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Gesellschaft & Religion Moralische Grenzen für den Kapitalismus

Der Handel mit Flüchtlingsquoten, Verschmutzungskontingenten oder Adoptionsrechten ist längst Realität. Harvard-Philosoph Michael J. Sandel hinterfragt in seinem Buch «Was man für Geld nicht kaufen kann» das aktuelle Marktdenken.

US-Dollarnoten liegen verstreut da, zum Teil mit Schmutzflecken bedeckt.
Legende: Michael J. Sandel stellt die Frage: Was soll käuflich sein - und was nicht? sxc.hu

Finden Sie, man sollte ein Adoptivkind ersteigern dürfen? Das ist eine der Fragen, die Michael J. Sandel seinen Leserinnen und Lesern stellt. Oder: Ist es moralisch vertretbar, mit Lebensversicherungen von Schwerkranken zu handeln? Einem Patienten 50'000 Franken für eine dringende Behandlung vorzuschiessen, nach seinem Tod die Versicherungssumme von 100'000 zu kassieren und so eine Traumrendite zu erzielen, sofern der Versicherte bald stirbt. Sollte er länger leben, schmälert er die Rendite - oder verursacht gar Verluste. Unternehmerisches Risiko.

Der Markt ist allgegenwärtig

Porträtaufnahme des Moralphilosophen Michael J. Sanders.
Legende: Kämpft für moralische Grenzen des Marktes: Moralphilosoph Michael J. Sandel. Me Judice / Wikimedia

In seinem Buch «Was man für Geld nicht kaufen kann» zeigt Michael J. Sandel auf, wie sich die Märkte in den letzten drei Jahrzehnten in Lebensbereiche ausgedehnt haben, «in die sie nicht gehören».

Der 60jährige Oxford-Absolvent, der seit 1980 in Harvard lehrt, nennt beispielsweise Gesundheit, Bildung, Fortpflanzung, Flüchtlingspolitik, Umweltschutz. Er findet, dass hier andere Massstäbe gelten als der Markt. Manche Bereiche sollten ihm entzogen sein.

Beschädigung von Werten

«Bestimmte Güter sind mit Werten verbunden, die über den Nutzen für einzelne Käufer und Verkäufer hinausgehen», schreibt Sandel. Die Handelbarkeit eines Guts kann höchst problematisch sein. Sie «korrumpiert» dieses Gut, stellt er fest.

Eine Schule, die Kinder fürs Lesen von Büchern bezahlt, entwertet das Lesen und die Bildung an sich. Wer Blutspendern für ihr Blut Geld bezahlt, beschädigt deren altruistisches Denken. Ein reicher Staat, der einem armen Luftverschmutzungsrechte abkauft, stellt Grundsatzgedanken des Umweltschutzes in Frage. Wer die Hochzeitsansprache für den besten Freund im Internet kauft, muss sich den Zweifel gefallen lassen, ob seine Rede wirklich von Herzen kommt.

Nötig ist die politische Diskussion

Die Ausdehnung der marktwirtschaftlichen Werte auf alle Lebensbereiche untergrabe die Grundwerte der westlichen Gesellschaften, resümiert Sandel. Deshalb fordert er eine breite gesellschaftliche und politische Diskussion: Was soll käuflich sein - und was nicht?

Letztlich geht es ihm darum, welchen Wert die Gesellschaft dem Menschen und seinem Wohlergehen zumisst. Es geht um den Kern unseres Weltbilds.

Buchhinweis

Michael J. Sandel: Was man für Geld nicht kaufen kann. Die moralischen Grenzen des Marktes. Ullstein, 2012.

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