnickerchen und gehen mit O’Day und ihrer Band voll mit.

Und die legt auch mächtig vor. «Sweet Georgia Brown» und «Tea For Two» sind zwar damals schon olle Kamellen. Aber die Art und Weise, wie sie hier angegangen werden, ist nicht ohne. Gerade bei «Tea For Two» gibt Anita O'Day ein so forsches Tempo vor, dass die «New York Times» später schreibt, sie habe aus dem Stück «Hackfleisch» gemacht.

Diese spezielle Mischung mit «Tea For Two» in rasendem Tempo, dem ladyliken Styling der Sängerin und dem Wissen um ihre Drogensucht, machen diesen kurzen Ausschnitt aus «Jazz On A Summer’s Day» zu etwas ganz Besonderem. Schon nur die Stills sieht man dadurch mit ganz anderen Augen.

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Auf Radio SRF 2 Kultur sind die Momentaufnahmen vom 2. bis 6. Januar 2017 zu hören jeweils um 8.20 Uhr.